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Gastbeitrag
Debatte um G8/G9 – hört endlich auf die Eltern!

NRW: Debatte um G8/G9 – hört endlich auf die Eltern!
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Meinung | Düsseldorf. Wer sich fragt, warum die Eltern so vehement gegen das "Turbo-Abitur" sind, der sollte sich den Qualitätsverlust am Gymnasium anschauen. Die Argumente sogenannter Experten für das G8 sind teils haarsträubend.  Von Ulrich Czygan

Es ist ein Dilemma: Sobald Eltern für ihre Kinder streiten, geraten Politik und Wirtschaft in Aufruhr. Vor einigen Tagen erschien in dieser Zeitung ein Beitrag von Stephan Dorgerloh und Winfried Kneip zum Thema gymnasiale Schulzeitverkürzung. Leider – wie so oft in dieser Diskussion – ist er durchsetzt mit Halb- oder Unwahrheiten, die dann auch noch untereinander in Beziehung gesetzt werden.

Unter Umgehung von Fakten werden Sachargumente zu "ideologisch gefärbten Argumentationen" erklärt, als "gefühlte Empirie" verunglimpft, und Eltern präsentieren ihre "drastischen Forderungen" meist "verallgemeinernd auf der Basis eigener familiärer Erfahrungen". Warum, fragen sich die Autoren, graben "nun ausgerechnet die Eltern das Kriegsbeil aus"?

Ganz einfach: weil die Politik uns zu lange ignoriert hat. Es ist Zeichen gravierender Unkenntnis und der Vergleich von Äpfeln mit Birnen, andere Staaten oder das Bundesland Sachsen als Beispiel für das achtjährige Gymnasium (G8) und gegen die Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit (G9) anzuführen.

Das Abi-Bac in Frankreich ist mit unserem Abitur nicht vergleichbar; über das Niveau amerikanischer Schulabschlüsse reden wir besser nicht. Dass Sachsen in Tests vorne liegt – geschenkt. In Sachsen beherrschen Kinder am Ende der vierten Klasse grundlegende Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Da können Lehrkräfte weiterführender Schulen durchstarten; in Nordrhein-Westfalen bei bescheinigten minderen Leistungen (so zum Beispiel im gerade veröffentlichten Ländervergleich) eher nicht.

G8 bedeutet vor allem eins: etwa 1000 Unterrichtsstunden weniger

Natürlich wissen wir Eltern, dass nicht alle Probleme durch G8 verursacht sind. Der Qualitätsverlust am Gymnasium hat bereits vorher mit dem Austausch fachlicher Inhalte durch fragwürdige Kompetenzen in den Lehrplänen begonnen. G8 bedeutet vor allem eins: etwa 1000 Unterrichtsstunden weniger, wovon ungefähr 400 auf Fremdsprachen entfallen. Rechnet man den Unterrichtsausfall in NRW hinzu, kommen schnell 1500 Stunden zusammen. Dass heutige Abiturienten nach Aussagen von Hochschulprofessoren vielfach nicht studierfähig sind und die Zahl der Studienabbrecher steigt, ist die logische Konsequenz.

Ja, auch wir sind der Ansicht, dass man mehr Bildungsexperten und Praktiker fragen muss, um danach Schule zu gestalten. Doch die Politik orientiert sich gerne an sogenannten Bildungsforschern, deren Studien selten das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Da befragt eine Professorin eine überschaubare Anzahl von Studenten aus G8 und G9, ob sie nach ihrer Selbsteinschätzung in Mathematik gute Kenntnisse aufweisen. Da sich niemand für unwissend erklärt, lautet das Ergebnis: Es gibt keine Unterschiede.

Die Politik wird nicht müde, auf die steigende Anzahl der Studienfächer hinzuweisen, die mit einem hohen Numerus clausus belegt sind, blendet aber gleichzeitig aus, dass die "Messlatte" immer tiefer hängt, um überhaupt die Hochschulreife zu erlangen. Flankierend singt ein großer Gütersloher Medienkonzern das Hohelied der Ganztagsschule, wobei deren jüngste Erhebung nur unter Eltern durchgeführt wurde, die ihre Kinder bewusst auf einer solchen Schule angemeldet haben – was für ein dilettantischer Anfängerfehler in der Grundannahme.

Umfrage: 79 Prozent der Eltern für G9

Wirkliche Experten wie Lernforscher, Neurobiologen, Psychologen, Erziehungswissenschaftler werden kaum gefragt. Da halten sich die Regierenden lieber an Politik- und Sozialwissenschaftler, die alle Zahlen rückwirkend so lange durchschütteln, bis das passende Ergebnis erscheint. Den Lehrkräften, die die wahren Experten des Unterrichtens sind, wird leider wenig Gehör geschenkt.

Um die Debatte auf ein sachliches Fundament zu stellen, haben wir im Frühjahr die wissenschaftlich begleitete Umfrage "G8 und mehr" zur Erhellung diverser Aspekte rund ums Gymnasium durchgeführt. Die Ergebnisse sind eindeutig: 79 Prozent der Eltern, die postalisch an der Umfrage teilnahmen, sind für G9, online sogar 88 Prozent. Selbst dort, wo Politiker erfolgreich organisierte G8-Gymnasien vermuten, liegen die Zustimmungswerte für G9 ähnlich hoch.

Übrigens votierte eine klare Mehrheit der Eltern gegen den gebundenen Ganztag – eine Ohrfeige für alle Politiker, die mit dieser Organisationsform regelrechte Heilsversprechungen sowie Bildungsgerechtigkeit verbinden, als könne man Bildung und Wissen wie einen Sack Silbermünzen gleichmäßig verteilen.

Sogar 88 Prozent der Gymnasiallehrer sprachen sich in unserer Umfrage für G9 aus. Wieso macht ausgerechnet der Vorstand des Philologenverbands in Nordrhein-Westfalen Schulpolitik gegen die eigene Klientel? Zumal ihm die Fragen der Erhebung vorab vorlagen und ohne Beanstandung durchgingen. Dass von manchen anderen Lehrerverbänden wenig Unterstützung für eine Rückkehr zu G9 kommt, ist der Tatsache geschuldet, dass einige von ihnen in ideologischer Verblendung der Einheitsschule entgegenträumen.

Für flächendeckendes G9 mit deutlich mehr Qualität

Was sollen wir Gymnasial-Eltern von runden Tischen damals wie heute erwarten, wenn eine Koalition von Zauderern Fakten nicht zur Kenntnis nehmen will? Derweil üben sich alle in ihrer Lieblingsdisziplin: alles auf die lange Bank schieben und nur nicht entschlossen handeln.

Das hindert G8-Verfechter nicht, Totschlag-Argumente zu präsentieren: bitte keine Unruhe an den Schulen, läuft doch gut, Umstellung kostet viel Geld. Nein, das gibt keine Unruhe, nein, es läuft nicht gut, und nein, es kostet in den ersten Jahren auch nicht mehr Geld, denn für G9 werden zunächst weniger Lehrer benötigt. Außerdem sind Inklusion und Digitalisierung nicht per se Merkmale von Schulqualität. Wenn Inklusion mit nicht eingehaltenen Versprechungen eingeführt wird, dann schadet das der Qualität – und wer Schwächen im Lesen, Schreiben und Rechnen aufweist, dem wird auch die Digitalisierung nicht weiterhelfen.

Was wir im Interesse unserer Schüler fordern, ist ganz einfach: ein flächendeckendes G9 mit deutlich mehr Qualität und Fachinhalten, mehr Zeit für Vertiefung und die Reifung unserer Kinder, wobei den besonders Begabten die Möglichkeit eingeräumt wird, das Gymnasium in acht Jahren zu durchlaufen. Nein, wir sind keine Machtstrategen, die auf dem Kriegspfad sind. Wir haben nur unsere Hausaufgaben gemacht.

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