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Masar-I-Sharif
Taliban-Angriff im Friedensgebiet

Anschlag auf deutsches Konsulat in Masar-i-Scharif
Anschlag auf deutsches Konsulat in Masar-i-Scharif FOTO: afp, WK
Masar-I-Sharif. In mehreren Wellen mit Toten und Verletzten attackieren afghanische Terroristen das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Sharif. Von Gregor Mayntz

Die Homepage des "islamischen Emirates von Afghanistan" macht auf mit dem Bild eines riesigen Feuerballs, aufgenommen in jener Sekunde, in der ein "Märtyrer" den mit Sprengstoff beladenen Klein-Lkw gegen die Mauer des deutschen Generalkonsulats in Masar-i-Sharif lenkt. Mindestens vier Tote und über 120 Verletzte sind die grausame Bilanz jener Nacht in der 300.000-Einwohner-Stadt im Norden Afghanistans, die bislang als die sicherste Stadt am Hindukusch galt. Den deutschen Diplomaten und ihren afghanischen Mitarbeitern sei kein Haar gekrümmt worden, stellte das Auswärtige Amt erleichtert fest.

Masar-i-Sharif galt selbst in den kriegerischsten Zeiten des Kampfeinsatzes in Afghanistan als Ort der Entspannung. Während die Flugzeuge der Bundeswehr im Anflug auf Stützpunkte in Kundus oder Feizabad sich im Korkenzieher-Sturzflug der Landebahn näherten, um befürchteten Stinger-Raketen der Taliban zu entgehen, ging es bei der Ankunft im dortigen Bundeswehr-Hauptstützpunkt eher zivil-gemächlich zu. Die Bevölkerung hatte von den Massakern während der Taliban-Besetzung gründlich die Nase voll und freute sich über die Anwesenheit der Deutschen, die das Lager mitsamt Flugplatz ausbauten und zu einem guten Arbeitgeber in der Region machten.

Wie gut das Auswärtige Amt daran getan hatte, gleichwohl das Generalkonsulat unweit der Blauen Moschee von Masar mit speziellem Bombenschutz und einer fünf Meter hohen Mauer zu umgeben, zeigte sich Donnerstagabend gegen 23.05 Uhr Ortszeit. Eine riesige Explosion riss die Mauer ein, schuf einen mehrere Meter großen Krater, ließ noch in zwei Kilometern Entfernung Türen und Fenster bersten. Es folgte ein, wie es im Bundeswehr-Bericht heißt, "anhaltender Schusswechsel mit einer unbekannten Anzahl Angreifer".

Es ist die Taktik, mit der die Taliban bereits seit Jahren für Schlagzeilen sorgen: Mit massiven und gut organisierten Einsätzen in Regionen, die als befriedet gelten, die terrorisierende Wirkung auf den Westen wie die eigene Bevölkerung zu erhöhen. So war es ihnen im vergangenen Jahr bereits gelungen, über mehrere Tage die Stadt Kunduz in ihre Gewalt zu bekommen, und so schaffen sie es selbst in der besonders gut überwachten Hauptstadt Kabul immer wieder, spektakuläre Anschläge auf Militär, Polizei, Regierungsstellen und internationale Restaurants zu verüben.

Der lang anhaltende Schusswechsel in Masar-i-Sharif deutet darauf hin, dass die Taliban in das Konsulat eindringen und möglichst viele Deutsche töten wollten. Die rund zwei Dutzend Mitarbeiter konnten sich jedoch rechtzeitig in einem besonderen Panik-Raum und im Keller in Sicherheit bringen. Psychologen des Auswärtigen Dienstes kümmern sich um sie und klären, ob sie ausgeflogen werden sollen, um die Geschehnisse der Nacht besser verarbeiten zu können.

Jedenfalls funktionierte das Eingreifen afghanischer Sicherheitskräfte, die die Taliban abfangen konnten. Mindestens einer soll auch in das Konsulat gelangt sein. Offiziell wurden lediglich "Kämpfe" bestätigt. Auch georgische, belgische und lettische Soldaten eilten zur Hilfe. Sie stellen zurzeit eine Schnelle Eingreiftruppe im 15 Kilometer entfernten deutschen Hauptquartier, im sogenannten Camp Marmal.

Irritationen löste der Umstand aus, dass deutsche Soldaten erst 90 Minuten nach der Alarmierung vor Ort waren. Das Außen- und das Verteidigungsministerium erklärten dies mit einer "unterschiedlichen Aufgabenstellung" der eingesetzten Kräfte. Das Verlassen des geschützten Lagers erfordere eine bestimmte Vorbereitungszeit. Die Eingreiftruppe hatte offenbar nicht ausgeschlossen, dass es auf dem Weg zum Generalkonsulat zu weiteren Angriffen kommen könnte. Wiederholt waren auch deutsche Soldaten in Afghanistan in derartige Hinterhalte und Sprengfallen geraten.

Am frühen Morgen hatten die Bundeswehrsoldaten die Absicherung des Terrains übernommen, als drei Motorradfahrer auf sie zuhielten. Es seien Leuchtspur- und Warnschüsse abgegeben worden, ohne dass die Fahrer reagiert hätten. Weil die Soldaten einen weiteren Angriff befürchteten, stoppten sie die Afghanen mit gezielten Schüssen. Zwei starben, einer wurde schwer verletzt. Möglicherweise hatte es sich aber um Zivilisten gehandelt.

Die Taliban begründeten den ersten Angriff auf nicht-militärische deutsche Ziele mit einer angeblichen Mitwirkung Deutschlands bei einem amerikanischen Angriff im Norden Afghanistans, bei dem in der vergangenen Woche in der Nähe von Kundus auch etwa 30 Zivilsten und zahlreiche Taliban getötet worden waren. Die Bundesregierung hingegen dementierte eine deutsche Beteiligung. In der Taliban-Erklärung heißt es, die Koordinaten für das Vorgehen der amerikanischen Truppen seien vom deutschen Geheimdienst geliefert worden. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes wies jedoch darauf hin, dass der amerikanische Militärschlag außerhalb der internationalen Ausbildungsmission "Resolut Support" abgelaufen sei.

Quelle: RP
 
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