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Maria Furtwängler im Interview
"In der Kritik an Merkel schwingt tiefe Frauenverachtung mit"

Maria Furtwängler im Interview: "In der Kritik an Merkel schwingt tiefe Frauenverachtung mit"
Maria Furtwängler als Dorothea in einer Szene des Kinofilms "Das Wetter in geschlossenen Räumen". FOTO: dpa, wk hjb
Berlin. In "Das Wetter in geschlossenen Räumen" spielt Maria Furtwängler eine Charity-Lady in einem Krisengebiet, die in einem Luxushotel wilde Partys schmeißt. Wir haben mit der 49-Jährigen gesprochen. Von Dorothee Krings

Wie viel Zynismus hält ein Mensch aus? Das untersucht Isabelle Stever in ihrem Film "Das Wetter in geschlossenen Räumen", der von einer Frau erzählt, die für die UN Spendengelder sammelt und in Krisenregionen Charity-Veranstaltungen organisiert. Die Widersprüche ihrer Existenz zwischen Terror, Armut und den Superreichen, die sich als Wohltäter gefallen, ertränkt sie in Alkohol. Als sie sich einen jungen Liebhaber zulegt, gerät ihr Leben außer Kontrolle.

Mutige Entscheidung, eine Rolle zu übernehmen, die sich so kritisch mit dem Charity-Wesen beschäftigt.

Furtwängler Wieso mutig?

Weil Sie sich als Person des öffentlichen Lebens im wirklichen Leben selbst in solchen Kreisen bewegen.

Furtwängler Das verstehe ich nicht ganz. Wenn ich eine Mörderin spielte, würden Sie mich ja auch nicht fragen, ob ich im wirklichen Leben mörderische Neigungen hege. Künstlerische Freiheit bedeutet doch, dass ich so eine Rolle spielen kann, ohne mich mit der Figur identifizieren zu müssen. Ich finde allerdings, dass man durchaus einen kritischen Blick auf das Spendenwesen werfen darf, ohne dass ich bei meinem privaten Engagement negative Erfahrungen gemacht hätte. Es ist doch spannend, einmal die Abhängigkeit der Helfenden von den Hilfsbedürftigen zu betrachten. Die existiert nämlich auch, und es ist ein schlauer Zug, das zum Gegenstand eines Spielfilms zu machen.

Und es hat Sie gereizt, eine trinkende Zynikerin zu spielen?

Furtwängler Ja, die Rolle hat mir erlaubt, als Schauspielerin Charakterzüge und Situationen auszuprobieren, die ich noch nicht zeigen durfte. Das hat Spaß gemacht.

Bisher haben Sie meist einen kühlen, klugen, distanzierten Frauentyp verkörpert. Hat es Sie Überwindung gekostet, in diesem Film Drogenexzesse durchzuspielen und alle Kontrolle abzugeben?

Furtwängler Das erste Mal geschluckt habe ich, als man mir gesagt hat, dass mein Liebhaber im Film 21 Jahre alt ist. Er ist jünger als mein Sohn. Da habe ich gedacht: Wie soll das denn aussehen? Das geht gar nicht! Komischerweise stört mich das jetzt beim Zusehen gar nicht mehr. Eine Frau zu spielen, der ihr Leben entgleitet, auch weil sie seltsame Drogen ausprobiert, das macht Spaß.

Ist ja schauspielerisch eine der größten Herausforderungen: glaubwürdig betrunken sein. Mit welcher Technik haben Sie das gemacht?

Furtwängler Der größte Fehler, den man machen kann, ist zu sehr in das Gefühl von Betrunkensein, Kontrollverlust, Lallen hineinzugeraten. In Wirklichkeit will der Betrunkene ja nicht zeigen, dass er betrunken ist. Er will ja immer alles noch irgendwie auf die Reihe kriegen. Man muss also für seinen Körper ein Gefühl von Schwere, Klebrigkeit, Weichheit, Unkontrolliertheit oder was auch immer abrufen, gleichzeitig muss der Kopf dagegen ankämpfen. Dann wird es reizvoll. Es braucht diesen Kontrast.

Ging es auch um den Kontrast zu Ihrer Tatort-Rolle als kontrollierte, ehrgeizige Kommissarin Charlotte Lindholm?

Furtwängler Ja, ich wollte schauspielerisch neue Facetten zeigen. Gleichzeitig haben beide Figuren auch Ähnlichkeit, denn auch die Charity-Lady Dorothea Nagel ist ja sehr diszipliniert, sie versucht, alles im Griff zu behalten: ihren Kerl, ihren Alkoholkonsum, die Projekte, die ihr entgleiten. Sie managt ihr Hilfsprojekt mit wahnsinniger Lässigkeit, sie ist souverän, säuft mit japanischen Botschaftern und arbeitet weiter. Das Gefühl, ich bin eine Gute und hab alles im Griff, das teilt sie mit Charlotte Lindholm.

Sie engagieren sich privat unter anderem für die Organisation "German Doctors", reisen dafür auch in Krisenregionen. Haben Sie dabei manchmal auch mit Ängsten zu kämpfen?

Furtwängler Ich war noch nie in Krisenregionen, die akut von kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht waren. Aber ich kenne natürlich die Angst vor ansteckenden Krankheiten. Ich war durchaus in Gegenden unterwegs, in denen es Typhus, Tuberkulose, schwere Hautkrankheiten gibt.

Warum nehmen Sie das auf sich?

Furtwängler Weil es mich glücklich macht, zu sehen, dass man mit seinem Know-how, auch mit den Vorteilen, die ich in einer sehr privilegierten Lebenslage habe, etwas bewirken kann, dass man Menschen helfen, dass man Leid mindern kann. Es ist schön zu erleben, dass man eine Organisation auf die Beine stellen kann, so wie ich mit meiner Tochter auf den Philippinen ein Haus für Frauen und Mädchen gegründet habe, die Opfer von Zwangsprostitution geworden sind. Solchen Frauen eine Chance auf eine bessere Zukunft zu geben, ist befriedigend.

Wie haben Sie Ihre Tochter für das Projekt gewonnen?

Furtwängler Meine Tochter hat mich gewonnen. (lacht) Sie hat zwei Monate in einem Projekt für Straßenkinder auf den Philippinen gearbeitet und hat dabei Mädels kennen gelernt, die Fußball lieben wie sie, die dieselbe Musik mochten, die ihr ähnlich waren, aber in so schlechten Verhältnissen lebten, dass sie sich auf der Straße zum Verkauf anbieten mussten. Das hat sie so berührt, dass wir dachten, dass wir wenigstens ein kleines Zeichen setzen müssten.

In Deutschland tobt die Flüchtlingsdebatte. Wie denken Sie, wird nun ein Film aufgenommen, der die zynischen Seiten der Flüchtlingshilfe so hervorkehrt?

Furtwängler Der Film erzählt davon, dass es Menschen gibt, die davon leben, dass sie helfen. Und wenn das so ist, gibt es natürlich auch eine gewisse Profitorientierung innerhalb der Hilfswelt. Ich denke, dass wir diesen Gedanken zulassen müssen. Der Film überzeichnet das natürlich, was Dorothea Nagel passiert, habe ich noch nicht erlebt. Aber kritische Fragen an das Hilfswesen muss man stellen dürfen. Der Film hat übrigens auch einen zarten Humor, aber den übersieht man leicht.

In Deutschland wird auch die Flüchtlingsdebatte selbst inzwischen zynisch. Was denken Sie darüber?

Furtwängler Ich glaube, dass Fehler gemacht wurden, die vor allem psychologischer Natur sind. Den Deutschen wurde das Gefühl gegeben, der Staat hätte nicht mehr unter Kontrolle, was da passiert, er hat nicht mehr im Griff. wie viele Menschen aus welchen Gegenden zu uns kommen. Das hat ein Gefühl von Ohnmacht erzeugt, und Menschen reagieren extrem aggressiv auf Ohnmacht. Wenn man gezeigt hätte, dass der Staat die Einreisenden kontrolliert, alles genau aufnimmt, dann hätte sich die Debatte nicht so emotional aufgeladen.

Finden Sie die Aggressionen in der bürgerlichen Mitte beängstigend?

Furtwängler Ich finde verstörend, dass der große Respekt, den Kanzlerin Angela Merkel so viele Jahre genossen hat und der ihr auch von vielen Männern entgegengebracht wurde, so schnell schwindet. Und nun schwingt in der Kritik an ihr eine tiefe Frauenverachtung mit. Plötzlich wird ihr Tun mit einer Häme kommentiert, die sie als Frau angreift. Das finde ich empörend.

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