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Markus Söder
Die Charme-Offensive eines Polit-Rabauken

Markus Söder: Die Charme-Offensive eines Polit-Rabauken
Markus Söder versucht einen Imagewechsel. FOTO: dpa, shp kno
München. Markus Söder gibt sich neuerdings freundlich und seriös. Nur so kann er bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender werden. Von Patrick Guyton

Es ist nur ein kleiner Empfang, der dem Politiker vor dem Bierzelt in München-Großhadern gemacht wird. Da stehen Bayerns Kultus- und Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle, zwei CSU-Lokalpolitiker sowie zwei Polizisten, als die schwarze Audi-Limousine vorfährt. Markus Söder steigt aus und wird begrüßt. Der bayerische Finanzminister geht dann gleich auf die Polizisten zu und schüttelt beiden kräftig die Hand. So ist es höflich, so benimmt man sich als CSU-Spitzenpolitiker.

Der Defiliermarsch zum Einlaufen

In Großhadern ist Frühlingsfest, an diesem Abend hat die CSU das Zelt, Top-Act ist Markus Söder. Zum Einzug spielt die Blaskapelle den Defiliermarsch, Söder schüttelt weitere Hände, lächelt offensiv und sagt immer "Servus". Als er dann selbst am Pult steht, beginnt er mit einer Korrektur: "Der Defiliermarsch ist nur dem bayerischen Ministerpräsidenten vorbehalten." Weiter sagt er: "Ich komme damit aber emotional zurecht." So sorgt er für den ersten Lacher. Denn jeder weiß mittlerweile, dass dieser Markus Söder vor allem eines werden möchte: nächster Ministerpräsident und nächster CSU-Chef nach Horst Seehofer.

Ein paar Tage später sitzt er in seinem Büro im Münchner Finanzministerium mit Blick auf den Odeonsplatz und überlegt eine Antwort auf die Frage, wie er seinen Knochenjob bewältigt. Er schaut verbindlich und sagt: "Das schafft man nicht ohne Disziplin. Man braucht körperliche, aber auch geistige Frische. Ich brauche immer wieder Raum zum Denken, zum Reflektieren und dafür, etwas Neues zu lernen."

So nachdenklich kennt man Markus Söder gar nicht. Er hat doch das Image des poltischen Draufgängers, des Draufhauers. Er positioniert sich immer noch ein Stückchen rechts von Seehofer, und für keine seiner teils schrillen Aktionen scheint er sich zu schade zu sein. Jetzt sagt er: "Mich treibt einzig die Sorge um unser Land um." Es sei Pflicht des Politikers, "den Bürgern die Dinge so zu erklären, dass sie diese auch verstehen".

"Typisch deutsche Tugenden"

Zur Erinnerung: Es gibt kaum etwas, das dieser 1,94 Meter große und mittlerweile 49 Jahre alte Franke nicht schon gefordert und hinausposaunt hat: In Schulen sollte häufiger die Nationalhymne gesungen werden, Gewerkschaftsfunktionäre hat er als "Standorthindernis" bezeichnet. Unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen wollte er den Jugendhilfesatz kürzen. Er sprach von "typisch deutschen Tugenden wie Leistungsbereitschaft, Pünktlichkeit und Disziplin" und setzte sich für die Rettung der Volksmusik im Bayerischen Rundfunk ein.

Weiter ist er für seine Kostümierung beim fränkischen Fasching in Veitshöchheim bekannt, wo er schon als Mahatma Gandhi, als Shrek, Punker, Gandalf der Weiße, Marilyn Monroe oder Edmund Stoiber gekommen ist. Markus Söder lässt sich in einer Gondel auf dem Nymphenburger Kanal in München fotografieren, Lederhose und Janker stehen ihm perfekt, in Aachen bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst kostümierte er sich als Ludwig II. In der BR-Vorabendserie "Dahoam is dahoam" hatte er einen Gastauftritt als Markus Söder, der seine eigene Politik loben durfte - die Opposition schäumte, der Sender strich solche Politikerdarbietungen für die Zukunft.

Gedanken über seine Mutter

Zum Muttertag schreibt er auf Facebook über seine 1994 verstorbene Mutter Renate, der mit den Sätzen endet: "Jeder hat nur eine Mutter. Wenn sie geht, gibt es keinen Ersatz." Zuvor, am Vatertag, hatte er schon an Max Söder erinnert: "Er hätte sich über seine Enkel sehr gefreut und gerade meinen Söhnen viel über den damaligen kleinen Markus erzählt." Markus Söder findet so etwas menschlich. Er sagt, dass man auch solche Kommunikationskanäle nutzen sollte.

Ein unrettbarer Fall? Wer Söder über die Jahre beobachtet, kann durchaus eine Entwicklung, einen Wandel feststellen. Als Prinzling, Ichling und Egomane wurde er bezeichnet. Der Karriereverlauf ist glatt: In Nürnberg geboren, dort lebt er heute noch. Jura-Studium, Promotion, ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. Vor allem aber, schon seit der Jugend: CSU. Ein Poster von Franz Josef Strauß hing über seinem Kinderbett, in seinem Ministerbüro steht eine kleine FJS-Figur und schaut ihm bei der Arbeit zu. Doch seit einiger Zeit wirkt Söder seriöser, freundlicher, ernsthafter. Ein Mann, der Ministerpräsident können will. Ein Mann, der gemocht werden will. Früher wirkte er manchmal übellaunig und genervt. Im Bierzelt in Großhadern sagt er: "Uns in Bayern geht es verdammt gut, es geht uns im Grunde genommen sensationell." Söder bekommt viel Beifall, er scheint die Menschen umarmen und mitnehmen zu wollen. Er fächert seine konservativen bis rechtskonservativen Meinungen auf, ohne nur einmal das Wort AfD, die "Alternative für Deutschland", in den Mund zu nehmen. Und er gibt sich demütig: "Ein Staat muss lernen, mit dem Geld, das er hat, auszukommen."

"AfD vor allem extrem"

Im Gespräch sagt er: "Die AfD gibt es im Moment, weil die Politik die Sorgen nicht so annimmt, wie es die Bürger erwarten." Mit dieser Gruppierung müsse man sich "nicht beschäftigen, sondern die Probleme lösen". Die da wären: "Entwertung des Geldes, ungebremste Zuwanderung, wachsende Kriminalität, kulturelle Herausforderungen durch Integration". Söder benennt die AfD als "vor allem extrem". Ein Teil ihrer Politiker sei "eindeutig nicht integer". Und weiter: "Wer sich als Pegida-Partei bezeichnet, wenn gleichzeitig der Pegida-Chef Bachmann wegen Volksverhetzung verurteilt wird, zeigt sein wahres Gesicht."

Es lässt sich ziemlich klar benennen, wann Söder ins ernsthafte Fach wechselte und zugleich die Charme-Offensive startete. Das war, nachdem ihn Horst Seehofer auf der Journalisten-Weihnachtsfeier 2012 nicht durch den Kakao, sondern durch den Dreck gezogen hatte - und all seine Lästereien und Beleidigungen zur Veröffentlichung freigab. Seehofer bezeichnete Söder als "vom Ehrgeiz zerfressen", es gebe bei ihm "zu viele Schmutzeleien", er habe "charakterliche Schwächen".

Da sagte sich Söder - vieles spricht für diese Vermutung -, dass er in der Nachfolgefrage von Seehofer nichts erwarten kann. Er muss es allein packen, mit seinen Fähigkeiten, mit seinen Freunden. Und letztere hat er in der Partei, auch in Oberbayern, das als Stammland der Konkurrentin Ilse Aigner gilt, der bayerischen Wirtschaftsministerin. Ludwig Spaenle ist ein solcher Freund, Münchner CSU-Chef und Taufpate von Söders erstem Sohn. Oder Albert Füracker, Staatssekretär in Söders Finanzministerium, Freund schon seit Jugendzeiten bei der Jungen Union und eine wichtige Figur in der Oberpfälzer CSU.

Manches passt bei Markus Söder gar nicht zusammen. Er fordert mehr Grenzkontrollen und lobt osteuropäische Staaten, die Zäune bauen. Doch er bezeichnet sich als "Rock'n'Roller" und sagt: "Der Bayer ist sowieso ein bisschen rockiger, weil er anarchische Züge trägt." Gut gelaunt meint er: "Wir sind nicht so obrigkeitshörig wie die Preußen in Berlin." Das sagt gerade der richtige. denn Söder zitiert auch den Übervater Strauß immer wieder gern: "Manchmal müssen die Bayern die letzten Preußen sein."

Quelle: RP
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