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Helmut Schmidt
Bewunderter Kanzler und Krisenmanager

Die Sprüche von "Schmidt-Schnauze"
Die Sprüche von "Schmidt-Schnauze" FOTO: dpa, gam tmk ase ase
Düsseldorf. Er war der Kanzler, den die Deutschen am meisten schätzten. Als "leitender Angestellter" der Politik steuerte er das Land durch die turbulenten 70er Jahre – durch RAF-Terror und internationale Wirtschaftskrise. Von Reinhold Michels

Angst vor dem Tod hatte Helmut Schmidt nach eigenem Bekunden nicht. Der christliche Glaube, dass er nach seinem irdischen Dasein vor seinen göttlichen Richter treten werde, ist dem verstorbenen Bundeskanzler a.D. im Laufe seines langen Lebens zwar nicht vollends abhandengekommen; wohl jedoch ist mit den Jahren die religiöse Überzeugung vom dreifaltigen Gott der Christenheit weitgehend verdunstet. Glaube und Vernunft - das brachte dieser selbst ernannte Kantianer, der den römischen Philosophenkaiser Mark Aurel verehrte, nicht leicht zusammen.

Älter als Helmut Schmidt ist kaum ein Deutscher von Bedeutung geworden. Er hätte kurz vor Weihnachten seinen 97. Geburtstag begangen. Schon vor zwei Jahren sagte er im "Zeit"-Dialog mit Giovanni di Lorenzo, er werde nun bald sterben. Wer immer in den vergangenen Jahren den Methusalem aus Hamburg-Langenhorn zu Gesicht bekam, schaute auf ein Jahrhundert; auch auf einen gewaltigen Menschen in seinem Widerspruch.

Längst hielt sich Schmidt tagsüber vorwiegend in einem Rollstuhl auf; Knochen und Gelenke schmerzten. Der stets griffbereite Gehstock jedoch verwies darauf, dass dieser steinalte Zeitgenosse noch in der Lage war, auf die Beine zu kommen.

Stationen eines Lebens FOTO: AP

Helmut Schmidt galt vielen Landsleuten als Parade-Deutscher unter den Bundeskanzlern. Nicht alle acht waren eisern, Schmidt schon. Bei der Sturmflut in Hamburg im Jahr 1962 beorderte er als junger Innensenator kurzerhand die Bundeswehr als Katastrophenhelfer - gegen die Verfassung. Härte und Entschlossenheit zeigte er auch als Regierungschef, als das Vaterland im Herbst 1977 durch einen Zangenangriff deutscher und palästinensischer Terroristen in Not geraten war. Schmidt durchlebte, durchlitt eine Tragik klassischen Zuschnitts. Er wurde schuldlos schuldig und war sich dessen wohl bewusst. Der harte Kerl, Berserker und Musensohn in einer Person, besaß durchaus eine weiche Seite.

Schmidt opferte das Leben des von RAF-Verbrechern gekidnappten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer, als er der Staatsnötigung durch die Flugzeugpassagier-Geiselnahme widerstand. So rettete Schmidt 92 Menschenleben im Lufthansa-Jet "Landshut", und er rettete die Ehre der Bundesrepublik Deutschland, von der Schaden abzuwenden ein Kanzler bei Amtsantritt stets schwört.

Schmidt hatte Tatkraft, Führungskraft, Nervenstärke bewiesen. Solche Autoritäten lieben die Deutschen. Schmidt war das klar. Deshalb stilisierte er sich im Kreis der Mächtigen oft größer und bedeutender, als er und seine von ihm geführte Mittelmacht es waren. Wehrmachts-Leutnant Schmidt liebte den Kommandoton, was ihm im befreundeten Ausland manchmal übelgenommen wurde. Das bissige Etikett "Le Feldwebel" aus Frankreich ist verbürgt, ebenso sind es die Unfreundlichkeiten zwischen Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter (1977-1981). Der Demokrat ließ laut einer lesenswerten Anekdotensammlung von Jost Kaiser im Heyne-Verlag während der lästigen Anrufe aus Bonn jedes Mal die Musik im Hintergrund so laut aufdrehen, dass Schmidt, der anerkannte Militär- und Wirtschaftsfachmann sowie zum Monolog neigende Weltenerklärer, das als Majestätsbeleidigung empfand. Freimütig bekannte er einmal, er habe stets versucht, seine Eitelkeit zu zügeln, es sei ihm jedoch nicht immer gelungen.

Reaktionen: "Ein großer Staatsmann, bis zur letzten Zigarette" FOTO: dpa

Zu Hause in Bonn stauchte Schmidt Leute zusammen, als sei das Leben ein Kasernenhof. In seiner hohen Meinung von sich selbst ließ er sich ungern übertreffen. Mit den Klagen über sein herablassendes Benehmen hätten sich Seiten füllen lassen. Wie alle bedeutenden Menschen besaß dieser tüchtige Kanzler, der auf einen wirkmächtigeren, nämlich Willy Brandt, gefolgt war, eine Doppelnatur: Der Rabauke mit den gelegentlich hervorgekehrten Umgangsformen eines Hafenarbeiters lauschte ergriffen Bach'scher Musik. Er liebte Bildhauerei, spielte Klavier und Orgel, bewunderte die Backsteingotik seiner nordischen Heimat; und er studierte mit Kennerschaft Bilder deutscher Expressionisten. Auch pflegte der fünfte Bundeskanzler, der von Erniedrigten als Ab-Kanzler charakterisiert wurde, treue Männerfreundschaften zu aus seiner Sicht Ebenbürtigen: etwa Präsident Valéry Giscard d'Estaing in Paris, Premier James Callaghan in London, dem amerikanischen außenpolitischen Manitu Henry Kissinger und dessen solidem Nachfolger George Shultz.

Mal hieß der geschliffen-schneidend sprechende Ausnahme-Parlamentarier "Schmidt-Schnauze", ein anderes Mal ironisch-respektvoll "Weltökonom". Willy Brandt, an dessen Kanzlerstuhl auch Schmidt die Säge angesetzt hatte, meinte einmal süffisant: "Ich kann mit Helmut sehr gut, wir dürfen nur nicht über Politik reden."

Auch für den nun Verstorbenen gilt: Wenig im Leben, im politischen schon gar nicht, ist von Dauer. Und: Dankbarkeit ist keine geschichtliche Kategorie. Deshalb geriet der Krisenbewältiger von 1977 schon bald in innenpolitische Untiefen. Wirtschaft und Finanzen, von denen Diplom-Volkswirt Schmidt glaubte, sie gehörten zu seiner Kernkompetenz, gerieten ausgerechnet in seiner Kanzlerschaft arg in Unordnung. Seine SPD, nach deren Führung er zu greifen sich skrupulös und merkwürdigerweise versagt hatte, ignorierte Schmidts schlüssige sicherheitspolitische Analysen, die Mahnungen, Moskaus Zurüstung mit SS-20-Mittelstreckenraketen nicht westlich-tatenlos hinzunehmen. Zwar wurde der Kanzler 1980 noch einmal wiedergewählt, aber zwei Jahre später als erster Nachkriegs-Regierungschef im Bundestag gestürzt. Auf Schmidt folgte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), der 1989/90 zum "Kanzler der Einheit" emporwuchs. Schmidt gestand einmal, dass er zur großen Wendezeit selbstverständlich gerne Kanzler gewesen wäre. Bei aller Bedeutung war ihm klar, dass erst eine große Zeit die Chance zu historischer Größe gibt.

Hamburger trauern am Haus von Helmut Schmidt FOTO: dpa, chc gfh

Noch mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Sturz füllte Schmidt die Starrolle als Denker und Redner aus. Er genoss es, den Parteisphären enthoben zu sein. Sein immenses Ansehen in der Bevölkerung hatte viel mit dem Methusalem-Status zu tun. Was immer er von sich gab, klang vielen, als spreche der Weise vom Berge zu uns Erdenwürmern.

Staunenswert war Schmidts wacher Geist bis ins höchste Alter; beeindruckend, wie er sich gegen die Gebrechen seiner Jahre stemmte. Er war immer auch ein großer, disziplinierter Zähne-Zusammenbeißer. Erfrischend erschien sein Appetit auf Lektüre von Zeitungen und Büchern; imponierend sein Pflichtdrang, sich im Herausgeber-Büro bei der "Zeit" in Hamburg-City sehen zu lassen, bemerkenswert, dass er in seinem letzten, im Frühjahr erschienenen Buch "Was ich noch zu sagen hätte" nicht verschwieg, einmal eine außereheliche Affäre gehabt zu haben. Eher skurril und aus der Zeit fallend kamen einem Schmidts Tabak-Fimmel, das Schnupfen und Zigaretten-Paffen vor.

Irritierend erschien Schmidts Altersneigung zu einer China-über-alles-Verklärung und seine Art, Menschenrechtsverletzungen abzutun, als brauche man sich, ist das politische Design nur groß genug, von so etwas nicht einengen zu lassen. Bei seinem letzten Russland-Besuch Ende 2013 nahm er sich die Freiheit heraus, die europäischen Politiker, mit Ausnahme von Giganten wie Churchill und de Gaulle, unter die Kleinwüchsigen zu sortieren. Zu Hause darauf angesprochen besaß er die Größe, dies zu korrigieren. Der Genuss, seine Meinung frank und frei zu sagen und die kaum unterdrückte Freude daran, dass seine Meinung bis zuletzt gefragt blieb - das wird diesem bedeutenden Deutschen zuletzt besonders gut getan haben.

Sie milderte die Erinnerung an so manchen Verdruss in aktiven politischen Jahren, am Konflikt mit seiner Partei und an die acht Kanzlerjahre, in denen es für einen wie Helmut Schmidt keinen Saum vom Mantel der Geschichte zu ergreifen gab.

Quelle: RP
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