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Düsseldorf
Angriff der Reklamezombies

Düsseldorf. Einzelhändler locken überall mit Prozenten - doch Rabatte sind oft weniger wert als angenommen. Verbraucherschützer warnen, dass viele Sonderangebote immer wieder auftauchen. Für die Händler wird das inzwischen zum Problem. Von Ludwig Krause

Autos, Abos, Apfelmus. Wo man hinschaut, lockt der Einzelhandel mit kräftigen Rabatten. Bei vielen mag sich der Eindruck aufdrängen: Wer die Produkte noch zum Originalpreis kauft, ist selber schuld. Oder, wie es ein Elektromarkt einmal ausgedrückt hat: "Ich bin doch nicht blöd." Die Rabattschlacht hat beim Kunden aber deutliche Spuren hinterlassen. "Konsumenten springen zwar noch auf Preisreduzierungen an. Die Ausschläge sind aber bei weitem nicht so groß wie früher", sagt Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). "Die Geiz-ist-geil-Zeit ist definitiv vorbei."

Die Verbraucher sind verwöhnt - oder abgestumpft. Auch weil sie wissen, dass bestimmte Reduzierungen immer wiederkehren. "Reklamezombies" nennt die Verbraucherzentrale NRW dieses Phänomen. Eine Langzeit-Stichprobe zu Sonderangeboten bei 400 Marken-Lebensmitteln hat ergeben, dass fast die Hälfte der Artikel mit Spar- und Aktionspreisen, die angeblich "nur für kurze Zeit" gelten, binnen eines Monats in derselben Filiale wieder aufgetaucht ist. Zum selben Preis. "Das merken natürlich auch die Kunden. So wächst eine gewisse Erwartungshaltung, dass der günstige Preis immer wiederkommt", sagt Georg Tryba von der Verbraucherzentrale NRW. Wenn der Preis regelmäßig wechsele, stelle sich zudem die Frage, wie viel das Produkt denn nun koste - und ob der vermeintliche Rabattpreis nicht der eigentliche Preis der Ware sei.

"Eine der größten Unsitten des Einzelhandels", wie es Tryba nennt, sei aber eine andere: die der UVP-Reduzierungen. Dabei handelt es sich um unverbindliche Preisempfehlungen, die der Hersteller für sein Produkt ausgesprochen hat. "Viele kennen die Schilder, bei denen der UVP-Preis durchgestrichen und ein neuer, deutlich günstigerer Preis darunter geschrieben wurde", sagt Tryba. Dabei liege der Marktpreis häufig ohnehin unter der unverbindlichen Preisempfehlung. "Wenn ein Produkt mit einer UVP von 100 Euro öffentlichkeitswirksam auf 70 Euro reduziert ist, obwohl der Marktpreis bei 50 Euro liegt, bringt das dem Kunden gar nichts." Nachforschungen der Verbraucherzentrale hätten ergeben, dass sich viele der angegebenen Preisempfehlungen beim Händler nur mühsam finden ließen, andere schlichtweg falsch seien.

Natürlich sind nicht alle Fälle so dramatisch - und oft lässt sich auch wirklich Geld sparen, wie Tryba sagt. Stichproben beim "Amazon Prime Day" hätten etwa ergeben, dass Produkte statt der angepriesenen 63 Prozent von der UVP real nur 25 Prozent vom Marktpreis reduziert gewesen sein. Dennoch waren sie für die Angebotszeit günstiger als bei allen anderen Händlern. "Bevor man auf einen vermeintlichen Rabatt eingeht, sollte man auf jeden Fall die Preise mit anderen Anbietern vergleichen", sagt Georg Tryba. Dabei rät die Verbraucherzentrale, mehrere Preisvergleichsportale zu nutzen.

Prozente kann es weiterhin geben - ohne Beigeschmack. Für Firmen können die Aktionen aber nach hinten losgehen. "Auf Dauer wirken Rabattaktionen beim Kunden unglaubwürdig, in extremen Fällen kann damit ein Image kaputtgemacht werden", sagt Wolfgang Adlwarth. So hat es dem Baumarkt Praktiker nicht geholfen, immer wieder "20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung" zu bieten. Stattdessen trug der Spruch zum Niedergang der Marke 2013 bei. "Der Preis ist auch Teil der gefühlten Wertigkeit einer Ware", sagt Adlwarth. Der Kunde erwartet, für hochwertigere Produkte etwas tiefer in die Tasche greifen zu müssen.

Als Faustregel für Konsumenten solle gelten, sich erst für ein Produkt zu entscheiden - und dann nach eventuellen Preisnachlässen zu schauen, wie Verbraucherschützer Tryba sagt. "Rabatte sollten nicht dazu dienen, den Kunden Produkte zu verkaufen, nach denen sie gar nicht gesucht haben." Wer sich ertappt fühlt, kann getrost sein: Er ist sicher nicht allein. Wie heißt es doch bei Loriot: "Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein." Bei zehn Glas Senf sind 60 Pfennig gespart.

Quelle: RP
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