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Urlaub in Amerika
Mit dem Camper durchs herbstliche Colorado

Beeindruckendes Panorama beim Campen in Colorado
Beeindruckendes Panorama beim Campen in Colorado FOTO: dpa, pla
Grand Junction . Mit der Wohnung unterwegs: Das Motorhome ist in den USA ein klassisches Vehikel für Reisende. Im Rocky-Mountain-Staat Colorado wird ein Roadtrip zur fahrerischen Herausforderung - vor allem im Herbst warten dafür aber grandiose Belohnungen.

Der Truck rast den Million Dollar Highway bergab, als ginge es tatsächlich um Millionen. Mit seinem Anhänger, der sich unter der Last der Baumstämme zu biegen scheint, schneidet er die Kurve der engen Passstraße. Es wird knapp auf der Gegenfahrbahn, auf der das Wohnmobil hinauffährt, das selbst fast ein Lastwagen ist. Im Seitenspiegel lauert der Abgrund. Aber alles geht glatt, der Truck rauscht vorbei. Das Adrenalin im Körper der Reisenden senkt sich wieder. Die Tour im langen "RV", einem Recreational Vehicle, wie die großen Reisemobile in den USA heißen, sie geht weiter. Erholung bietet so ein Roadtrip durch Colorado offenbar nur bedingt.

USA: Was Sie in Neuengland sehen müssen FOTO: Shutterstock.com/ Doug Lemke

Das Gefährt misst samt Fahrradträger am Heck elf Meter. Auch hier in den USA, im Land des Automobils, fährt es sich damit nicht gerade leicht: Vor Kurven muss weit ausgeholt werden, der Wendekreis ist dreimal so groß wie bei einem Auto. Serpentinen-freundlich ist das nicht. Doch hier im Rocky-Mountain-Staat, inmitten von Nationalparks und Naturreservaten, mangelt es an Unterkünften. Und im Herbst, wenn die Temperaturen nachts schon unter den Gefrierpunkt fallen, ist ein Zelt nicht jedermanns Sache. Also ein Wohnmobil!

Nach langer Fahrt ist das erste Etappenziel am Abend erreicht, das Colorado National Monument nahe Grand Junction im gebirgigen Westen. Das Mobil ist Kurven hinaufgekrochen, durch Tunnel gefahren, dann war der Stellplatz zwischen dunklen Gestalten erreicht, die sich am Morgen als knorrige, teils Hunderte Jahre alte Wacholderbäume herausstellen.

Ein Spaziergang in Daunenjacke durch den frostigen Morgen auf dem rund 1500 Meter hohen Plateau ersetzt den Kaffee. Das Wohnmobil steht nur ein paar Dutzend Meter von einer Abbruchkante entfernt. Der Blick ins Colorado-Tal ist famos: Am Horizont liegen faltig die Rockys im Dunst, vor den Füßen Sandsteinformationen mit Monolithen, die sich bis zu 150 Meter gen Himmel recken. Mit den ersten Sonnenstrahlen beginnen sie rot zu leuchten.

"Heart of the World" taufte der Siedler John Otto diese Gegend, auf sein Wirken hin erhielt sie 1911 den Schutzstatus eines National Monument. Für einen symbolischen Lohn von monatlich einem Dollar soll Otto als erster Aufseher gearbeitet haben. Diese Geschichte erzählt die Dauerausstellung des Besucherzentrums am knapp 40 Kilometer langen Rim Rock Drive. Die touristische Straße entlang des Canyon-Rands wurde 1950 fertiggestellt und führt bis auf 2000 Höhenmeter. Heute kann sie längst auch mit einem 400-PS-Koloss befahren werden.

Foto & Infos: Abenteuerurlaub in den USA FOTO: Shutterstock.com/ Jim David

Vorbei an einer Formation haushoher Felsbrocken, die irgendjemand "Devil's Kitchen" getauft hat, rollt das RV erst wieder ins Tal und dann nach Ouray. Der Ort liegt in rund 2350 Metern Höhe, hier lebten die Leute früher vom Gold und Silber, das sie aus den Bergen holten.
Heute verdankt Ouray seine Existenz dem Tourismus. Im Winter ist der Ort Ausgangspunkt für Besuche des größten Eiskletterparks in den USA.

Im Herbst ist nicht viel los. Die Lokale sind leer, der Campingplatz am Uncompahgre River ebenfalls. Dem Fluss ist die Schlucht zu verdanken, die von etwa 4000 Meter hohen Bergen flankiert ist. Als "Switzerland of America" vermarktet sich Ouray wegen seiner landschaftlichen Ähnlichkeit zu den Alpen. Ein einziger Gast sitzt am Abend an der Bar des "The Mr. Grumpy Pants Brewing Co.", wo das Ale mit örtlichem Leitungswasser gebraut ist.

Am nächsten Morgen steht ein Besuch bei Linda Wright-Minter an, der Besitzerin des "Wiesbaden Motel". Die Bleibe ist ein unscheinbares Holzhaus, das es in sich hat. Im Keller gibt es einen Spa-Bereich. Wer die Umkleiden verlässt, findet sich bald mitten im Berg in der Vapour Cave, einer Dampfhöhle, wieder. Die glatt gewaschenen Felswände sind feucht und glänzen im Licht einer Grubenlampe. In ein Becken mit Betonmauern läuft das Wasser einer heißen Quelle. Ein zehnminütiges Bad macht so angenehm erschöpft wie ein Saunagang.

Die heiße Quelle wurde der Ouray County Historical Society zufolge schon um 1800 von den Ute-Indianern genutzt. Später baute Chief Ouray sein Haus oben am Hang. Der Häuptling ging als Vermittler zwischen Ureinwohnern und Weißen in die Geschichte ein. Deshalb wurde der Ort nach ihm benannt. Auf den Ruinen entstand später eine Hütte, die heute noch so eingerichtet ist wie in den 1950ern. Linda vermietet sie an Gäste, unter ihnen Roland McCook, der Ur-Ur-Enkel von Chief Ouray. "Wir sind Freunde", sagt die 76-jährige Linda.

Nach der halsbrecherischen Etappe über den Million Dollar Highway durch die San Juan Mountains mit Haarnadelkurven und Abgründen erreichen die Reisenden mit dem Wohnmobil irgendwann Silverton. Es geht vorbei an den Hinterlassenschaften der Goldgräberzeit, an einer Geisterstadt am Wegrand, hölzernen Gerüsten und verlassene Hütten. Aber am großartigsten sind die Ausblicke: verschneite Berggipfel wie weiße Farbtupfer vor blauem Himmel, gelb leuchtende Hänge, tiefgrüne Douglastannen. Die Verfärbung der Espenwälder zieht jedes Jahr Tausende von Touristen an.

Silverton verdankt seinen Namen üppiger Silberfunde und wurde damals an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Heute können Touristen mit einem historischen Dampfzug ins 70 Kilometer entfernte Durango fahren, dem touristischen Zentrum im Südwesten Colorados. Von dort aus brechen die Touristen im Sommer zu den umliegenden Flüssen zum Fliegenfischen oder Kajakfahren auf, im Winter geht es in die Skigebiete.

Amerikanische Nationalparks zum Staunen FOTO: bjul / Shutterstock.com

Die Fahrt mit dem RV führt aber weiter Richtung Pagosa Springs, einem weiteren Ort mit heißen Quellen, in dem sie im Winter sogar die Bürgersteige beheizen. Der Ort wirbt mit dem nahen Skigebiet Wolve Creek, jährlich sollen dort 11,80 Meter Schnee fallen - Rekord in den USA. Am Abend sorgt auf dem RV-Parkplatz im Ort, der neben Wasser und Strom auch Kabel-TV-Anluss bietet, ein Schatten für Aufsehen: eine Hauskatze, nur viel größer. Es könnte ein Puma gewesen sein. Aber wahrscheinlich war es wohl doch nur ein Luchs.

Am nächsten Morgen sieht man keine Spuren, der Platz ist mit Kies aufgeschüttet. Es geht hinüber zum "The Springs Resort & Spa" am Ufer des San Juan River. Das Haus ist eine von drei Einrichtungen in Pagosa Springs, die die heißen Quellen zu Badezwecken nutzen. Über den insgesamt 23 Open-Air-Pools liegt Wasserdampf, der zu leuchten beginnt, als die Sonne über die Bergkuppen blinzelt.

Die Pools werden von der Mutterquelle und dem kalten Fluss gespeist, so liegen die Badetemperaturen zwischen 25 und 45 Grad. Wer ins 10 Grad kalte Fließgewässer steigt, empfindet das erneute Bad im heißen Pool wie 1000 Nadelstiche. Entspannung. Und damit keine schlechte Vorbereitung für die nächste Highway-Etappe.

Nach knapp 200 Kilometern parkt das Elf-Meter-Wohnmobil auf einer der gut dimensionierten Parklücken des Pinyon Flats Campground im Great Sand Dunes National Park ein. Es ist schon dunkel. Im Mondlicht liegen große Sandhaufen, sie sehen fast aus wie ein Pastell. Das wirkt aber wohl nur so, weil die Sandwüste inmitten einer Bergkulisse liegt, die Sangre de Cristo Range hat viele Viertausender.

Im Wohnmobil duftet es bald nach Spaghetti Bolognese. Es gibt zwar eine  Dunstabzugshaube, doch für Luftaustausch sorgt das offene Fenster. Aus Sorge, auch Braunbären könnten Appetit bekommen, wird die Luke bald wieder geschlossen. Tatzenspuren im nassen Sand beweisen am Morgen, dass die Tiere hier wirklich herumstreifen. Auf dem Weg zu den Dünen muss der flache, aber breite Medano Creek überwunden werden. Der Aufstieg entlang einem der Kämme ist dann kräfteraubend, obwohl der Sand von der kalten Nacht noch hart ist. Die gewaltigste Düne misst 230 Meter, es ist die höchste der USA.

Das Morgenlicht wirft scharfe Schatten. Im Sand finden sich Spuren von Känguruhratten. Die Stimmen anderer Dünenbesteiger sind gedämpft. Obwohl jährlich rund 250 000 Gäste in den Park kommen, wird es dort nie eng. Auf einer Fläche von rund 10 mal 13 Kilometern erstreckt sich das größte der Sandfelder des Parks. Nur der Campingplatz kann ausgebucht sein, im Oktober kommt das aber nur selten vor.

Am Ende verzehren die Reisenden zu Füßen der surrealen Sandberge ein kleines Frühstück aus dem Wohnmobil-Kühlschrank unter freiem Himmel. Nun wird noch einmal Schwarz- und Grauwasser an der RV-Servicestation abgelassen und der Tank mit teurem Nationalpark-Sprit bedacht. Der Rückweg nach Denver verläuft über die Interstate 25 und hält keine fahrerischen Nervenkitzel mehr bereit. Als letzter der mehr als 50 "Fourteener" - das sind Berge mit einer Höhe von mindestens 14 000 Fuß - türmt sich bei Colorado Springs der Pikes Peak auf. Den 4301 Meter hohen Gipfel können Reisenden mit der höchsten Zahnradbahn der Welt erreichen. Doch auf der Zielgeraden wollen die Wohnmobil-Reisenden ihrem Gefährt die Treue halten.

(dpa)
 
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