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"Demolition"
Konto voll, Seele kaputt

Jake Gyllenhaal überzeugt in "Demolition" als gefühlskalter Witwer. Von Martin Schwickert

Das Gemurmel der Trauergäste verstummt, als Davis (Jake Gyllenhall) die Badezimmertür hinter sich schließt. Er schaut in den Spiegel und fängt an zu weinen. Endlich. Schließlich hat der Mann vor kurzem seine Frau bei einem Autounfall verloren und läuft seitdem seltsam ungerührt neben der Spur. Aber dann brechen die Heulkrämpfe abrupt ab und das Gesicht versteinert erneut. Das Weinen war gespielt. Eine gefälschte Emotion, um Erwartungshaltungen zu bedienen. Davis fühlt nichts. Vielmehr macht Julias Tod ihm klar, dass er sie nie geliebt hat - und dass er sein eigenes Leben nicht liebt.

Und so lässt sich Davis einfach herausfallen aus seiner Börsenmakler-Existenz, hinein in eine Leere, die ihn schon lange umgeben hat, und findet Gefallen am Handwerk der Demontage. Mit dem tropfenden Kühlschrank fängt er an und zerlegt das Gerät in seine Einzelteile. Es folgt die Toilettenkabine im Büro, eine flackernde Neonlampe, und bald schon stellt er seine zerstörerischen Dienste einem achselzuckenden Abrissunternehmer zur Verfügung. Die zweite Absurdität, in die er sich hineintreiben lässt: eine Beschwerdebrief-Serie an die Betreiberfirma eines Süßigkeiten-Automaten. Die Kundenbetreuerin ist gerührt und nach einer Phase gegenseitigen Stalkings entwickelt sich eine platonische Freundschaft. Die allein erziehende Mutter Karen (Naomi Watts) erkennt in dem Versehrten einen Seelenverwandten, und auch der coole Sohnemann findet Gefallen an dem seltsamen Fremdling. Gemeinsam ziehen die beiden los, um Davis' schickes Designer-Heim am Stadtrand zu demolieren. Glastische, Flachbildschirme, Balkonfenster, Rigips-Wände werden zertrümmert - und das Haus mit einem auf eBay erworbenen Bulldozer niedergerissen.

Diese Bilder lustvoller Zerstörung entwickeln in Jean-Marc Vallées "Demolition" eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Denn es ist nicht weniger als der amerikanische Traum von überbordendem Wohlstand, der hier zerschmettert wird. Nach dem gewissenlosen Fernsehbilderjäger in "Nightcrawler" spielt Jake Gyllenhaal hier eine weitere gruselige Inkarnation des "homo americanus". Der Witwer, der keine Trauer empfindet, bietet einen interessanten Ausgangspunkt für eine Geschichte, die in der ersten Hälfte durch unkonventionelle Ideen überzeugt, sich dann aber deutlich dem seelischen Genesungsprozess des Patienten verpflichtet fühlt und sich ohne Not mit dem Schleudersitz in ein Happy End katapultiert.

Demolition, USA 2015, Regie: Jean-Marc Vallée, mit Jake Gyllenhaal, Naomi Watts, Chris Cooper, 101 Min.

Quelle: RP
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