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Autor von "Ragtime" und "Billy Bathgate“
Der fabulierende Historiker - E. L. Doctorow ist tot

E. L. Doctorow: Der fabulierende Historiker starb mit 84 Jahren
FOTO: dpa, jh uw
New York. Natürlich wurde er Jahr für Jahr als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Schließlich ist E.L. Doctorow die literarische Stimme Amerikas gewesen – und er wird es weiterhin bleiben, über seinen Tod hinaus, der am Mittwoch vermeldet wurde. Der Autor bedeutender Werke wie "Ragtime" oder "Billy Bathgate" starb im Alter von 84 Jahren. Von Lothar Schröder

Weil der 84-Jährige all das war, was einen großen und das heißt immer auch zeitlosen Erzähler ausmacht. Doctorow war ein Chronist seinen Landes, kritisch und anklagend, da er fähig war, hinter all die Kulissen seiner Nation und die Masken ihrer Helden zu schauen. Alles, was Doctorow geschrieben hat, ist immens politisch; aber nur, weil all unser Tun und Leben immer auch politisch ist. Ansonsten hat er sich gern als einen Unpolitischen bezeichnet. Zumindest Statements lagen ihm, dem Lieblingsschriftsteller von Präsident Barack Obama, sehr fern. Er hat sich als einen linksliberalen Humanisten verstanden, nie als einen Agitator.

Er, der in der Bronx geboren wurde, hat ordentlich aufgeräumt mit all den Legenden und Gründungs-Mythen, mit den scheinbaren Heroen des sogenannten Wilden Westen und den Kriegen, die im eigenen Land unter den eigenen Bürgern wie auf dem fernen europäischen Kontinent geführt wurden. "Ragtime" von 1975 muss man gelesen haben, "Billy Bathgate", "Daniel" und "Der Marsch" sollte man lesen und als grandiosen Epilog vielleicht noch "Homer & Langley" von 2009.

Das ist die wahre Geschichte zweier skurriler Brüder aus den 1940er Jahren, die sich mehr und mehr in ihre New Yorker Villa zurückziehen und schließlich in fast 100 Tonnen Müll umkommen. Aber was ist und was heißt bei einem wie Doctorow schon wahr? Das Abbild der Wirklichkeit muss stets eine Wirklichkeit unserer Vorstellung bleiben wie auch unserer Erzählungen. Und Doctorow hat die klügsten, spannendsten und vor allem leidenschaftlichsten geschrieben. Auch darum sind seine Bücher, so weit sie auch in die Geschichte seines Landes eintauchen, nie abgelegte Vergangenheitsbetrachtungen; sie bleiben Spiegel unserer Gegenwart. E.L. Doctorow war Historiker und Erfinder in einer Person, Fabulierer und Dokumentarist.

Selbst diese obskure Brüder-Geschichte "Homer & Langley" ist ihm zum Sinnbild geraten. Denn der Müll, den sie in ihrem Haus ansammeln, wird zu einem riesigen Schutzwall gegen die Welt, gegen Veränderungen und Zumutungen. Es ist ihr Protest gegen die Wirklichkeit, den sie auch dadurch fortsetzen, indem sie die Gas- und Wasserrechnungen nicht mehr begleichen. Also werden ihnen irgendwann die Hähne abgedreht, und so ziehen die beiden Brüder nachts mit einem Kinderwagen und diversen Flaschen zum nächstgelegenen Hydranten. E.L. Doctorow hat mit Heinrich von Kleist ein deutsches Literaturvorbild und war für einen bedeutenden deutschen Schriftsteller der Gegenwart selbst das Vorbild. So bekannte Daniel Kehlmann, dass er ohne "Ragtime" seinen Weltbestseller "Die Vermessung der Welt" nie hätte schreiben können.

Wie Kehlmann hat auch Doctorow scheinbar konventionell erzählt. Seine verblüffende Modernität saugte er aus seinen Stoffen und seinem im besten Sinne naiven Blick darauf. Doctorow habe, so Kehlmann, noch jeden Roman so begonnen, "als wäre es sein erster".

Nein, den Nobelpreis hat der Amerikaner nicht bekommen. Was soll's? Geehrt wird er bis heute durch Millionen von Lesern. Seine Bücher sind sein Ruhm, die weit über seinen Tod wirken werden.

Quelle: RP
 
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