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Bap-Frontsänger Wolfgang Niedecken
„Ich habe keine Zeit zu verplempern“

Wolfgang Niedecken von Bap: „Habe keine Zeit zu verplempern“
Bap-Frontsänger Wolfgang Niedecken (65) kommt mit seiner Band am 14. November in die Mitsubishi Electric Hall in Düsseldorf. FOTO: imago
Die Bap-Jubiläumstour heißt "Lebenslänglich". Der Titel meint vor allem die einzige Konstante in 40 Jahren: Sänger Wolfgang Niedecken. Im Interview spricht er über das Alter, junge Kollegen, seinen Schlaganfall und die Zukunft von Bap.  Von Jessica Balleer

Zuletzt haben wir Sie bei "Sing meinen Song" zwischen Xavier Naidoo und Annett Louisan gesehen. Warum haben Sie sich für die Teilnahme entschieden?

Niedecken Zur ersten Staffel kam bereits eine Anfrage. Damals dachte ich noch, das wäre eine Art Dschungelcamp. Als die Einladung zur dritten Staffel kam, habe ich nur gesagt: Leute, ich singe auf keinen Fall Schlager. Schließlich habe ich zugesagt und es hat einfach großen Spaß gemacht mit diesen Kollegen in Südafrika, das war pures Vergnügen. Der Höhepunkt war, als Sammy Deluxe, der nie wirklich einen Vater gehabt hat, bei mir um Adoption gebeten hat.

Wie haben Sie sich zwischen den jungen Kollegen gefühlt?

Niedecken Unter Musikern spielt das Alter keine Rolle. Ich musste ja erfreulicherweise nicht den Berufsjugendlichen spielen. Mit meinem Alter hab ich kein Problem, ich muss auch keinem was beweisen. Bap ist eine klassische Rock'n'Roll Band, nur der Sänger singt halt in seiner Muttersprache – und die ist bei mir eben Kölsch. Erfreulicherweise sehen das die jüngeren Kollegen auch so und nehmen mich als das wahr, was ich bin: jemand mit Erfahrung. Ich kenne mich ganz gut aus in meinem Metier. Und wenn man da keine Sachen veranstaltet, die einen unglaubwürdig machen, hat man schon viel erreicht.

Was hätte Bruce Springsteen zu "Sing meinen Song" gesagt?

Niedecken Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das mitgekriegt hat. Aber wenn er es gewusst hätte, hätte er es sicher lustig gefunden. Es ging ja nicht um irgendwelche Challenges oder den neuen Superstar oder so einen Quatsch. Es ging immer um Musik.

Welche CD läuft denn gerade in Ihrem Auto?

Niedecken Momentan höre ich gerne Stefan Stoppok. Mein Kollege aus dem Ruhrgebiet. Der hat mir sein neues Album geschickt. Das läuft bei mir auf Dauerrotation im Auto. Max Prosa und Clueso höre ich gerne, der gehört fast mit zur Familie. Und die Band ,Von Brücken‘ finde ich gut.

Sie haben sich immer für die amerikanische Kultur begeistert. Cohen, Dylan und Springsteen, sind das heute noch Idole?

Niedecken Mit dem Begriff muss man vorsichtig sein. Ich war auch nie einer, der Idole hatte. Auch Fan sein hat immer was von ,fanatisch‘, das brauche ich nicht. Ich hatte aber immer meine Helden. Die Rolling Stones waren Vorbilder, die brauchte man damals auch, wenn man vermeintlichen Autoritäten gegenüberstand. Von Neil Young und Bob Dylan habe ich das Songs schreiben gelernt. Ich rate jedem jungen Kollegen, sich mit Cohen, Dylan und Young auseinanderzusetzen.

Sind Sie mit Bruce Springsteen befreundet?

Niedecken Freundschaft und Liebe sind sehr inflationär benutzte Begriffe. Bruce und ich kennen und schätzen uns. Es ist immer ein großes Hallo, als erstes unterhalten wir uns meistens über das jeweils neue Dylan-Album.

Was hat sich für Sie als Musiker, Künstler und Autor seit Ihrem Schlaganfall 2011 verändert?

Niedecken Dass ich zum ersten Mal bewusst registriert habe, dass ich gar nicht mehr allzu viel Zeit zur Verfügung habe. Ich hatte immer im Hinterkopf "Hinter‘m Horizont geht‘s weiter." Jetzt denke ich, hoffentlich erreiche ich noch, was ich als Horizont wahrnehme. Ich bin entschlossener geworden und habe gemerkt, dass es Sachen gibt, die ich nicht mehr brauche. Weg damit, um keine Zeit zu verplempern.

Welche Sachen sind das?

Niedecken Es gab Leute, mit denen ich lange zusammengearbeitet habe, obwohl ich wusste, dass es wenig Sinn macht. Das habe ich dann beendet. Innerhalb der fünf Jahre ist in der Familie auch viel passiert. Die Kinder sind flügge geworden, zu Hause haben wir jetzt das leere Nest. Trotzdem bleiben das aber immer die Kinder. Mein ältester Sohn ist 33. Wenn er krank ist, mache ich mir dieselben Sorgen wie damals, als er im Kindergarten war. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: Du bleibst immer mein Kind. Damals habe ich das nicht verstanden, heute verstehe ich es.

In 40 Jahren BAP haben Sie viele Mitglieder loslassen müssen. Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern?

Niedecken Zu einzelnen schon. Bei anderen weiß ich gar nicht, wo die abgeblieben sind. Man darf nicht meinen, dass wir innerhalb der Band alle eng befreundet waren. Am meisten habe ich heute mit den Leuten der Ur-Besetzung zu tun. Hans Heres, mit dem ich die Band gegründet habe, ist nach wie vor einer meiner engsten Freunde. Und Bernd Odenthal, der Keyboarder vom ersten Album.

Die "Lebenslänglich"-Tour geht weiter. Wie sieht die Zukunft von Ihnen und Bap aus?

Niedecken Ich habe es gerne, wenn sich Dinge fließend entwickeln. Ich bin keiner, der großartige Haken schlägt. Bap hat sich gut organisch entwickelt. Die Tour geht erstmal weiter im November und Dezember. 33 Auftritte, das ist viel Holz. Dann muss ich mal gucken im nächsten Jahr. Vielleicht mache ich noch mal ein Soloalbum wie "Zosamme alt" mit amerikanischen Musikern. Mal die Nase in den Wind halten und gucken, wo es langgehen könnte. Nur so geht es. Sonst fängt man an, sich für Zielgruppen zu interessieren, und das ist nicht die Aufgabe von Kunst.

Wen sehen sie da, wenn Sie heute ins Publikum schauen?

Niedecken Wir haben bei dieser Tournee erstmals in bestuhlten Arenen gespielt, weil wir festgestellt haben, dass da auch Leute kommen, die einfach keine drei Stunden mehr stehen können. Denen einen Sitzplatz anzubieten, erfordert der Anstand. Ich gestehe frank und frei: Als ich mir die Stones angeguckt habe – das war zuletzt übrigens in Düsseldorf – da war ich auch froh, wenn ich mich mal setzen konnte.

Politisches und gesellschaftliches Engagement war Ihnen immer wichtig. Bereitet Ihnen die derzeitige Stimmung Sorge?

Niedecken Große Sorge. Wenn ich mir die Wahlergebnisse aus Meck-Pomm angucke, bin ich ratlos. In einem Bundesland mit dem geringsten Ausländeranteil herrscht die größte Xenophobie. Dafür gibt es keinen Grund. Es sei denn, man ist zu faul, sich zu informieren. Dann läuft man irgendwelchen Populisten nach. Unsere Demokratie erfordert, dass man sich politisch bildet.

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