| 07.21 Uhr
Interview mit Roland Jahn
"Stasi-Akten schärfen Sinne für die Demokratie"
Das Stasi-Museum in Berlin
Das Stasi-Museum in Berlin FOTO: dapd
Berlin. Der Run auf die Stasi-Akten ist ungebrochen. Nun wünscht sich Behörden-Chef Roland Jahn im Gespräch mit unserer Redaktion einen "Campus für Demokratie" – und dass die "Rolling Stones" zur Eröffnung dem früheren Stasi-Chef aufs Dach steigen. Von Gregor Mayntz

Erich Honecker sagte voraus, dass die Mauer "in 50 und in 100 Jahren noch stehen" werde. Wird es die Stasi-Unterlagenbehörde in 50 und in 100 Jahren noch geben?

Jahn Es war schon immer eine offene Frage, wie lange eine Behörde dafür nötig ist. Aber die Akten müssen für immer zugänglich sein. Aufklärung ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Was auf dem Türschild steht, muss die Politik entscheiden. Wichtig ist, dass die Aufgabe erfüllt wird.

Gibt es denn immer noch Anträge?

Jahn Wir haben in diesem Jahr schon wieder mehr Bürger-Anträge auf Akteneinsicht als im Vorjahr. Die Zahl stieg von 80.000 im ganzen letzten Jahr auf 84.000 bis Ende November. Damit haben nun bereits über zwei Millionen Menschen Anträge eingereicht. Bei jedem dritten liegt bei uns nichts vor, bei jedem fünften gibt es nur Karteikarten, aber bei rund 40 Prozent aller Antragsteller findet sich umfangreiches Material. Das ist schon allerhand. Und dann kommt noch hinzu, dass wir ständig Akten erschließen oder neu zusammensetzen, sodass wir immer wieder auch fündig werden bei Antragstellern, über die früher nichts vorlag.

Was hat dieser Aktenzugang in den letzten Jahrzehnten gebracht?

Jahn Die Opfer der Staatssicherheit haben Genugtuung erfahren. Mit den Akten haben sie ein Stück ihres gestohlenen Lebens zurückbekommen. Für die Betroffenen ist es sehr wichtig zu erfahren, wie in ihr Leben eingegriffen wurde.

Damit waren aber auch Tragödien verbunden.
Jahn Ja, oft gab es auch ein Erschrecken darüber, wer sie verraten hat. Gleichzeitig war es ein Gewinn, weil dies die Möglichkeit eröffnete, Beziehungen auf eine neue Basis zu stellen. Ich weiß selbst sehr genau, wie es ist, wenn sich durch das Aktenstudium ein Weg der Vergebung eröffnet.

Wie haben Sie das erlebt?

Jahn Ich konnte auf einige dieser Menschen zugehen und offen darüber reden. Das bedeutete eine Befreiung für denjenigen, der in die Stasi-Arbeit verstrickt war – und eine Befreiung für unsere Beziehung. Aber natürlich gab es auch viele Fälle, in denen die Beziehung danach keine Basis mehr hatte.

Die Arbeit der Stasi bestand aus Lüge und Betrug – wie sicher sind Sie, dass die Akten stimmen?

Jahn Die Staatssicherheit hat die Akten nicht mit dem Wissen angelegt, dass wir heute hineinschauen. Für sie waren die Akten wichtig, damit der Apparat funktioniert. Es lässt sich genau nachvollziehen, wie alles ineinander gegriffen hat, wie auch Kontrollsysteme dafür sorgten, dass die Akten nutzbar blieben. Natürlich müssen wir immer deutlich machen, dass es sich hier um die Sichtweise der Staatssicherheit handelt.

Die brisantesten Akten sind im Häcksler gelandet, da fehlt wohl noch vieles.

Jahn Vieles ist unwiederbringlich vernichtet, aber wir haben 15.000 Säcke mit zerrissenen Akten, und immerhin haben wir manuell schon 1,5 Millionen Blatt zusammensetzen können. Die haben uns viele neue Erkenntnisse gebracht.

Was konkret?

Jahn Zum Beispiel ganz konkrete Hilfen für Menschen, die ohne diese Informationen nicht hätten rehabilitiert werden können, die ohne diese Dokumente Nachteile zum Beispiel beim Rentenbezug hätten. Und es hilft bei der Erforschung, wie die Stasi gewirkt hat. So konnten wir viele Vorgänge rekonstruieren, die die Arbeit der Stasi im Bundesgebiet beleuchten.

Was kam dabei heraus?

Jahn Die Stasi hat an der innerdeutschen Grenze die Pässe der Westdeutschen kopiert, um sie fälschen zu können. Mit den gestohlenen Identitäten dieser Bürger sind dann Stasi-Agenten um die Welt gereist. Sogar der Pass des damaligen Oberhausener SPD-Bundestags-Abgeordneten Dieter Schanz wurde kopiert. Ein Stasi-Mitarbeiter ist als "Dieter Schanz" leicht durch Grenzkontrollen gekommen und hat Firmen in mehreren Ländern bespitzelt, ohne dass der Politiker ahnte, dass seine Identität derart missbraucht wurde. Durch die zusammengesetzten Akten konnten wir auch erfahren, dass ein Stasi-Mitarbeiter mit dem gefälschten Pass eines Busfahrers aus Spandau in Skandinavien spionierte, und es konnte zurückverfolgt werden, dass es sich dabei um einen Professor aus Jena handelte, der immer noch lehrte. Dessen Vertragsverhältnis wurde aufgrund dieser Erkenntnisse nun aber beendet.

Das heißt, in den 15.000 Säcken lauern noch viele Sensationen?

Jahn Jedenfalls gibt es noch viele unentdeckte Vorgänge. Die Stasi hat ja nicht das Unwichtigste in den Reißwolf gegeben, sie hat zielgerichtet zu vernichten versucht. Daher lohnt sich die Zusammensetzung. Mit einem speziell entwickelten Computerprogramm wird die virtuelle Rekonstruktion der zerrissenen Akten künftig sehr viel schneller gehen. Wenn wir dadurch über das Wirken der Stasi im Westen mehr erfahren, ist das sicher für alle gut.

Die Stasi sollte den DDR-Staat schützen, von dessen Ende schien sie gleichwohl überrascht. Wie konnte das passieren? Zu viele Informationen?

Jahn Es ist schon etwas dran an der These, dass die Stasi an ihrer Sammelwut fast selbst erstickt ist. Sie war vom Ende aber nicht gänzlich überrascht. Sie sah es kommen. Aber sie wollte natürlich das System erhalten und hat versucht, die friedliche Revolution zurückzudrängen.

Hätte es eine Stasi heute mit modernen Computern leichter, mit der Fülle der Informationen ein Volk im Griff zu behalten?

Jahn Die Kontrolle des Volkes wäre sicherlich leichter. Aber diese Technik stünde ja auch den Menschen zur Verfügung. Wir sehen doch, dass der Umbruch in der arabischen Welt entscheidend getragen wurde vom Internet, vom Mobiltelefon. Diese Kraft hätte auch einem Stasi-Machtapparat entgegengewirkt.

Hätte es der frühen Bundesrepublik gut getan, mit einer Gestapo-Unterlagenbehörde den Nationalsozialismus aufzuklären, so wie es nach dem DDR-Sozialismus mit Ihrer Behörde geschah?

Jahn Ich hüte mich davor, etwas gleichzusetzen. Die Stasi-Unterlagenbehörde war jedenfalls ein Gewinn: Weltweit erstmalig konnten Akten einer Geheimpolizei genutzt werden, für den Einzelnen und für die Kenntnis vom Funktionieren einer Diktatur. Das war beispielgebend. Je besser wir begreifen, wie Diktatur funktioniert, desto besser können wir die Demokratie gestalten. Wir können daraus Maßstäbe für die Gefährdung der Freiheit entwickeln.

Worauf müssen wir achten?

Jahn Wir müssen darauf achten, dass es keinen Datenmissbrauch gibt, dass bei der technischen Entwicklung am Ende die Bürgerrechte nicht auf der Strecke bleiben. Wir müssen darauf achten, dass Widerspruch im demokratischen System hoch gehalten wird. Widerspenstige Geister dürfen nicht kaltgestellt werden. Der Blick in die Unfreiheit kann unsere Sinne für die Freiheit schärfen.

Viele ehemalige DDR-Bürger hatten hohe Erwartungen an die Demokratie und wurden enttäuscht.

Jahn Natürlich gab es in der DDR auch viel obrigkeitsstaatliches Denken mit der Überzeugung, dass der Staat alles regeln müsse. Demokratie ist doch immer nur so lebendig wie die Menschen sich an ihr beteiligen. Ich wünschte mir, dass die Bürger aus der ehemaligen DDR ihre Freiheiten stärker nutzen würden.

Stattdessen wächst die Sehnsucht nach der DDR, gibt es eine verbreitete Ostalgie.

Jahn Es ist verständlich, warum sich Menschen vor allem an das Positive ihrer Vergangenheit erinnern. Sie denken ja nicht an das System, sondern an die schönen persönlichen Erlebnisse. Das ist ein Teil ihrer Biografie. Aber es gab das Gute nicht wegen, sondern trotz des Staates. Auch ich hatte viele schöne Erlebnisse. Auch in der Diktatur scheint die Sonne. Nur haben viele diese Sonne nicht gesehen, weil sie im Gefängnis saßen. Wir müssen darauf achten, Erinnerung von Schönfärberei zu unterscheiden.

Für Sie persönlich hätte in der DDR auch mehr die Sonne geschienen, wenn sie nicht mit Solidarnosc-Fahne herumgefahren und ein Hitler-Stalin-Bild plakatiert hätten.

Jahn Klar. Wer nicht aneckte, konnte ein schönes Leben haben. Aber darin besteht ja der Grund für die friedliche Revolution. Die Leute sind immer mehr angeeckt. Es gab eine neue Generation in den 80er Jahren, die nicht mehr die Niederschlagung des Aufstandes von 1953 in den Knochen hatte. Sie forderte unerschrocken ein selbstbestimmtes Leben ein. Weil man ihr das nicht gewährte, wurde die neue Generation mutiger. Das System der Angst funktionierte nicht mehr. Und wenn das nicht mehr funktioniert, ist die Diktatur am Ende.

Sehr viele wollten eine DDR ohne Mauer. Hätte das funktionieren können?

Jahn Das glaube ich nicht. Bis in höchste SED-Kader herrschte die Überzeugung, wenn es zu einer demokratischen DDR käme, entfiele die Existenzberechtigung für einen anderen deutschen Staat, dann wäre die Wiedervereinigung zwingend. Die Verbindungen waren einfach zu stark. Jeder Fußballfan hatte zusätzlich seinen West-Verein. Für mich war es Carl-Zeiss-Jena in der DDR, aber ich war zugleich ein Dortmund-Fan. Es gab immer schon die gelebte Einheit. Der DDR-Bürger hat jeden Abend im Westen gelebt, weil er das Westfernsehen eingeschaltet hat. Es war immer klar: Sobald die Menschen in der DDR frei und selbstbestimmt entscheiden können, kommt die Einheit.

Dann war Kanzler Kohl mit seinem Vorschlag einer Konföderation zu zaghaft?

Jahn Ich schätze Helmut Kohl als Politiker, der sorgsam, klug und mit taktischem Kalkül vorgegangen ist. Mit den falschen Schritten hätte man auch vieles kaputt machen können.

Tut Kohl gut daran, dass er die Veröffentlichung seiner Stasi-Akte verbietet?

Jahn Es ist das Recht jedes Stasi-Opfers, darüber zu entscheiden, wer seine Akten einsehen darf.

Helmut Kohl ist eine Person der Zeitgeschichte.

Jahn Es geht darum, die Grundrechte zu wahren. Die Unverletzlichkeit des Post- und Fernmeldegeheimnisses gilt auch für die Person der Zeitgeschichte Helmut Kohl. Wo er in der Öffentlichkeit gewirkt hat, können auch die Stasi-Dossiers dazu herausgegeben werden. Nicht aber, wenn Informationen gezielt menschenrechtswidrig beschafft wurden.

Haben Sie neue Pläne für die alte Stasi-Zentrale?

Jahn Es ist eine große Chance für kommende Generationen, mehr über die Vergangenheit zu lernen, wenn wir unsere Arbeit am historischen Ort, dort wo Stasi-Chef Mielke war, anschaulich machen. Wir wollen die Forschungsabteilung dort, nahe an den Akten, unterbringen und eine Bibliothek mit Café etablieren. Das kann als eine Art "Campus für Demokratie" funktionieren. Als alter Stones-Fan habe ich zusätzlich den Traum, dass zur Eröffnung die Rolling Stones Mielke aufs Dach steigen und dort oben ein Konzert geben.

Wie kommen Sie zu diesem Traum?

Jahn In den Akten finden sich viele Hinweise auf das Gerücht, das 1969 die Runde machte: Die Stones würden auf dem Springer-Hochhaus in West-Berlin ein Konzert geben und das am Jahrestag der DDR-Gründung. Hunderte, die sich daraufhin an der Mauer versammelten, wurden festgenommen und einige ins Gefängnis gesteckt. Die Stones hatten für die DDR-Jugend eine besondere Bedeutung. Freiheit und Selbstbestimmung symbolisierten sich in ihren Liedern. Und ein Konzert auf dem Dach der ehemaligen Stasi-Zentrale würde auch die Befreiung symbolisieren: Hier haben die Menschen die Zentrale gestürmt und die Akten gesichert.

Und der "Campus der Demokratie" würde noch funktionieren, wenn es eine eigenständige Stasi-Unterlagenbehörde nicht mehr gibt?

Jahn Davon bin ich überzeugt. Deshalb habe ich mich gefreut, dass inzwischen auch die Robert-Havemann-Gesellschaft plant, mit auf diesen Campus zu ziehen und ihr Archiv der DDR-Opposition dort zu präsentieren. Die Ausstellung, die die Gesellschaft mit großem Erfolg auf dem Alexanderplatz zeigte, könnte hier auf Dauer bleiben. Auch das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, das die virtuelle Rekonstruktion der Stasi-Akten-Schnipsel entwickelt, möchte gerne am historischen Ort in einer Art "gläsernen Fabrik" die 15.000 Säcke mit dem "größten Puzzle der Welt" aufarbeiten. Jetzt kommt es darauf an, dass bei der Verwirklichung der Idee niemand auf der Bremse steht.

Gregor Mayntz sprach mit Roland Jahn.


 

Quelle: das/jh-
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