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Von Begeisterung wenig zu spüren
Kurz vor der EM wird Frankreich von Streiks und Angst beherrscht

Kurz vor der EM wird Frankreich von Streiks und Angst beherrscht
Nur eine Woche vor dem Anpfiff derm EM ist in Frankreich von EM-Begeisterung noch wenig zu spüren. FOTO: afp, le
Paris. Tristesse statt Fußballfieber. In Frankreich ist von EM-Stimmung noch nicht viel zu spüren - dabei wird die Equipe Tricolore sogar ganz gut gehandelt. Kann das Land seine Sorgen hinter sich lassen und auf Fußball-Party umschalten?

Es soll ein großes Fußball-Fest werden, mit Millionen begeisterter Gäste und Bildern feiernder Massen am Eiffelturm - ein Aushängeschild für das Tourismusland Frankreich. Doch nur eine Woche vor dem Anpfiff ist von EM-Begeisterung noch wenig zu spüren. Stattdessen sorgt das Land sich vor Blockaden durch Gewerkschaften, spielt Terrorszenarien durch, und der Fußballverband hat jetzt auch noch eine Rassismusdebatte am Hals.

Im Pariser Straßenbild ist vom Großturnier noch nicht viel zu sehen. Ein paar Läden haben immerhin Fan-Ecken eingerichtet, wo Fähnchen und Blumenketten in Blau-Weiß-Rot auf Käufer warten. Und das Maskottchen "Super Victor", ein pausbäckiger Zeichentrick-Junge mit Frankreich-Trikot und Superhelden-Umhang, tourt in einem Sonderzug weitgehend unbeachtet durchs Land und versucht, so etwas wie EM-Stimmung zu verbreiten.

Zurückhaltung nichts Ungewöhnliches

Der Grünen-Politiker und Deutsch-Franzose Daniel Cohn-Bendit hält die bisherige Zurückhaltung aber für nichts Ungewöhnliches. "Das ist so Sitte in Frankreich, da wird nicht vorher viel mit Fahnen geschwenkt", sagt er der Deutschen Presse-Agentur. "Das war bei der Weltmeisterschaft 1998 auch so. Wenn das Turnier beginnt, streifen sie sich die Trikots über."

Noch aber hat die ungemütliche Realität das Land im Griff, während der seit Tagen anhaltende Dauerregen auch nicht gerade von Fußballparty unter freiem Himmel träumen lässt. Fernsehberichte zur EM werden von Männern in schusssicheren Westen und Sturmhauben dominiert. Nicht einmal sieben Monate nach den Anschlägen vom 13. November will Paris demonstrieren, dass es für den Schutz des Sportspektakels keine Mühen scheut.

72.000 Polizisten und Gendarmen, Spezialeinsatzkommandos an den Stadien, jeder Besucher wird gefilzt. Frankreich werde ein Maximum an Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, versichert Innenminister Bernard Cazeneuve wieder und wieder. Gerade erst hat auch das US-Außenministerium zu Wachsamkeit geraten: Stadien und Fanmeilen könnten zu potenziellen Zielen für Terroristen werden. Das ist nicht neu, doch jede derartige Warnung verstärkt das Bild.

Dann haben auch noch die anhaltenden Streiks und Proteste gegen eine umstrittene Arbeitsmarktreform das Schreckgespenst blockierter Fußballfans an die Wand gemalt - ein Abgeordneter unkte schon, dass alle Vorurteile des "French Bashings" erfüllt würden.
Zwischenzeitlich ging vielen Tankstellen der Sprit aus, derzeit fällt wegen unbefristeter Streiks etwa die Hälfte des Bahnverkehrs aus. Einige Gewerkschafter scheinen sogar bewusst mit der Drohkulisse zu spielen. Die vom Besucherknick nach den Anschlägen gebeutelte Pariser Tourismusbranche hat jedenfalls schon mal Alarm geschlagen und fürchtet schwere Einbußen.

Allerdings: Nur einer der zwei wichtigsten Gewerkschaftsverbände, die CGT, läuft gegen die Arbeitsmarktreform Sturm - und bislang folgen ihr die Massen nicht. Die Streiks im Verkehrssektor sind zum Teil auch durch andere Gründe bedingt, und die Regierung versucht bereits, diese Konflikte zu entschärfen. Und hinter vorgehaltener Hand wird in Paris auch auf den "Postkarten-Effekt" gesetzt, dass auch die Gewerkschafter letztlich ein gutes Bild ihres Landes vermitteln wollen. "Die Menschen in Frankreich hoffen, dass das bis dahin mit den Streiks aufhört", meint auch Alt-68er Cohn-Bendit.

Er ist im Übrigen sicher, dass die Franzosen letztlich Grund zum Jubeln haben werden: "Frankreich wird Europameister, Deutschland scheidet im Halbfinale gegen die Franzosen aus", so der Politiker. "Das hab ich alles durchgerechnet." Auch bei Wettanbietern sind die Quoten der französischen Mannschaft derzeit gar nicht so schlecht. Der durch all den Reformstreit schwer angeschlagenen Regierung und dem notorisch unbeliebten Präsidenten Francois Hollande käme das wohl ganz gelegen. "Ein Sieg am 10. Juli, und wir haben allgemeine Jubelstimmung und einen Ansturm auf die Champs-Elysees", meinte Sportminister Patrick Kanner vor Kurzem in "Le Monde".

Noch aber ist ein solches französisches Sommermärchen nicht in Sicht. Das zeigt auch die Diskussion um Karim Benzemas Retourkutsche gegen den französischen Trainer. Der von der Teilnahme ausgeschlossene algerischstämmige Stürmer warf Didier Deschamps vor, dem Druck des "rassistischen Teils Frankreichs" nachgegeben zu haben. Und sorgte damit prompt für deutlich mehr Aufregung als jede Spekulation über die Siegchancen der Gastgeber.

(old/dpa)
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