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Analyse
Gewissensfrage Nazi-Raubkunst

Düsseldorf. Die Erinnerung an den Holocaust wird zunehmend bestimmt von der Frage nach dem rechtmäßigen Besitz von Kunstwerken. Ist das ein Zeichen der Bagatellisierung des Massenmordes? Von Lothar Schröder

So schrecklich alt ist die besorgte Frage nicht, wie man eine Erinnerung an den Holocaust wach und lebendig halten kann, wenn es demnächst keine Zeit- und Augenzeugen mehr geben wird. Wird also nach dem Tod der letzten Täter und Opfer das Gedenken an den größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit für immer museal werden?

Die Frage ist schneller und vorläufig auch umfassender beantwortet worden, als sich das viele Historiker vorzustellen wagten. Denn es vergeht hierzulande kaum ein Tag, an dem kein Gemälde unter Raubkunst-Verdacht gestellt oder als Raubkunst identifiziert wird. Der Bilderfund bei Cornelius Gurlitt - aus dessen Fundus nach Auffassung der Taskforce "Schwabinger Kunstfund" 500 Werke im Verdacht stehen, Nazi-Raubkunst zu sein - ist zwar spektakulär und skandaltauglich gewesen; doch vermag er das wirkliche Ausmaß nicht zu fassen. So wurden jüngst in den bayerischen Staatsgemäldesammlungen bei gut 1500 Bildern Zweifel an der Herkunft laut. Provenienzrecherche, so hat es den Eindruck, ist an die Stelle historischer Aufklärung getreten. Das Schicksal und die Besitzerfrage von Kunstwerken drohen in Stellvertretung zu treten für die Auseinandersetzung mit dem millionenfachen Mord.

Berlin, Hamburg, Düsseldorf - fast überall steht Kunst unter dem Verdacht, in der Zeit der Nazi-Diktatur unrechtmäßig ihren jüdischen Besitzern entwendet worden zu sein. Sind all diese Kunstwerke vielleicht die letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs?, so beschreibt es Ronald S. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Für Lauder ist die Aufklärung, wie sie in Deutschland knapp 70 Jahre nach Kriegsende betrieben wird, zu langsam, zu halbherzig, zu wenig transparent und manchmal auch nur fadenscheinig. Stattdessen sollten Kommissionen, die sich strittiger Eigentumsansprüche für Kunstwerke annehmen, finanziell besser ausgestattet sein und vor allem Entscheidungsgewalt ausüben können. Und das ist mehr als nur eine Strukturreform. Weil nämlich jedes geraubte Kunstwerk nach Lauders Worten dazu führt, dass Hitlers Verbrechen bis heute fortwirken. Und: "Auf fast jedes geraubte Kunstwerk kommt ein ausgelöschtes oder zerstörtes Menschenleben. Der Diebstahl von Kunst mittels Völkermord ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagt Ronald S. Lauder. Das wiederum hat zur Folge, dass für Kunstraub während des Zweiten Weltkriegs nicht länger Verjährungsfristen gelten können - diese Frist liegt für eine Rückerstattung bisher bei 30 Jahren. Auch Mitglieder der CSU befürworten eine Aufhebung dieser Frist.

Was spricht dagegen? Auf den ersten Blick nichts, geht es doch bei all den Ermittlungen um eins: den Opfern des Holocaust Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dennoch ist eine Debatte entbrannt, die wieder zur Grundfrage führt, wie sich der Holocaust auch im 21. Jahrhundert erzählen lässt. In diesem Zusammenhang wird die Frage gestellt, ob es denn kein größeres Verbrechen als den unrechtmäßigen Besitz von Kunst gibt.

Es ist die Frage, ob mit der auch öffentlichkeitswirksamen Restitutionsdebatte der Holocaust am Ende bagatellisiert und zu einem historischen Ereignis wird, in dem vor allem Rechtsfragen bedeutsam werden und von dem die Enkelgeneration betroffen ist. Damit könnte der Eindruck entstehen, es gebe Kategorien, mit denen der Holocaust eingeordnet und damit zu einem Ereignis unter anderen historischen Ereignissen werden könnte. Der berühmte Historikerstreit, der sich um diesen Punkt drehte, könnte durch die Hintertür der Raubkunst neue und ungute Nahrung bekommen. Die zeitliche Distanz, fehlende Dokumente und die geringe Zahl von Überlebenden führen unter anderem dazu, dass die Jüdische Restitutions-Organisation Probleme hat, die rechtmäßigen jüdischen Besitzer sichergestellter Vermögen und Kunstwerke zu ermitteln.

Der in Tel Aviv geborene und in München lehrende Historiker Michael Wolffsohn betont daher, dass Versöhnung und innerer Friede das Ziel sein müssten. Und dies sei wahrscheinlich nur zu erreichen durch Verzicht. Forderungen, die Enkel und Urenkel und vielleicht noch spätere Generation stellen könnten, würden nach Wolfssohn nur eins hinterlassen: "verbrannte Erde". Natürlich stemmt sich Wolffsohn gegen Verdrängung und Vergessen. Aber, so unglaublich es klingen mag: Recht und Gerechtigkeit reichen nach seinen Worten nicht immer. Dagegen werde ein Ende der Restitutionsdebatte zu einem wichtigen Schritt: "Versöhnung und Frieden ist die Aufgabe der Täter-Nachfahren und die Aufgabe der Opfer-Nachfahren. In Anlehnung an Rabbi Hillel: Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?"

Das ist eine Argumentation auf schmalem Grat. Und sie berührt plötzlich die deutsche Nachkriegsgeschichte und das Selbstverständnis einer Nation, die sich nach Kriegsende in den Kreis der zivilisierten Nationen "auf der Basis eines negativen Gedächtnisses" integrierte, so die Wissenschaftlerin Aleida Assmann. Aus diesem Schuldbekenntnis ist eine Erinnerungskultur geworden. Jetzt dient der Begriff als Antwort auf die Menschheitskatastrophe des Holocaust. Auch in den Reden von Politikern taucht die Erinnerungskultur auf, mit dem Effekt, dass Assmann inzwischen ein "neues Unbehagen an der Erinnerungskultur" ausgemacht hat.

16 Jahre ist es her, dass der Schriftsteller Martin Walser mit seiner Paulskirchenrede zu einer Anatomie der Debatte anregte, indem er bekannte, Holocaust-Erinnerungen zunehmend als Moralkeulen zu empfinden. Aktuell ist das bis heute. "Gibt es ein gutes Vergessen?" So ist der Titel eines Streitgesprächs Mitte Mai in Köln - zwischen Aleida Assmann und Martin Walser.

Quelle: RP
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