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Aktionskunst für Flüchtlinge
Riesen-Brücke soll Europa mit Afrika verbinden

Brücke soll Afrika und Europa verbinden
Brücke soll Afrika und Europa verbinden FOTO: politicalbeauty.de / alexanderlehmann.net
Berlin. Die Aktionskünstler vom "Zentrum für politische Schönheit" planen ein gigantisches Bauprojekt: Eine Brücke soll ab 2030 Europa mit Afrika verbinden. Bis dahin sollen 1000 Rettungsinseln dafür sorgen, dass keine Flüchtlinge mehr ertrinken müssen. Tolle Sache, aber - meinen die das wirklich ernst?   Von Ludwig Krause

Die Kamera fliegt über eine gewaltige Brücke im Sonnenuntergang, im Hintergrund stimmen Streicher ein dramatisches Fanal an. "Österreich hat schon oft bewiesen, dass es Bedeutsames schaffen kann", sagt eine Stimme. "Lassen Sie uns eine Brücke in die Zukunft bauen." Und was für eine: Eine massive Brücke von Afrika nach Europa, 230 Kilometer lang, vom tunesischen Küstenort Al Huwariyah nach Agrigento auf Sizilien.

Das "Zentrum für Politische Schönheit"  aus Berlin hat bereits Mauerkreuze an die EU-Außengrenzen getragen und symbolisch Flüchtlinge in der Hauptstadt beerdigt. Wenn es um Polit-Aktionen mit Strahlkraft geht, waren die Künstler in den vergangenen Monaten ohne Konkurrenz. Jetzt planen sie wohl ihren bisher größten Coup. Mit einer Kampagne wollen sie glaubhaft machen, dass die Republik Österreich in Verbindung mit dem Bauunternehmen Strabag das größte Infrastruktur-Programm der EU plane. Initiator sei Österreichs Flüchtlingskoordinator Christian Konrad. 

"Das 'Zentrum für Politische Schönheit' ist und macht Aktionskunst. Wir sind keine Aktivisten. Für unsere Arbeit, Sorgfalt, Vorproduktion und Durchdachtheit ist dieses Etikett schlicht beleidigend", sagen die Künstler über sich selbst. "Wir kramen nach Handlungen, die die Begriffsallianz 'politische Schönheit' verdienen. Wir suchen nach dem, was als Akt strahlender politischer Schönheit für alle Zeiten betrachtet werden kann."

Dieses Projekt aber meinen sie nun wirklich ernst, wie Projekt-Sprecher Leopold Bärenthal (31) im Gespräch mit unserer Redaktion gleich mehrfach betont. "Bisher haben wir viel Zuspruch erhalten, aber auch Ungläubigkeit. Die Leute sind an die europäische Abschottungspolitik gewöhnt und glauben nicht, dass so etwas wirklich realisiert werden könnte", sagt er. Geht es nach dem Kollektiv, soll mit dem Bau der Steinbrücke (!) bereits 2017 begonnen werden. Die ersten Autos könnten demnach 2030 von Afrika nach Europa fahren. "Damit möchte Österreich voranschreiten und ein Zeichen setzen", sagt Bärenthal.

Auch Tankstellen sind auf der Strecke geplant. "Die Überfahrt würde etwas mehr als zwei Stunden dauern", sagt Bärenthal. 230 Milliarden Euro soll die Brücke kosten. Benannt werde sie nach Jean Monnet. Der französische Unternehmer und Politiker gilt als Wegbereiter der europäischen Einigung.

Bis 2030 könne die Menschheit aber nicht auf die Fertigstellung warten, wie die Aktionskünstler selbst einräumen. Daher wolle man in der Zwischenzeit insgesamt 1000 Rettungsinseln auf dem Mittelmeer verankern. Die erste - Taufname: "Aylan 1" - soll bereits am 1. Oktober zu Wasser gelassen werden.  "Das Montageschiff zur Installation der Plattform verlässt um 6.30 Uhr morgens den Hafen von Licata", heißt es in einer Erklärung. Benannt ist die Rettungsinsel nach dem dreijährigen Aylan Kurdi, der tot an der Küste Griechenlands angespült und dessen Bilder Symbol für die Flüchtlingskrise wurde. "Bilder wie die von Aylan führen die Opfer der europäischen Abschottung aus der Anonymität heraus. Die Zahlen der Ertrunkenen sind für viele ja gar nicht vorstellbar", sagt Leopold Bärenthal. Darum habe man sich absichtlich für diesen symbolträchtigen Namen entschieden.

1000 Rettungsinseln für Flüchtlinge im Mittelmeer FOTO: politicalbeauty.de / alexanderlehmann.net

Alles nur Aktionskunst? Mittels einer Crowdfunding-Plattform sammelt das "Zentrum für Politische Schönheit" auf jeden Fall schon Geld für die Plattform. Demnach sei "Aylan 1" mit Positionslichtern, Lebensmittelreserven, Notrufgerät, Photovoltaikmodulen, Fahnenmast, Rettungsringen, Kamera und zwei Ankern ausgestattet. Insgesamt 19.600 Euro sollen dafür zusammenkommen. Bereits nach einem Tag ist knapp die Hälfte erreicht – die Chancen, dass ausreichend Geld gespendet wird, stehen also gut. "Die Plattform ist aber bereits fertig gestellt und wir so oder so ins Wasser gebracht. Die Crowdfunding-Aktion dient lediglich zur Refinanzierung", sagt Leopold Bärenthal. 

Damit wäre freilich nur die erste von 1000 geplanten Plattformen abgedeckt - von einer gigantischen Brücke übers Mittelmeer ganz zu schweigen. Was auch immer man von der Kunstaktion halten mag: Rettungsinseln vor Europas Küsten wollen auch andere Akteure installieren, und zwar ganz ernsthaft. So arbeitet der Architektur-Professor Jörg Friedrich an seiner Vision einer Zwölf-Meilen-Zone künstlicher Inseln im Mittelmeer. Auf den Inseln gäbe es Unterkünfte und Wasser, wie er unserer Redaktion sagte. Flüchtlinge könnten dort Tage ausharren. Der Professor aus Hannover war sogar bereits auf Lampedusa, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Friedrich hatte sich einen Namen mit seinen Plänen gemacht, Flüchtlinge würdige Unterkünfte bauen zu wollen, die keine Mehrkosten bedeuten.

Einen Eindruck von den möglichen Ausmaßen der angeblich geplanten Jean-Monnet-Brücke hingegen bekommt man, wenn man einen Blick nach Asien wirft. Denn dort steht die tatsächlich längste Brücke der Welt. Sie verbindet die chinesischen Metropolen Shanghai und Nanjing auf einer Gesamtstrecke von 164,8 Kilometern. Allerdings führt die Brücke zum größten Teil über Land.

Umstrittene Aktion "Die Toten kommen" in Berlin FOTO: dpa, rje fux

Wie problematisch eine Verbindung über das Mittelmeer wäre, zeigt ein Beispiel aus Italien. Dort sollte mit 3,3 Kilometern eigentlich die längste Hängebrücke der Welt Sizilien mit dem Festland verbinden. Das Projekt musste 2013 aber aufgrund zahlreicher Probleme eingestellt werden.

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