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Analyse
Brauchen wir einen Antibiotika-Führerschein für Ärzte?

Multiresistente Keime: Brauchen wir einen Antibiotika-Führerschein für Ärzte?
FOTO: Shutterstock.com/ Zaharia Bogdan Rares
Düsseldorf. Die gefürchteten Resistenzen gegen Antibiotika entstehen häufig durch deren unkontrollierte Verschreibung. Experten fordern eine stärkere Fortbildung der Ärzte - nicht jeder sollte ohne Schulung Rezepte ausstellen dürfen. Von Wolfram Goertz

Es zählt zu den elementaren Kompetenzen der ärztlichen Freiheit, dass ein Arzt Medikamente verordnen kann. Auf seinen Rezeptblock kann er letztlich sogar schreiben, was er will - Nachfragen wird er nur erleben, wenn ein aufmerksamer Apotheker den Sinn eines Medikaments bezweifelt, wenn er eine Kontraindikation aufspürt, wenn eine Krankenkasse aus Kostengründen aufs Bremspedal tritt - oder wenn ein Patient an den Medikamenten unerwartet verstirbt.

Ebenso dürfte es zum Erfahrungsschatz der Moderne zählen, dass die unkontrollierte Verordnung von Medikamenten neue Krankheiten erzeugt. Das liegt nicht nur an den Nebenwirkungen, die zum Teil erheblich sind, sondern auch an ihrer flächendeckenden Verabreichung, die einer Volksspeisung ähnelt. Manche Tabletten rufen unerwartete Spätfolgen hervor. So hat eine neue Studie nachgewiesen, dass Patienten, die Magensäureblocker wie Pantozol oder Omeprazol nehmen, möglicherweise ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko haben. Diese Medikamente sind mittlerweile ohne Rezept in der Apotheke zu kaufen.

Diese Reservemedikamente liegen in den Panzerschränken der Ärzte

Ebenso leicht kommen Patienten, die eine Erkältung plagt, an rezeptpflichtige Antibiotika. Zwar weiß alle Welt, dass sie bei solchen Erkrankungen, da viral bedingt, wirkungslos sind - trotzdem rennen viele Leute mit einem lächerlichen grippalen Infekt zum Arzt und fordern ein Antibiotikum. Und sie bekommen eins verschrieben, nicht selten ein viel zu starkes oder ziemlich unspezifisches Breitband-Antibiotikum, nach dem Motto: Hauptsache draufhauen! Das ist medizinisch ein absurder Vorgang, gegen den noch niemand zu Felde gezogen ist. Denn auf diese Weise produziert eine ungenaue Antibiotika-Therapie Resistenzen gegen Antibiotika - und dann wird die Sache gefährlich, wenn die Leute plötzlich wirklich krank werden und kein Antibiotikum mehr wirkt.

Mikrobiologen predigen schon seit langem eine zurückhaltende Antibiotika-Verschreibung, weil dann der verheerende Selektionsdruck auf die Bakterien zurückgeht. Der funktioniert so: Von den massiven Attacken durch Breitband-Antibiotika werden auch unbeteiligte Bakterien, häufig im Darmtrakt, betroffen, die mit einem raffinierten Trick antworten: Unter dem antibiotischen Druck entwickeln sie eine Art genetische Hornhaut, die sie unempfindlich macht gegen Antibiotika. Und so gibt es nun beispielsweise Enterokokken (Darmbakterien), an denen die meisten Antibiotika abprallen, sogar das kraftvolle Vancomycin. Deshalb heißen sie VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken).

Hierbei handelt es sich nur scheinbar um sogenannte Krankenhauskeime - in Wirklichkeit tummelten sie sich schon lange in einem Patienten, doch in dem Moment, da er eine andere Grunderkrankung erleidet und ins Krankenhaus kommt, findet man dort den Keim, der sich jeder Behandlung widersetzt. Normalerweise machen solche Keime medizinisch keinen Kummer, denn im Körper bleiben sie meist örtlich begrenzt. Wenn sie aber in Regionen gelangen, die hochgradig verletzlich sind (wie etwa in eine Wunde), dann kann ihre Anwesenheit zu heftigen Problemen führen - nicht selten mit tödlichen Folgen.

Viele Ärzte gehen bewusst und vorsichtig mit Antibiotika um, trotzdem müssen auch sie sich aggressiver Patienten erwehren, die ein Medikament unbedingt verschrieben haben wollen. Zugleich gibt es Heilkundige, deren Kompetenz bei Antibiotika eher unterdurchschnittlich ist; die ein Mittel zu lange verordnen; die eine ungünstige oder sogar ungeeignete Wirkstoff-Gruppe wählen; die sich nur wenig Mühe machen, den Erreger zielgenau zu identifizieren, etwa durch ein Antibiogramm. Dieses ist das Ergebnis einer Antibiotika-Resistenzbestimmung; es informiert den Arzt darüber, gegenüber welchem Antibiotikum ein bestimmter bakterieller Krankheitserreger resistent oder sensibel ist.

So gefährlich sind Klinikkeime FOTO: dapd

Über Kompetenzprobleme wird in der Ärzteschaft nur ungern gesprochen. Umso betrübter sind die Experten. So sagt Colin R. MacKenzie, selbst Arzt und Professor für Mikrobiologie am Universitätsklinikum Düsseldorf: "Ich bin immer wieder betroffen, wie schlecht sich auch ärztliche Kollegen selbst bei einfachen Antibiotika-Aspekten auskennen. Es gibt Ärzte, die verschreiben sie immer für zehn Tage, damit sich angeblich keine Resistenzen bilden. Das ist völliger Blödsinn." Sind Ärzte tatsächlich in diesem Bereich nicht gut genug geschult? MacKenzie, ein sehr freundlicher, ruhiger, bedachtsamer Mensch, sagt kategorisch: "Nein, sind sie nicht."

Wie lässt sich das Problem lösen? Durch eine kontinuierliche Fortbildung, die auch streng überwacht wird, findet MacKenzie: "Jeder Arzt, der ein Antibiotikum verschreiben will, sollte einen Fachkunde-Schein vorweisen können, durch den er seine Befähigung nachweist. Er muss also einen Kursus belegen, in dem er das alles lernt." Allerdings gibt es sehr viele Fortbildungsveranstaltungen, die Ärzte absolvieren müssen - "und eine Antibiotika-Schulung ist da natürlich nicht das Allererste, das ein Orthopäde gern besucht", sagt MacKenzie. Zugleich müsse auch die Ausbildung junger Ärzte bereits im Studium verbessert werden.

Eine Lösung hat Professor MacKenzie jedenfalls für die Uniklinik Düsseldorf selbst eingeleitet: "Wir haben hier mit der Klinikapotheke ein System installiert. Gewisse Antibiotika dürfen nur mit einem Sonderrezept ausgestellt werden, das mir gefaxt wird. Und ich rufe dann jeden einzelnen Kollegen an und frage genau nach. Das ist ziemlich mühsam und hat anfangs für Verwirrung gesorgt. Jetzt ist der Effekt sehr positiv. Im Bereich der niedergelassenen Ärzte ist das Problem allerdings viel größer, weil dort die meisten Antibiotika verschrieben werden."

Quelle: RP
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