| 19.20 Uhr

Offensiv-Probleme des DFB
Feingeister werden ihrem Anspruch nicht gerecht

Joachim Löw: Seine Feingeister bleiben bei EM 2016 hinter Ansprüchen zurück
"Das ist seine Meinung", sagte Mesut Özil zur Kritik von Jerome Boateng. FOTO: afp
Saint-Denis. Joachim Löw, Jerome Boateng, Oliver Kahn – dass die deutsche Mannschaft beim 0:0 etwas uninspiriert aufgetreten ist, fanden die meisten Beobachter. Während Mesut Özil etwas pikiert reagiert, verspricht Toni Kroos den Gruppensieg Von Robert Peters

Bevor sich der Eindruck verfestigen kann, bei Jerome Boateng handle es sich um den gutmütigsten Bären seit Balu aus dem Dschungelbuch, hat der Verteidiger mal ganz böse gebrummt. Nach dem torlosen Unentschieden gegen Polen im zweiten EM-Gruppenspiel nahm sich der Abwehrmann die Kollegen aus der Abteilung Angriff und fußballerische Feinheiten vor. "Wir können froh sein, dass wir 0:0 gespielt haben", sagte er, "wir müssen endlich auch mal aufs Tor schießen, vorne war keine Bewegung drin. Wir müssen viel mehr in Laufwege investieren." Und weil er so schön in Fahrt war, beschloss er seine kleine Ansprache mit  einem grimmigen Blick in die nähere Zukunft. "Sonst", stellte er fest, "kommen wir hier nicht weit."

Damit hatte er vorläufig ausgebrummt, zumindest öffentlich. Die Vorstellung der Feingeister im deutschen Team hatte ihm aber derart die Laune verhagelt, dass er die berechtigte Auszeichnung zum besten Spieler des Matchs mit dem sauersten Gesichtsausdruck dieser Zeit quittierte. Er hockte auf dem Podium im Stade de France vor den Toren von Paris, und man sah förmlich die Gewitterwölkchen über seiner Josephine-Baker-Frisur. Deshalb ist nicht auszuschließen, dass es anschließend in der Kabine oder auf dem Rückweg ins Teamquartier Evian noch eine wenig fröhliche Besprechung mit den werten Mitarbeitern im Team gegeben hat.

Oliver Kahn: "Jeder will da vorn den Über-Pass spielen"

Mesut Özils Reaktion auf Boatengs wütende Ansprache deutet jedenfalls darauf hin, dass die Künstler sich nicht unbedingt in die Verantwortung nehmen lassen wollen. "Das ist seine Meinung", knurrte der Mann vom FC Arsenal, "er weiß aber auch, was vorne alles passiert."

Nicht nur für Boatengs Geschmack passierte viel zu wenig. Auch Bundestrainer Joachim Löw fand sich zu dieser vornehm-kritischen Bemerkung bereit: "Wir haben offensiv einfach kein Tempo hereinbekommen. Das haben wir nicht gut gemacht." Andere Beobachter wurden da schon deutlicher. Oliver Kahn zum Beispiel, früher ein Titan im Tor, heute TV-Experte mit der Lizenz zum Nörgeln. "Jeder will da vorn den Über-Pass spielen", sagte Kahn, "da kriegst du als Abwehrmann schon mal einen dicken Hals." Boateng dient als lebendes Beispiel.

Seine Kritik ist berechtigt. Die Schönspieler im deutschen Angriff finden zumindest zurzeit keine Balance zwischen dem Anspruch, aber auch immer ästhetischen Bedingungen zu genügen, und der Notwendigkeit, gelegentlich kämpferische Tugenden zu mobilisieren. Also ganz so zu spielen, wie es Mittelfeldspieler Toni Kroos vor der ersten Partie herausgestellt hatte.

"Wir werden unsere Gegner nur schlagen, wenn wir kämpferisch genauso viel investieren", erklärte er. Die Begegnung mit den Polen brachte ihn folglich ins Nachdenken. "Es ist schwer zu sagen, wo die Mannschaft steht", bekannte er. Doch ebenso lässig, wie vor allem die Offensivkräfte Özil und Julian Draxler aufgetreten waren, wischte er trübere Gedanken vom Tisch. "Wir werden jetzt gegen Nordirland gewinnen und den Gruppensieg klarmachen", versprach Kroos.

EM ist für die Kleinen "das Turnier ihres Lebens"

Dazu muss sich die Einstellung der ganzen Mannschaft zu ihrem Angriffsspiel ändern. Die Nordiren werden sich gewiss nicht zu einem offenen Spiel aufstellen, sie werden verteidigen mit allem, was ihr großes Herz und ihr großer Stolz hergeben. Und wenn die DFB-Auswahl ihren Hang zum überdrehten Schnörkel dann nicht ablegt, wird sie gegen die international zweitklassigen Jungs von Insel tüchtig zu beißen bekommen. "Das ist für die kleinen Mannschaften das Turnier ihres Lebens", stellte Löw fest.

Seine Kunsthandwerker vermitteln dagegen häufiger das Gefühl, den Ruhm aus der Weltmeisterschaft mit reichlich goldigen Beiwerk zusätzlich veredeln zu wollen. So wird Fußball zum Variété. Löws Team hat den stimmigen Rhythmus, der es in Brasilien so stark machte, in zwei Jahren noch nicht wiedergefunden. Dass der ehemalige Kapitän Michael Ballack im US-Fernsehen unterstellte, "dieser Mannschaft fehlen Persönlichkeiten und Charaktere", ist trotzdem Unsinn.

Boateng dient als gutes Gegenbeispiel. Er hat im richtigen Moment geredet, und man kann sicher sein, dass die Meinungsmacher im Team, in erster Linie Manuel Neuer und Sami Khedira, seine Auffassung teilen. Vielleicht stoßen sie eine längst überfällige Diskussion an. Mit Löws lapidarer Ankündigung, "in der Abwehr haben wir es als ganze Mannschaft sehr gut gemacht, das Angriffsspiel werden wir in den nächsten Tag schon auch trainieren", ist es nicht getan. Leidenschaft kann man schließlich weder trainieren noch verordnen. Sie muss von innen kommen.

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