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Pflege-Reportage
Füttern. Waschen. Weiter.

Pflegeheime: Füttern. Waschen. Weiter.
Unsere verdeckte Reporterin, Saskia Nothofer (27), in ihrer Arbeitskleidung. Das Foto entstand per Selbstporträt vor einem Spiegel. FOTO: sno
Düsseldorf. Über die Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen gibt es viele Schauergeschichten. Unsere Autorin wollte wissen, wie es wirklich ist, und hat ein Praktikum in einem Altenheim gemacht. Schon am zweiten Tag stieß sie an ihre Grenzen. Von Saskia Nothofer

Am Eingang erinnert eine Gedenkwand an die Verstorbenen. Vor wenigen Tagen hat es einen Mann getroffen. Jetzt gibt es nur noch ein Foto von ihm: Das Gesicht ist faltig, er lächelt müde. Angehörige gibt es nicht. In wenigen Tagen wird sein Zimmer mit einem neuen Pflegebedürftigen belegt.

Ich bin als verdeckte Reporterin unterwegs und arbeite elf Tage im Düsseldorfer Awo-Seniorenzentrum Ernst-Gnoß-Haus. Altenpflege ist ein Dauerthema. Ich möchte wissen, wie es wirklich aussieht. In dem Heim leben 80 Pflegebedürftige, verteilt auf vier Wohneinheiten.

Eine Woche zuvor habe ich mich für ein Praktikum beworben. Nach einem Anruf im Heim gegen 10 Uhr stand ich drei Stunden später mit meinen Bewerbungsunterlagen vor der Tür. Ein kurzes Bewerbungsgespräch, und ich hatte das Praktikum. Dass ich keinerlei Erfahrung in der Pflege mitbringe, spielte keine Rolle. Täglich habe ich eine Schicht von sieben bis 14.30 Uhr. Auch am Samstag und Sonntag. Als Ausgleich gibt es einen freien Tag in der zweiten Woche. "Wenn, dann müssen Sie die Pflege auch so erleben, wie sie wirklich ist", sagte die Pflegedienstleiterin.

Montag, Tag 1 Ich betrete das Heim. Sofort steigt mir ein Geruch in die Nase, der mich die kommenden Tage begleiten wird. Es riecht nach Krankheit und Körperflüssigkeiten.

Für die 20 Bewohner sind pro Schicht je drei Pfleger zuständig, schon wenige Tage später werde ich einer von ihnen sein. Bei mindestens einem muss es sich um eine examinierte Pflegefachkraft handeln. Diese haben eine dreijährige Ausbildung hinter sich und sind für die medizinische Versorgung der Bewohner verantwortlich. Die übrigen Kräfte sind meist Pflegehelfer mit einjähriger Ausbildung.

Herr Schmidt*, der Wohnbereichsleiter, erklärt mir die wichtigsten Regeln - etwa die Hände-Desinfektion. "Nach jedem versorgten Bewohner musst du dir die Hände desinfizieren." Zudem seien Handschuhe während der Pflege Pflicht.

Neben Herrn Schmidt, der auch Fachkraft ist, sind eine Auszubildende sowie ein Pflegehelfer im Dienst.

Ich begleite Pflegehelfer Max. Vor dem Frühstück waschen wir die Bewohner, reinigen ihr Gebiss, rasieren sie, ziehen sie an und wechseln ihre Pflaster. Geduscht werden die 20 Bewohner einmal pro Woche. Sie leben in sieben Doppel- und sechs Einzelzimmern.

Als Erstes kümmern wir uns um einen dementen, körperlich noch fitten Bewohner. Er wäscht sich selbst, dann zieht der Pflegehelfer ihn an. Von der Unterhose bis zum Pullover. Ich mache das Bett und hole Handtücher. Dann bringe ich den Mann in den Frühstückssaal. Alleine würde er nicht dorthin finden.

Wir gehen weiter zu einem bettlägerigen Bewohner. Er ist kaum ansprechbar, durch einen Schlauch fließt bräunlicher Urin in einen Plastikbeutel am Bett. Der Katheter führt aus dem Bauchnabel, die Stelle ist entzündet und mit MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)-Bakterien infiziert, wie mir Max erklärt. Diese sind resistent gegen die meisten Antibiotika, was es schwieriger macht, durch den Erreger ausgelöste Infektionen zu behandeln.

Nach Angaben des Landeszentrums Gesundheit (LZG) NRW, das als fachliche Leitstelle die Landesregierung und die Kommunen in allen gesundheitlichen Fragen unterstützt, wurden 1456 MRSA-Fälle im Jahr 2012 gemeldet. 2013 waren es 1354, 2014 dann 1204 und 2015 schließlich 1160 Fälle (Stand Februar 2016). Die Zahl der MRSA-Infektionen ist rückläufig, aktuelle Zahlen zu Altenheimen liegen nicht vor.

Während Max die Wunde saubermacht und desinfiziert, trägt er Mundschutz und Schürze. Herr Schmidt hatte mir erklärt, dass das bei allen mit MRSA infizierten Bewohnern Pflicht ist. Zudem wird die dreckige Wäsche des Bewohners in einem gesonderten Behälter gesammelt. Trotz der Infektion liegt der Mann in einem Doppelzimmer. Es gibt weitere solcher Fälle in dem Heim.

Melanie Pothmann vom LZG: "Eine Einzelzimmerunterbringung von Bewohnern mit MRSA oder anderen resistenten Erregern ist in Altenpflegeeinrichtungen nach der Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention ,Infektionsprävention in Heimen' nicht erforderlich." Das Robert-Koch-Institut ergänzt, dass mit multiresistenten Keimen infizierte Bewohner ihr Zimmer mit anderen Personen teilen können, wenn bei den anderen keine offenen Wunden, Katheter oder Sonden vorliegen und das Risiko einer Infektion nicht erhöht ist.

Später räumen wir das Zimmer des verstorbenen Bewohners aus. Wir leeren die Schränke. Stopfen Kleidung und angebrochene Kosmetikartikel sowie Kamm, Rasierer und Zahnbürste in Müllsäcke, beziehen das Bett und kleben neue Namensschilder an die Möbel. Obwohl ich den Verstorbenen nicht kannte, fühle ich mich unwohl. Es kommt mir vor, als würde ein ganzes Leben innerhalb weniger Minuten in großen blauen Säcken verschwinden. Ich frage die Kollegen, ob es ihnen auch so geht. "Man gewöhnt sich daran", antworten sie.

Während einer Pause stellt Max die Medikamente für die Bewohner zusammen. "Inoffiziell mache ich das oft", sagt der Helfer. Eigentlich müsse eine Fachkraft diese Aufgabe erledigen. "Fragt die Heimaufsicht nach, hat das natürlich die Fachkraft gemacht."

Drei Monate später haben wir die Awo-Seniorendienste Niederrhein gGmbH, die für das Heim verantwortlich ist, und das Heim selbst mit den Ergebnissen der Recherche konfrontiert, unter anderem zur Frage der Verteilung der Medikamente sowie den hohen Arbeitsdruck. Peter Herzog, Leiter des Heims, schreibt: "Das Stellen, Verteilen und Verabreichen von Medikamenten ist im Ernst-Gnoß-Haus klar geregelt und ausschließlich Fachkraftaufgabe. Für diese Aufgaben sind zu jeder Tages- und Nachtzeit Fachkräfte im Haus verfügbar. Das Einhalten der gesetzlichen Vorgaben wird kontrolliert und angepasst. Bei festgestellten Abweichungen werden umgehend durch den Einrichtungsleiter Maßnahmen eingeleitet."

Beim Mittagessen bekommen einige Bewohner pürierte Erbsen, pürierte Schweinelendchen und pürierte Dosenpfirsiche. Einige werden gefüttert. Ich helfe einer Bewohnerin beim Essen, da sie das Besteck kaum halten kann. Die Dame isst alles auf, spricht aber nicht viel. Was sich über die kommenden Tage verändert.

Herr Schmidt und ich duschen nach dem Mittagessen eine Frau. Auch sie ist mit MRSA infiziert. Erkennbar ist es an einem roten Punkt auf dem Türschild. Einen Mundschutz oder eine Schürze trägt Herr Schmidt nicht. "Warum nicht?", frage ich. Er geht kaum darauf ein. Man könne sich ja auch in der U-Bahn oder an anderen öffentlichen Orten damit anstecken. Die Hände zu desinfizieren sei das Wichtigste. Die Pfleger tun das auch. Gefühlte 30 Mal am Tag.

Pothmann vom LZG dazu: "Bei den Pflegern ist eine gut etablierte und konsequent durchgeführte Basishygiene Grundlage der Infektionsprävention in Altenpflegeeinrichtungen. Die Händehygiene ist die wichtigste Maßnahme der Basishygiene." Trotzdem rät das LZG zum Tragen von Schutzkitteln: "Bei Pflegemaßnahmen am Betroffenen sollte das Pflegepersonal einen Schutzkittel tragen."

Heimleiter Herzog: "Um eine Verbreitung von Keimen so weit wie nur möglich auszuschließen, sind die Beschäftigten im Ernst-Gnoß-Haus angehalten, die Hygienerichtlinien konsequent einzuhalten. Die Umsetzung wird durch ein Qualitätsmanagementsystem und eine Vielzahl flankierender Maßnahmen gestützt und das Einhalten der Richtlinien kontrolliert."

Die Pfleger gehen gut mit den Pflegebedürftigen um. Sie nehmen sich Zeit, soweit das zu dritt bei 20 Bewohnern möglich ist.

Um 14.30 Uhr ist Feierabend. Der erste Tag war anstrengend. Am nächsten Tag werde ich an meine Grenzen stoßen.

Dienstag, Tag 2 Der beißende Geruch steigt mir wieder in die Nase. Die Nachtschicht erzählt uns, was in der Nacht passiert ist. Ich begleite wieder Max, packe mit an. Ein Bewohner hat Durchfall. Das Bett und er selbst sind voll mit Kot. Ich ignoriere den Geruch. Er soll sich auf die Toilette setzen. Ich leere seinen Katheter, dann dusche ich den Mann und ziehe ihn an.

Der Bewohner im Doppelzimmer gegenüber ist schläfrig, seine Gelenke sind verkrampft. Alleine aufstehen kann er nicht mehr. Max geht behutsam mit ihm um. Er macht Übungen mit den Beinen des Mannes, um dessen Gelenke zu lockern. "Aua, aua, Hilfe", schreit er und krallt seine Finger in meinen Arm. Die Übungen helfen ihm, seine Schreie sind kaum zu ertragen.

Kurz vor dem Mittagessen wird die Auszubildende aufgefordert, den Blutzuckerspiegel der Diabetes-Patienten zu messen und Insulin zu spritzen. Sie ist erst seit wenigen Monaten in der Pflege. "Das darf ich eigentlich nicht", sagt sie.

Heimleiter Herzog: "Auszubildende im Ernst-Gnoß-Haus werden frühestens ab dem zweiten Ausbildungsjahr und zuerst immer unter Anleitung und Aufsicht einer Fachkraft in diesen Aufgabenbereich eingearbeitet. Im Verlauf des dritten Ausbildungsjahres soll die Insulininjektion selbstständig beherrscht werden. Fachlich verantwortlich bleibt jedoch immer die Pflegefachkraft."

Inzwischen ist es 13 Uhr. Gemeinsam mit einer Kollegin führe ich eine Dame auf die Toilette. Auch sie ist mit MRSA infiziert. Daher frage ich, ob wir beim Kontakt mit Urin und Kot nicht aufpassen müssten. Die Kollegin wiegelt ab: "Keine Ahnung, das weiß ich nicht. Keiner hier trägt ja zusätzlichen Schutz." Sie sagt mir, dass alle hier ihren Job zwar toll machten, das ganze Haus aber unterbesetzt sei und ihr deshalb wenig erklärt werden könne. Stattdessen bekomme sie Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die sie nicht bewältigen könne: "Wenn die Leute mir hinfallen, bin ich schuld."

Mittwoch, Tag 3 Ich kümmere mich zum ersten Mal alleine um einen Bewohner. Beim Duschen braucht er Hilfe, zufällig habe ich am Tag zuvor erfahren, dass der Mann mit MRSA im Mund-, Nasen-, Rachenraum infiziert ist. Ich fühle mich unwohl bei dem Gedanken, ihn ins Bad zu begleiten. Werden Keime in feuchter Umgebung nicht besonders gut übertragen? Niemand weist mich darauf hin, einen Mundschutz zu tragen. Ich frage nach: "Sollte ich bei dem Bewohner nicht einen Mundschutz anziehen?" - "Kannst du machen, wenn es dir ein besseres Gefühl gibt", antwortet mir der Kollege.

Laut LZG können diese Bakterien über Tröpfchen, also zum Beispiel beim Husten oder Niesen, übertragen werden.

Heimleiter Herzog: "Ein Mundschutz muss nur dann getragen werden, wenn die Keime den Mund-Rachenraum besiedeln oder die Gefahr besteht, dass infiziertes Sekret verspritzt."

Bei Spaghetti Bolognese treffe ich wieder die Dame, die ich schon am ersten Tag gefüttert habe. Sie spricht mehr. Dann stehen Toilettengänge an. Also rein in die Behindertentoilette, raus aus dem Rollstuhl, rauf auf die Toilette, Gesäß abwischen. Vor drei Tagen habe ich den Mann das erste Mal gesehen, jetzt wische ich ihm den Hintern ab. Er ist dement, ihm scheint es nichts auszumachen. Mir mittlerweile auch nicht mehr.

In der Zwischenzeit ist der neue Bewohner eingetroffen. Körperlich ist er fit, aber dement. Auch auf einer anderen Etage gibt es einen Neuen. Die Aufnahme erfordert viel Arbeit. Zudem sind einige Bewohner erkältet. Die Menschen brauchen mehr Medikamente als sonst, manche müssen im Bett bleiben. Sie klingeln häufiger und bitten um Hilfe. Die Pfleger spüren die zusätzliche Belastung. Sie kritisieren, dass für die Spätschicht nur eine Pflegefachkraft für 40 Bewohner eingeteilt ist. "Wer soll denn so etwas schaffen?", fragen sie.

Heimleiter Herzog: "Im Nachtdienst werden die 80 Bewohner durchgängig von zwei Pflegefachkräften betreut, im Frühdienst sind für je 20 Bewohner in der Regel mindestens drei Pflegekräfte und im Spätdienst in der Regel zwei Pflegekräfte - darunter jeweils mindestens eine Pflegefachkraft - im Einsatz. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Pflegefachkräfte-Quote wird vom Ernst-Gnoß-Haus um 10 Prozent überschritten: Die Fachkraftquote beträgt hier 60 Prozent."

Donnerstag, Tag 4 Konflikte unter den Bewohnern gibt es oft. Die Pfleger müssen als Seelsorger, Vermittler und Schlichter einspringen. Eine Frau fährt weinend in ihrem Rollstuhl durch die Gänge. Als sie mich sieht, nimmt sie meine Hände, schaut mich traurig an. Ein Bewohner, mit dem sie Karten spielt, hat ihr ins Gesicht gesagt, dass er sie nicht leiden kann. "So etwas sagt man doch nicht", schluchzt sie. "Mit wem soll ich denn jetzt noch spielen?"

Freitag, Tag 5 Am Morgen liegt ein Bewohner mit Hemd, Hose, Pullover und Turnschuhen im Bett. "Ich habe mich eben schon angezogen", sagt er. "Das behauptet er immer", sagt Max. Tatsächlich ist es die Kleidung des Vortags. So ist das mit dementen Bewohnern.

Auch der neue Bewohner ist verwirrt. Nachdem er auf der Toilette war, wäscht er sich nicht die Hände. Ich erinnere ihn daran. Er bedankt sich und will mir Geld zustecken: "Jetzt habe ich gar nichts, was ich Ihnen geben kann", sagt er. Beim Mittagessen flüstert er mir zu, dass er hier ohne Geld ja nichts essen könne.

Wie die Tage zuvor füttere ich die Dame beim Mittagessen. Sie isst viel, ihr Teller ist immer leer. "Das tut sie erst, seitdem Sie hier sind", sagt eine andere Bewohnerin. Und auch ihre Laune verbessert sich. Sie spricht mehr, lächelt und reagiert deutlicher auf ihre Umgebung. Auch bei den anderen 15 Frauen und Männern im Speisesaal, die ich alleine betreue, achte ich darauf, dass jeder zumindest ein paar Löffel des Hauptgangs und die Hälfte der Banane isst.

Die Pfleger dokumentieren ihre Arbeitsschritte: Jede Pflegemaßnahme, jeder Stuhlgang, jede Mahlzeit und jedes Medikament werden in Formularen festgehalten. Welche Besonderheiten gab es? Stand ein Medikamentenwechsel an? Die Dokumentation ist wichtig, geht aber von der Pflegezeit ab. "Früher waren wir doppelt so viele Leute pro Schicht", sagt eine Kollegin. "Die haben das extrem reduziert in den letzten Jahren."

Heimleiter Herzog: "Das Personal wurde im Ernst-Gnoß-Haus in den letzten Jahren nicht reduziert. Bislang ist es - trotz zunehmendem Fachkräftemangel - immer gelungen, freiwerdende Stellen im Pflegebereich neu zu besetzen. Natürlich gibt es immer wieder Arbeitsdruck, der im Wesentlichen durch die gesetzlichen Rahmenbedingungen verursacht wird."

Laut der Kollegin sind die Bewohner mittlerweile auch pflegebedürftiger. Während früher vor allem Menschen im Altenheim wohnten, die etwas Unterstützung im Alltag brauchten, nehme die Zahl derer rapide zu, die eine Rund-um-die-Uhr Betreuung nötig hätten und dement seien.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen die erhöhte Anzahl an Pflegebedürftigen. So ist die Anzahl der in Heimen vollstationär versorgten Pflegebedürftigen im Vergleich 2013 zu 2011 bundesweit um 2,9 Prozent gestiegen. Im Vergleich zu 1999 sogar um 35,8 Prozent. Bei den Zahlen werden aber nicht nur alte Menschen, sondern Pflegebedürftige jeden Alters berücksichtigt.

Samstag, Tag 6 Pflegerin Manuela ist die Erste, die mich vor Keimen warnt und mir rät, mich zu schützen. Die multiresistenten Erreger kämen meist aus dem Krankenhaus und wenn nötig, solle ich immer einen Mundschutz tragen. "Lieber zu oft als zu selten", sagt sie.

Wir lassen eine bettlägerige Frau auf einer Bettpfanne abführen. Die Mitbewohnerin kann den Geruch kaum ertragen.

Beim Frühstück soll ich Tabletten anreichen. Ob ich das darf, weiß ich nicht. Ich sage, dass ich ungern dafür verantwortlich sei. Aber es heißt nur: "Mach einfach, das klappt schon."

Mittags quillt einem anderen Bewohner plötzlich der Reibekuchen aus dem Mund. Sein Gebiss hat sich gelöst, das Essen steckt zwischen Gaumen und Zahnprothese fest. Ich behebe das Problem.

Da in der Zeit meines Praktikums eine Erkältung im Heim grassiert, sind zusätzliche ärztliche Verordnungen notwendig. Dabei fällt mir auf, dass die Ärzte einigen kranken Bewohnern Antibiotika verschreiben, auch wenn womöglich nur eine Virusinfektion vorliegt. Auch die Pfleger bemängeln das. Denn ein Antibiotikum wirkt hier nicht, und der vermehrte Einsatz kann zu Resistenzen führen.

Heimleiter Herzog: "Die Entscheidung des Arztes, Antibiotika zu verschreiben, muss das Ernst-Gnoß-Haus akzeptieren. Gerade bei sehr alten Menschen, die an einer Vielzahl von Erkrankungen leiden, ist es nicht auszuschließen, dass Ärzte in manchen Fällen Antibiotika auch vorsorglich verschreiben."

Sonntag, Tag 7 Heute habe ich erst ab 13.30 Uhr Dienst. Die Schicht beginnt mit Kaffee und Kuchen für die Bewohner. Angehörige übernehmen das Servieren, und ich kann "Mensch ärgere dich nicht" mit zwei Bewohnern spielen. Ich muss alle zwölf Spielfiguren setzen.

Nur zwei Pfleger sind in der Spätschicht neben mir eingeteilt. Sie sind im Dauereinsatz. Laufen von Zimmer zu Zimmer, da die Bewohner klingeln und Hilfe brauchen: Die eine schafft es nicht auf die Toilette, die andere braucht eine Bettpfanne, der Dritte Hilfe beim Anziehen und dem Vierten ist schwindelig, sein Blutdruck soll gemessen werden. Nebenbei müssen Protokolle über die Bewohner geführt werden. "Wir sind viel zu wenige", sagen mir die Pfleger immer wieder. "Man kommt aber auch kaum noch an neue Leute ran. Weder an Fachkräfte noch an Helfer."

Im Mai waren bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) 12.228 offene Stellen in der Altenpflege gemeldet, 3326 sind arbeitslos. Kaum eine Branche hat so wenig Angebot bei so viel Nachfrage. "Man muss hier von Fachkräftemangel sprechen", sagt eine Sprecherin der BA.

Kurz nach dem Essen muss ein dementer Bewohner auf die Toilette. Dort angekommen, hat er vergessen, was er hier will. Ich setze ihn trotzdem darauf, leere den Katheter und warte. Bevor ich Waschlappen und Handtücher aus dem Lager hole, bitte ich ihn, sitzen zu bleiben. Doch als ich wiederkomme, versucht er schon, seine Hose hochzuziehen. Im letzten Moment kann ich ihn davon abhalten.

Montag, Tag 8 Ein dementer Bewohner muss das Heim heute verlassen. Nach Meinung von Herrn Schmidt ist er nicht mehr haltbar, da er verbal und körperlich zunehmend aggressiv wird. Er muss in die Psychiatrie. Er wird mit Medikamenten ruhiggestellt, dann wird er abgeholt. Ich sehe ihn nie wieder.

Dienstag, Tag 9 Ich werde als volle Kraft eingesetzt. "Heute muss es schnell gehen, daher machen wir nur das Nötigste", sagt ein Kollege. Der Grund für die Eile: Normalerweise bin ich als vierte, zusätzliche Kraft eingesetzt, heute sind wir nur zu dritt.

Ich starte mit dem neuen Bewohner. Er macht alles, was ich sage. Putzt seine Zähne, rasiert sich und kämmt seine Haare. Dabei behauptet er immer wieder, dass er das doch alles längst erledigt habe.

Um den Bewohnern Abwechslung zu verschaffen, kommen jeden Vormittag zwei Frauen vom Pflegedienst und beschäftigen sich mit den Bewohnern. Sie malen, spielen und machen Gehirntraining mit ihnen.

Derweil schnappe ich mir eine Klatschzeitung und lese sie mit einer Dame. Es macht Spaß, mit der alten Frau über die Königshäuser dieser Welt, die Beziehung von Helene Fischer und das Kind von Jörg Pilawa zu sprechen. Als ich etwas über das Liebesdrama von Sylvie Meis vorlese, lacht sie. Und auch ein anderer Bewohner, der mit am Tisch sitzt, schaltet sich ein und möchte Details über den Zustand von Michael Schumacher erfahren. Nur die dementen Bewohner sind schwierig zu beschäftigen. Wissen oft nichts mit sich anzufangen. Einer von ihnen wandert durch das Haus, fragt, wo er wohne, und sagt immer wieder, dass er nach Hause müsse. Dabei löst er mehrmals den Feueralarm aus. "Das war ich nicht, das war ein Anderer", behauptet er.

Mittwoch, Tag 10 Die Arbeit zehrt an meinen Kräften. Eine Bewohnerin fragt: "Wieso haben Sie sich eigentlich so einen schwierigen Job ausgesucht?" Dafür müsse man ja schon eine Menge Idealismus mitbringen.

Eine Pflegefachkraft verdient laut Bundesagentur für Arbeit im bundesweiten Schnitt 2490 Euro brutto, ein Pflegehelfer erhält im Schnitt 1777 Euro brutto.

Donnerstag, Tag 11 Ich habe frei.

Freitag, Tag 12 Ich bin froh, die anstrengende Zeit fast überstanden zu haben. Beim Mittagessen füttere ich ein letztes Mal die Dame, die ich seit Beginn des Praktikums fast bei jeder Mahlzeit unterstützt habe. Ich erzähle ihr, dass heute mein letzter Tag sei. "Das ist aber schade, wirklich schade", sagt sie. Als ich mich von zwei anderen Bewohnern verabschiede, beklagen sie, dass das Personal zu oft und zu schnell wechsle. "Da hat man sich einmal an einen Pfleger gewöhnt, und dann ist er auch schon wieder weg. Das passiert dauernd."

Ich führe ein kurzes Abschlussgespräch mit der Pflegedienstleiterin und verabschiede mich von den Pflegern. "Ich habe mich so daran gewöhnt, dass du hier bist", sagt eine Kollegin. "Schade, dass du gehst." Sie fragt, ob ich mir eine Zukunft als Pflegerin vorstellen kann.

* Alle Namen geändert

Mit wem wir arbeiten und wie es weitergeht

Kooperation Die Serie "Pflege in Not" entsteht in Zusammenarbeit mit dem Recherchezentrum "Correctiv". Es finanziert sich durch Spenden von Bürgern und Zuwendungen von Stiftungen. Im "Correctiv"-Verlag ist gestern ein Buch zum Thema erschienen ("Jeder pflegt allein"). Unter www.correctiv.org/pflege gibt es eine Auswertung zu allen deutschen Pflegeheimen.

Fortsetzung Im nächsten Teil unserer Serie geben wir einen Überblick über die Qualität der Heime in der Region sowie Tipps, wie Sie ein gutes Heim finden können. In den kommenden Wochen beschäftigen wir uns unter anderem mit der Pflege zu Hause und wo Deutsche sich im Ausland pflegen lassen.

Quelle: RP
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