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Leichtathletik in Sorge
Wer kommt nach Bolt?

Wer kommt nach Usain Bolt?
Wer kommt nach Usain Bolt? Andre De Grasse vielleicht? FOTO: afp
Düsseldorf. Usain Bolt biegt auf die Zielgerade seiner Karriere ein. Für die Leichtathletik ist das ein harter Schlag. Ein Phänomen wie er lässt sich nicht einfach reproduzieren. Von Patrick Scherer

Den Kopf gesenkt, kopfschüttelnd, hadernd. Wer erst kurz nach dem Zieleinlauf im 200-Meter-Finale eingeschaltet hatte, musste glauben, Usain Bolt habe verloren. Dabei hatte er – natürlich – wieder einmal gewonnen. Deutlich sogar. Allein der verpasste angekündigte Weltrekord vermieste dem Jamaikaner die Stimmung. Bolt lief ein paar Meter und schaltete dann aufs Gute-Laune-Programm um, Blendamed-Grinsen und große Gesten inklusive.

Der Showman musste schließlich liefern. Das erwarten seine Fans, seine Sponsoren und nicht zuletzt der Leichtathletik-Verband von ihm. Da war kein Platz für möglicherweise echte Emotionen. Bolt wurde in den vergangenen Jahren willentlich so sehr ins Rampenlicht geschoben, dass alles um ihn herum blass und öde wirkt. Und genau das könnte der Leichtathletik zum Verhängnis werden, wenn der morgen 30 Jahre alt werdende Star in nicht allzu ferner Zukunft die Bühne verlassen wird.

Die 200 Meter von Rio waren womöglich das letzte olympische Einzelrennen von Bolt. "Ich war enttäuscht, ich wollte schneller rennen", sagt er. "Aber meine Beine waren müde, ich werde älter." Es sind Sätze wie dieser, die aufhorchen lassen. Bolt biegt mit seinen Worten auf die Zielgerade seiner Karriere ein. Das Großmaul macht sich plötzlich eine Nummer kleiner. Solche Zugeständnisse an die Verletzlichkeit seines Körpers hatten im selbstverherrlichenden Jargon des selbst ernannten größten Leichtathleten aller Zeiten vorher keinen Platz.

Usain Bolt inszeniert und wird inszeniert

Mit Popstar-Image dient Bolt als Zugpferd der Leichtathletik. Startet er, verkaufen Sportfeste wie Rom oder Paris gut 10.000 Tickets mehr. Das Fachmagazin "Forbes" schätzt Bolts Einnahmen auf mehr als 26 Millionen Euro pro Jahr. Prämien fürs schnelle Laufen machen dabei nur einen Bruchteil aus. Und die Sponsoren zahlen nicht nur an Bolt, es fällt natürlich auch etwas für den internationalen Verband ab. Nicht wenige Stimmen glauben deshalb, dass sich die Leichtathletik einen positiven Dopingbefund Bolts gar nicht erlauben könne. Mit solchen Vorwürfen beschäftigt sich Bolt nicht, er sitzt sie aus. Kann er auch, solange ihm niemand eine Schuld nachweist.

Bolt hat sich in den vergangenen Jahren zunächst selbst inszeniert und dann auch von Werbepartnern inszenieren lassen. Weil er als Typ dazu dient. Extrovertierter Charakter vermischt mit ein paar Markenzeichen - et voilà. Solch ein Phänomen lässt sich nicht so einfach reproduzieren.

Potentielle Nachfolger sind nicht in Sicht. Nicht jeder hat das Zeug zum Entertainer. Der 24 Jahre alte Südafrikaner Wayde van Niekerk brach den Weltrekord über 400 Meter in einer Sensationszeit. Ashton Eaton (28) aus den USA beendete den Zehnkampf mit olympischem Rekord. Wollen beide aber ihr Naturell, ihre zurückhaltende Art, nicht verraten, taugen sie nicht als Rampensäue. Und wenn doch, wird das Schauspiel schnell enttarnt werden.

In Rio war zu beobachten, dass Bolt ab und an seinen Kronprinzen auf der Laufbahn, den Kanadier Andre De Grasse, mit ins Scheinwerferlicht zog. Vielleicht kann der 21-jährige Zweite über 200 Meter und Dritte über 100 Meter noch am ehesten auch neben der Strecke das Erbe Bolts antreten.

Wie entscheidend der Faktor Bolt für die Leichtathletik ist, zeigten die vergangenen Tage in Rio. Skandal nach Skandal erschütterte den Verband vor den Sommerspielen. Der Ausschluss der russischen Mannschaft war ein heftiges Beben. Doch als Bolt die blaue Laufbahn betrat, bebte nur das Olympiastadion - vor freudigen Emotionen der gierigen Bolt-Jünger auf den Tribünen. All das Negative war für ein paar Momente vergessen. Das wird der Leichtathletik fehlen. "Ich habe den Sport auf eine andere Ebene gehoben", sagt Bolt.

Quelle: RP
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