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Literaturnobelpreis für Musiker
Bob Dylan und der amerikanische Traum

Literatur-Nobelpreis 2016: Bob Dylan und der amerikanische Traum
Bob Dylan in Benicassim, Spanien. (Archivbild von 2012) FOTO: dpa
New York. Als Kandidat ist er seit Jahren gehandelt worden, doch wirklich gerechnet hat niemand mit ihm. Jetzt ist es passiert: Der 75-jährige amerikanische Folk- und Rockmusiker Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Von Lothar Schröder

Eins sollte man wirklich nicht machen: die Gedichte des neuen Literaturnobelpreisträgers in ihren deutschen Übersetzungsversuchen lesen - ganz gleich ob nun von Hans Magnus Enzensberger, Wolf Wondratschek oder Gisbert Haefs. Weil Bob Dylans Verse nicht von ihrem Ursprung entführt und wahrscheinlich nicht einmal gedruckt und gelesen werden dürfen - sondern immer bloß gesummt, gesungen oder, sehr nah am Original, einfach nur gekrächzt. Leute, was für ein komischer, unübersetzbarer Literaturnobelpreisträger!

Eigentlich haben das gestern alle gedacht, die Entzückten wie die Entsetzten. Und das, obwohl der Name Dylan seit geraumer Zeit auf den Vorschlagslisten fürs Stockholmer Komitee herumgeisterte. Wir hielten es nur für eine Never-Ending-Anekdote einer an Anekdoten ohnehin reich ausgestatteten Ehrung.

Bob Dylan aber ist kein Witz. Auch darf man sich nicht von seinen mitunter autistisch wirkenden Bühnenauftritten irritieren lassen, bei denen weder Klassiker wie "Mr. Tambourine Man" und "Blowin' in the wind" erkennbar noch irgendwelche Kontaktversuche zum Publikum spürbar sind. Bob Dylan ist lieber ganz bei sich. Eine Zurschaustellung, zugegeben. Doch wird darin zugleich der alternde Dandy sichtbar, der Habitus seines Künstlertums, über den sich Dylan von Beginn an identifiziert.

Poetische Identitätsfindung

Bilder aus Bob Dylans Musikvideo "Like a Rolling Stone" FOTO: Screenshot Sony

Denn erst mit der Kunst wird sein Leben beginnen. Erst mit der Flucht aus dem stinklangweiligen Mittleren Westen und seiner Ankunft Anfang der 1960er in New York. Hier ist alles richtig; hier ist der Ort einer Neugeburt. Aus Robert Allen Zimmerman, dem Spross einer wohlhabenden jüdischen Familie, wird der Singer-Songwriter Bob Dylan. Das ist dann auch der Name seines ersten Albums, schlicht zwar, aber wahrhaftig: Denn es ist seine Taufe und eine Art poetische Identitätsfindung.

Dylan ist keine Kunstfigur, die sich selbst erschafft. Er sieht sich selbst in einer Tradition, die sich fortzuführen lohnt. Er hat seinen Rimbaud gelesen und seinen Baudelaire, Ezra Pound, Walt Whitman, T.S. Eliot, Ginsberg. Alles Futter fürs Selbstbild und brauchbar als Inspirationsquelle für seine Songtexte. Doch kaum einer wird für ihn so wichtig wie Bertolt Brecht. Der führt ihn unter dem Wappen des François Villon zu den Quellen des Dichtens und Singens, lehrt ihn den Protest und schließlich den Protest gegen den Protest. Wie Brecht mit dem Kommunismus zunehmend fremdelte, so ist Dylan auf kritische Distanz zur Bürgerrechtsbewegung gegangen.

Manche sagen, genau das sei die Botschaft seines Songs "Maggie's Farm" von 1965. Rassismus und Sklaverei spielten nur eine Nebenrolle, in Wahrheit rechne Dylan ziemlich zynisch mit der ganzen Folk- und Protestbewegung ab, die ihn für immer vereinnahmen wollte. "I ain't gonna work on Maggie's farm no more", singt er ihnen zu. Und: "Well, I try my best / To be just like I am / But everybody wants you / To be just like them / They say sing while you slave and I just get bored / I ain't gonna work on Maggie's farm no more". Und Bob Dylan wird auf dieser Farm geräuschvoll kündigen. Ausgerechnet die junge Ikone des Folk wagt im Juli 1965 das Ungeheuerliche: Auf dem Newport Folk Festival stöpselt er seine elektrische Gitarre ein und geht damit in die Geschichte als Gründer des Folk-Rocks ein.

Schwierig, heikel, für manche auch empörend

Bis hierhin ist es die Geschichte einer der großen Kult- und Kunstfiguren des vergangenen Jahrhunderts. Sie erzählt aber noch nicht die Geschichte eines Literaturnobelpreisträgers. Und da beginnt es dann schwierig, heikel, für manche auch empörend zu werden. Dass nach skandalträchtigen 20 Jahren ohne amerikanischen Preisträger jetzt kein ehrwürdiger und zunehmend angegrauter Platzhirsch der Literaturszene zum Zuge gekommen ist, sondern stattdessen der 75-jährige Sänger, erfüllt viele mit Bitterkeit. Doch sagt das wahrscheinlich mehr über unser Literaturverständnis aus als über Dylan selbst.

Es bleibt dabei, dass seine Verse mit jeder Übersetzung praktisch getilgt werden. Was sagt man bloß zu Wortneuschöpfung wie "a wild cathedraled evening"? Und wie ist es im Lied "Mr. Tambourine Man" mit diesem zwar nett klingenden, letztlich aber wohl sinnfreien "jingle jangle morning"? Übersetzer haben allein bei diesem Wort recht hübsche Pirouetten gedreht und Dylans Erlebnis mal einen "Tingeltangel-Morgen" genannt, ein anderes Mal "Kling-Klang-Morgen" - eine Art Tagesanbruch, der vom hellen Klang des Tamburins gestaltet werden soll. Das ist gut gemeint, vielleicht originell, aber nicht mehr Dylan.

Also singen wir uns den neuen Literaturpreisträger einfach schön? Das klingt revolutionärer, als es ist. Denn Lyrik ist ihrem Wesen nach dazu da, gesungen zu werden. Das war so bis zu Heinrich Heines "Buch der Lieder". Danach verstummte die Lyrik und wurde Poesie. Mit dem neuen Literaturnobelpreisträger Bob Dylan gelangt die Dichtung wieder zu ihren Ursprüngen. Wer hätte das gedacht!

Quelle: RP
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