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Schuldner-Atlas 2017
"Ein Job bedeutet nicht, dass man aus dem Schneider ist"

Schuldner-Atlas 2017: Im Ruhrgebiet steigt die Zahl der Schuldner besonders stark
Eine Frau sitzt über ihren Rechnungen und weiß nicht, wie sie sie bezahlen soll. FOTO: voba
Düsseldorf. Fast sieben Millionen Deutsche sind überschuldet. Das heißt, sie können Rechnungen dauerhaft nicht bezahlen. Im Westen steigt die Zahl der Schuldner deutlich. Immer stärker in den Brennpunkt gerät die Mittelschicht. Von Christina Rentmeister und Thomas Grulke

Die Zahl der überschuldeten Bürger ist mit 6,91 Millionen im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent gestiegen. Das geht aus dem Schuldner-Atlas von Creditreform hervor, einem Unternehmen für Wirtschaftsforschung. Die Überschuldungsquote ist hingegen von 10,06 Prozent auf 10,04 gesunken. Das liegt daran, dass die Bevölkerung in Deutschland im vergangenen Jahr durch Zuzug deutlich zugenommen hat. Denn die Quote bezieht sich auf den Anteil der überschuldeten Personen im Verhältnis zu allen über 18-Jährigen in Deutschland.

Schlechter als in Gesamtdeutschland sieht die Situation im Westen aus. Dort drehe sich die "Überschuldungsspirale" deutlich schneller als im Osten, heißt es in dem Bericht von Creditreform. Vor allem die Fälle mit hoher Überschuldung sind gestiegen – um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 62.000 der neuen Schuldner leben in Westdeutschland, 3000 im Osten.

209 Millionen Euro Schulden insgesamt

Insgesamt sind in Deutschland also 65.000 Menschen mehr überschuldet als noch 2016. Ein geringerer Anstieg als die Wirtschaftsforscher befürchtet hatten. Zudem ist das Gesamtvolumen der Schulden von Privatpersonen zurückgegangen: von 230 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf nun voraussichtlich 209 Milliarden Euro. Die Wissenschaftler führen dies auf die gute Konjunktur, die stabilen Einkommen und die gesunkene Arbeitslosigkeit zurück.

"Dass die Überschuldung etwas weniger stark angestiegen ist als befürchtet, beruhigt mich nur ein wenig. Ich glaube nicht an eine Trendwende", sagt Georg Eickel, Referent für Schuldnerberatung beim Paritätischen NRW. Das Problem aus seiner Sicht: Die sinkenden Arbeitslosenzahlen bewirkten nichts Positives, da zu viele Menschen geringfügig bezahlt würden. Damit bleibe die Einkommensarmut bestehen. "Arbeit bedeutet dementsprechend nicht, dass man aus dem Schneider ist. Dazu gehört auch, dass Fixkosten wie Mietbelastung und Energiekosten so hoch sind, dass zu wenig für den Rest übrig bleibt", sagt Eickel.

Hohe Mietkosten führen oft in die Schuldenfalle

Besonders den Faktor der hohen Mietkosten sieht auch der Creditreform-Bericht als Problem. Bei Schuldnern würden die Wohnkosten durchschnittlich 46 Prozent des Einkommens ausmachen.

Hinzu kämen Gründe wie Krankheit, Trennung oder Scheidung, sagt Eickel. "Das sind alles Trends, die relativ stabil sind und nicht so einfach verändert werden können. Und wir in NRW sind uns bewusst, dass wir mit unseren Ballungszentren stärker von Armut und Verschuldung betroffen sind als andere Bundesländer", sagt er.

In Nordrhein-Westfalen liegt die Schuldnerquote mit 11,63 Prozent fast 1,6 Prozentpunkte über der Bundesquote. Spitzenreiter bei den Bundesländern ist Bremen (13,97 Prozent), gefolgt von Sachsen-Anhalt, Berlin und eben NRW. Insgesamt sind in NRW mehr als 1,7 Millionen Menschen überschuldet. Das sind 17.000 mehr als im Vorjahr und 176.000 Schuldner mehr als vor 13 Jahren. Negativ-Spitzenreiter in NRW ist Wuppertal mit einer Überschuldungsquote von 18,38 Prozent. 2014 lag die Quote dort noch bei 17,77 Prozent.

Ruhrgebiet ist der "Hotspot" der Überschuldung

Sorgenkind sei aber vor allem das Ruhrgebiet, so die Experten von Creditreform. Mit seinen zum Teil noch altindustriell geprägten, strukturschwachen Regionen sei das Ruhrgebiet ein "Hotspot" sozialer Probleme. In vielen Städten dort ist die Überschuldung gestiegen. Duisburg (17,08 Prozent), Dortmund (14,44) und Essen (13,76) führen die Liste der Großstädte mit den höchsten Überschuldungsquoten an.

Auch in kleineren Ruhrgebietsstädten steigt die Schuldnerzahl. In Herne hat sich die Situation deutschlandweit seit 2004 am stärksten verschlechtert. 2004 lag die Überschuldungsquote dort bei 14,19 Prozent. Nun liegt die Stadt mit einer Schuldnerquote von 17,85 Prozent auf Platz zwei in NRW; gefolgt von Gelsenkirchen (17,76). Auch Oberhausen (15,17), Hagen (15,86) und Hamm (14,9) finden sich noch unter den Top-Ten der höchsten Überschuldungsquoten in NRW. Gelsenkirchen, Essen, Duisburg, Dortmund und Herne weisen auch die höchsten Arbeitslosenquoten auf. Gleichzeitig sei das Einkommensniveau in dieser Region sehr niedrig, heißt in in dem Schuldner-Atlas. Die Tendenz bei der Zahl der Schuldner sei daher auch zunehmend.

Mönchengladbach auf Platz fünf der höchsten Schuldnerquoten

Doch nicht nur im Ruhrgebiet ist die Zahl der Schuldner hoch. In Mönchengladbach ist die Quote seit 2012 von 15,52 Prozent auf 16,12 gestiegen. Damit rangiert die Stadt direkt hinter Duisburg auf Platz fünf der Städte mit den höchsten Überschuldungsquoten. Krefeld liegt mit 15,09 Prozent auf Rang neun. In Düsseldorf liegt die Überschuldungsquote bei 12,12 Prozent. Damit rutscht selbst die Landeshauptstadt unter die zehn deutschen Großstädte mit den höchsten Quoten (Platz sieben). Köln liegt in dieser Rangfolge auf Platz neun, mit 11,78 Prozent.

Etwas besser sieht es in NRW nur in den ländlichen Regionen in Münsterland und Ostwestfalen-Lippe aus – mit Überschuldungsquoten von neun bis sieben Prozent. Am besten steht Coesfeld (7,2 Prozent) da. Als einzige größere Stadt liegt Bonn (neun Prozent) unter den zehn NRW-Städten mit den geringsten Überschuldungsquoten.

Experten fordern bessere Schuldnerberatung

Wie aber kann die insgesamt schlechte Entwicklung in NRW aufgehalten werden? "Wir müssen schauen, wie wir die Einkommensarmut verringern können. Vor allem benötigen wir aber eine gute Schuldnerberatung. Und dabei ist es wichtig, frühzeitig mit den Personen ins Gespräch zu kommen. Denn es macht einen großen Unterschied, ob ich 5000 oder 50.000 Euro Schulden habe", sagt der Schuldnerberater vom Paritätischen NRW.

Während die Wissenschaftler in Nordrhein-Westfalen Arbeitslosigkeit und geringes Einkommen als Hauptauslöser für die Überschuldung sehen, geht deren Einfluss insgesamt auf die Verschuldung zurück. Die Fälle, in denen Arbeitslosigkeit der Hauptauslöser für die Schulden war, sind von 2008 bis 2017 um 27 Prozent gesunken.

Heute gelten Unfall, Sucht und Erkrankung sowie schlechte Haushaltsführung aus Auslöser, sagen die Creditreform-Experten. "Wir haben auf der einen Seite die Form der Konsumverschuldung, bei der sich die Betroffenen einfach mehr zugemutet haben, als sie es konnten. Und auf der anderen Seite gibt es die Überschuldung aus der prekären Situation heraus, beispielsweise beim Verlust des Arbeitsplatzes oder einer Mietpreiserhöhung. Beides nimmt zu und ist auch nicht gänzlich voneinander zu trennen", sagt Michael Bretz, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Daher sei Verschuldung auch nicht nur ein Problem der unteren Einkommensschichten. Fast alle neuen Fälle kämen aus der Mittelschicht. Insgesamt kommen 4,38 Millionen Schuldner aus der Mittelschicht. Das sind 68.6000 mehr als noch 2016.

Mehr Senioren geraten in die Schuldenspirale

Sorgen macht den Wirtschaftsforschern vor allem die Zahl der verschuldeten Senioren. 5,48 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und 1,5 Prozent der ab 70-Jährigen sind verschuldet. "Offensichtlich reicht bei vielen älteren Verbrauchern das Leistungsniveau der Rentenversicherung nicht mehr aus", sagen die Wirtschaftsforscher. Die Zahl der jungen Schuldner hat hingegen abgenommen – von 15,37 Prozent im Jahr 2014 auf nun 14,06 Prozent. Am höchsten ist die Überschuldungsquote mit 18,93 Prozent bei den 30- bis 39-Jährigen.

Auffällig ist für die Wissenschaftler die hohe Quote der Frauen bei den neuen Schuldnern. 60 Prozent davon seien weiblich. Frauen würden zunehmend durch veränderte Rollenbilder gleichberechtigt die Verantwortung für Schulden übernehmen. Insgesamt ist die Überschuldungsquote bei Männern jedoch mit fast 12,6 Prozent deutlich höher als bei Frauen (7,61). Das läge daran, dass Männer zum einen häufiger der Haushaltsvorstand mit dem höheren Einkommen sind. Gleichzeitig seien Männer risikobereiter bei Finanzentscheidungen.

(rent)
 
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