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Rom
Italien streitet um Fruchtbarkeits-Tag

Rom. Die Geburtenrate ist so gering wie nie. Eine Kampagne soll das ändern. Von Julius Müller-Meiningen

Auf dem Foto sieht man eine junge Frau, die eine Hand auf ihren Bauch legt und in der anderen eine Sanduhr hält. "Schönheit kennt kein Alter. Fruchtbarkeit schon", steht unter dem Bild. Ein anderes Poster zeigt ein Storchennest mit der Überschrift "Beeil Dich. Warte nicht, bis der Storch vorbeikommt". Für besondere Aufregung sorgte schließlich der Slogan "Fruchtbarkeit ist ein Gemeingut".

Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin hat in Italien für den 22. September einen "Fertility Day" ausgerufen, einen sogenannten Fruchtbarkeits-Tag. Nach Meinung vieler Landsleute bewies die Ministerin bereits bei der Namenswahl für den Aktionstag wenig Fingerspitzengefühl. Nun sieht sich Lorenzin einer Welle von Kritik wegen der provokanten Werbekampagne gegenüber. Eigentlich, so heißt es aus dem Ministerium, habe man die Bevölkerung ganz sachlich für die Probleme von Unfruchtbarkeit und Geburtenrückgang sensibilisieren wollen.

Von Sachlichkeit ist in der nun ausgebrochenen Debatte kaum noch eine Spur. Schriftsteller Roberto Saviano ("Gomorrha") setzte sich an die Spitze der Kritiker und sprach von einer "Beleidigung derjenigen, die keine Kinder bekommen können und derjenigen, die gerne Kinder haben würden, aber keine Arbeit haben". Hacker legten die Website der Regierungsinitiative zeitweise lahm. Kritiker verglichen die Aktion mit Mutterschaftskampagnen des Faschismus, auch die politische Opposition und Gewerkschaften protestierten, die Aktion sei Frauen gegenüber respektlos.

Die Debatte um den "Fertility Day" hat bekannte Probleme wie den Geburtenrückgang oder die prekären Verhältnisse, in denen viele junge Italiener leben, erneut zutage gefördert. In Italien gab es nach Angaben des Statistikinstitus Istat im Jahr 2015 mit 488.000 Geburten so wenige wie nie zuvor und 15.000 weniger als im Vorjahr. Die Gesellschaft in den meisten europäischen Staaten wird immer älter, die Last für Pensionszahlungen wird für jüngere Generationen immer größer, besonders in Italien. Hier kommen auf eine Frau im gebärfähigen Alter durchschnittlich 1,35 Kinder. In Deutschland war der Wert vor Jahren noch ähnlich gering, nach jüngeren Studien soll er sich auf rund 1,47 erhöht haben.

Die Frage bleibt, welche Anreize eine Regierung setzen kann, um kinderlose Paare zur Fortpflanzung zu bewegen. Die Aktion der italienischen Regierung versteht sich auch als Informationskampagne für Frauen und Männer, die an Fruchtbarkeitsstörungen leiden. Ministerin Lorenzin wurde selbst vor etwa einem Jahr im Alter von 43 Jahren Mutter von Zwillingen.

In Italien weckte die Aktion auch deshalb Empfindlichkeiten, da junge Menschen und insbesondere Frauen hier sozial besonders benachteiligt sind. Rund 40 Prozent der italienischen Jugendlichen sind arbeitslos, prekäre Arbeitsverhältnisse machen die Gründung einer Familie mit Kindern für viele junge Erwachsene undenkbar, Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt.

Quelle: RP
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