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Tour de France
Martins Chance auf Gelb am "Tag der Abrechnung"

Porträt: Tony Martin – Zeitfahr-Spezialist und Träger des Gelben Trikots
Porträt: Tony Martin – Zeitfahr-Spezialist und Träger des Gelben Trikots FOTO: ap, PDJ
Der Stunde X naht. Am Samstag hat Tony Martin beim Auftakt-Zeitfahren der Tour de France wohl die Chance seines Lebens auf das Gelbe Trikot.

Tony Martin wird sich auf einem schmalen Grat bewegen – einem Grat, der zwischen unbändiger Freude und herber Enttäuschung verläuft. Die 13,8 Kilometer beim Auftakt-Zeitfahren der 102. Tour de France am Samstag verzeihen keinen Fehler. "Einmal versteuern, eine falsche Kurve: das war's", sagt die deutsche Gelb-Hoffnung vor seiner großen Gelegenheit.

Der dreimalige Zeitfahr-Weltmeister hat seine Saison um die WM im September und diesen "Tag der Abrechnung" gebaut. Alles spitzt sich zu auf ungefähr 15 Minuten, in denen sprichwörtlich ein Rädchen ins andere greifen muss. "Die Anspannung wird noch größer sein als bei einer WM, aber ich bin lange genug Profi, ich werde nicht mit zittrigen Knien am Start stehen", sagt der 30 Jahre alte Radprofi, dem schon zweimal in seiner Laufbahn der Griff nach dem begehrten "Maillot jaune" verwehrt geblieben ist.

Cancellara ist erneut der härteste Rivale

2012 beim Prolog im belgischen Lüttich lag der gebürtige Cottbuser glänzend im Rennen, zerschnitt sich dann aber an einer Glasscherbe einen Reifen: das war's. Der Schweizer Fabian Cancellara siegte. 2010 im niederländischen Rotterdam war Martin zwar nicht der Top-Favorit, aber dennoch aussichtsreich. Als er startete, regnete es, als Cancellara startete, hatte es längst aufgehört: das war's. Cancellara zählt nun wieder zu den härtesten Rivalen.

Aber zumindest das Material soll Martin diesmal keinen Strich durch die Rechnung machen, vor allem dafür hat der Olympia-Zweite von London die deutschen Meisterschaften als letzten Härtetest genutzt - und nicht zuletzt als Bestätigung für seine Verfassung. "Ich bin da, wo ich sein wollte", sagt er.

Die Vorarbeit ist also gemacht, im Trubel rund um den Grand Depart in Utrecht ist an Training ohnehin kaum noch zu denken. Es geht jetzt um die Details: um Streckenkenntnis, um ausreichende Regeneration, um die mentale Stärke und die nötige Portion Glück. Martin weiß, "die Chance wird es nicht mehr so oft geben."

In der Vita des Fahrers aus dem belgischen Quick-Step-Team würde dieser Triumph die bisherigen vier Tour-Etappensiege, die WM-Titel, die zahlreichen andere großen Erfolge wohl übertreffen, an Martins größtes Karriereziel käme er dennoch nicht heran: "Für mich persönlich wäre der Olympiasieg größer, man erreicht damit noch einiges an Publikum mehr."

Der Gedanke an Rio 2016 treibt Martin auch bei der Tour schon an. Die vor einiger Zeit geäußerten Überlegungen, zum Klassementfahrer umzuschulen, sind mindestens bis dorthin passe, wenn er sie überhaupt noch einmal aufgreift. "Ich bin froh mit meiner Rolle, mir einzelne Ziele herauszupicken und dafür zu kämpfen. Das Thema wird vielleicht selbst nach Olympia keine Präferenz haben", sagt Martin, der irgendwann, "vielleicht 2017", auch den Stundenweltrekord von Bradley Wiggins attackieren möchte.

Aber erstmal zählt Utrecht, wo die gesamte Familie vor Ort die Daumen drücken wird. Es zählen die Minuten beim Einrollen, wenn Martin seine Kopfhörer aufsetzt und sich "von der Außenwelt abschottet". Und es zählt vor allem die Zeit zwischen dem ersten und dem letzten Tritt. "Gelb zu erobern und dann über die erste Woche zu verteidigen, das ist meine Idealvorstellung", sagt er.

(sid)
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