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Kolumne: Gesellschaftskunde
Nostalgisches Vergnügen: Baden in der Innenstadt

Düsseldorf. Flussbäder sind gefragt, viele Großstädte locken mit Strandabschnitten an die Ufer ihrer Kanäle. Das Wasser gibt ihnen ein Image der Sauberkeit - und ihre Bewohner entkommen auf kurze Zeit in die Sommerfrische gleich nebenan. Von Dorothee Krings

Die nackten Füße in den Sand stecken, aufs Wasser blicken, das zügig vorüberfließt, und doch mitten in der Stadt sein, umgeben von Hochhäusern, Restaurants, urbanem Leben: In vielen Metropolen kommen Flussbäder wieder in Mode. An der Seine, der Spree, der Isar oder dem Rhein wird Sand aufgehäuft, werden Liegestühle aufgeklappt und Cocktailbuden eröffnet. Mitten im pulsierenden Großstadtleben werden Oasen geschaffen, in denen die Städter ein paar Stunden Nah-Karibik erleben können.

Schon gibt es Bestrebungen, auch das Wasser wieder zu nutzen wie einst, als das Bad im Fluss in den schnell wachsenden Industriemetropolen ein beliebtes Vergnügen war. Wieder in der Spree schwimmen wie vor 100 Jahren, das ist Nostalgie pur. Entspannen wie am Meer, nur ohne Anfahrt.

Nach dem Eiskaffee im Sand sind die Flexiarbeiter gleich wieder im Büro. Sommerfrische für die Digital-Malocher. Es ist wohl kein Zufall, dass die Flussbäder gerade jetzt so viele Menschen bewegen, obwohl ihr Unterhalt teuer ist. In Berlin etwa kämpft eine Initiative für die Rückeroberung der Spree, organisiert Spaßwettkämpfe im Wasser und Diskussionsabende am Ufer.

Dein Freund, der Fluss, ist das neue Fürsorgeobjekt für Aktivisten, die sich in der Nachbarschaft engagieren, ihr direktes Lebensumfeld verschönern wollen. Ihr Engagement passt zu Bewegungen wie dem urbanen Gärtnern auf öffentlichen Grünstreifen oder der Renaissance der Schrebergärten. Man träumt sich nicht mehr raus aus der Stadt, sondern hinein in die grünen Zellen downtown.

Auf den Spaßfaktor Natur möchte man jedenfalls nicht verzichten, also werden Hinterhöfe in Idyllen verwandelt, großflächige Balkone an die Häuser geflanscht, darauf Erdbeeren gezogen und mobile Grills in die Parks gerollt. In der lebenswerten Stadt ist jede Menge los, aber es gibt auch Nischen der Ruhe, Einsprengsel von Urwüchsigkeit, die für begrenzte Zeit ein anderes Leben ermöglichen.

Zudem steht Wasser für Sauberkeit. Großstädte, die ihre blauen Adern pflegen, sich um die Wasserqualität mühen und ihre Flüsse freigeben, arbeiten an ihrem Image. Natürlich wirkt es attraktiv, wenn in München junge Leute auf der Isar surfen oder in Berlin auf der Spree zumindest ins Badeschiff tauchen. Blaumachen in der Stadt ist ein reines Vergnügen: Der urbane Mensch entkommt der Entfremdung, er steckt den Kopf in den Sand. Und wenn er wieder am PC hockt, rieselt es leise. Ach, war das schön!

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Quelle: RP
 
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