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Großbritannien
Die "Aldi Mum" - das Sinnbild der sozialen Misere

Großbritannien: Die "Aldi Mum" - das Sinnbild der sozialen Misere
Ein Aldi-Markt in Manchester. FOTO: dpa, mb rf tba
Worcester . Im britischen Wahlkampf ist dieser Tage viel die Rede von den Frauen, die ihre Familie nur noch durch das Einkaufen im Discounter über Wasser halten können. Und SIE gilt als Sinnbild der sozialen Misere der Mittelschicht in Großbritannien: die "Aldi Mum".

Schuld an der Misere ist nicht nur nach Ansicht der Opposition die regierende Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten - auch die Anglikanische Kirche hat die Sozialpolitik von Premierminister David Cameron schon scharf kritisiert.

Ganze Städte und Regionen seien in einer "scheinbar unentrinnbaren wirtschaftlichen Abwärtsspirale" gefangen, die durch Sozialkürzungen weiter verschärft werde, schrieb der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, in einem Beitrag für ein Mitte Januar vorgestelltes Buch. Während London und sein Umland ständig weiter wüchsen, seien die meisten anderen Städte in einem "scheinbar unaufhaltsamen Niedergang" begriffen.

Die Essaysammlung "On Rock or Sand?" (Auf Fels oder Sand?) kritisiert, dass sich unter Cameron die Spaltung der Gesellschaft verschärft habe. Das Buch verurteilt das "Übel" der Ungleichheit und wirft der Gesellschaft vor, seit den marktliberalen Reformen von Premierministerin Margaret Thatcher "Konsumverhalten und Individualismus" zu huldigen.

Preise steigen, Löhne stagnieren

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während die Preise in den vergangenen fünf Jahren um 11,5 Prozent anstiegen, legten die Gehälter im gleichen Zeitraum nur um 7,5 Prozent zu, wie das Nationale Statistikamt mitteilte. Einen Rückgang der Reallöhne wie in den vergangenen fünf Jahren habe Großbritannien zuvor noch nicht erlebt, sagt Wirtschaftsprofessor Simon Wren-Lewis von der Universität Oxford. Zwar sei seit 2013 auch die Arbeitslosenzahl gesunken, aber ein großer Teil der neuen Jobs werde extrem schlecht bezahlt.

So nimmt die Ungleichheit immer weiter zu: Während die reichsten zehn Prozent in London in den Jahren 2007 bis 2013 ihr Vermögen um ein Viertel erhöht hätten, seien die Einkünfte der ärmsten zehn Prozent im selben Zeitraum um ein Fünftel gefallen, heißt es in einer Studie der London School of Economics.

Vor allem die Kürzungen im öffentlichen Bereich haben Großbritannien zugesetzt. "Jedes Jahr wird alles teurer und unsere Gehälter bleiben die gleichen", klagt Phil Birchley aus Worcester, dessen Frau für den National Health Service arbeitet. Sue Brennan, die ebenfalls in dem von den Konservativen gehaltenen Wahlkreis lebt, kauft nur noch bei Aldi ein. Das gesparte Geld müsse sie in einen neuen Boiler investieren, erzählt Brennan, deren Mann seinen Job als Polizist verloren hat.

Die radikale Sparpolitik sei nötig gewesen, um das von der Labour-Vorgängerregierung verursachte "Wirtschaftschaos" zu beseitigen, verteidigte Cameron am Dienstag bei der Vorstellung des Wahlmanifests der Konservativen sein Vorgehen. Für den Fall einer Wiederwahl versprach er den Briten aber ein "gutes Leben".

Über 900.000 Menschen brauchen Hilfe der Tafeln

In den Ohren vieler Bewohner des Vereinigten Königreichs dürfte das wie Hohn klingen. Rund 913.000 Menschen waren laut dem Trussell Trust in den Jahren 2013/2014 für ihre Ernährung auf Tafeln angewiesen, 2010/2011 waren es nur 61.500. Der Trussell Trust betreibt rund 400 Tafeln, landesweit gibt es mindestens 850. Hauptursache dafür sei, dass die Preise für Lebensmittel von 2003 bis 2013 um 47 Prozent stiegen, die Kosten für Wohnraum um 30,4 Prozent, stellte eine parlamentarische Untersuchungskommission im vergangenen Jahr fest.

Cameron will die Härten nun unter anderem durch eine Steuerbefreiung für Menschen abmildern, die den Mindestlohn oder weniger bekommen. Die oppositionelle Labour-Partei verspricht unter anderem, Gas und Strom billiger zu machen. Dass dies bei weitem nicht ausreicht, dürfte allen Beteiligten klar sein. Für wessen Rezepte sich die Wähler entscheiden, ist gut drei Wochen vor dem 7. Mai noch unklar. In Sachen Wirtschaft trauten die Wähler aber den Konservativen eine größere Kompetenz zu, sagt Gideon Skinner vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori.

lan/ogo

AFP

(AFP)
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