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Kreis Heinsberg
Wahlkampf eines SPD-Kandidaten in der CDU-Hochburg

Wahl in NRW 2017: Wahlkampf eines SPD-Kandidaten in der CDU-Hochburg
Ralf Derichs (SPD) an einem seiner Wahlplakate, die in Wegberg verkehrt herum hängen. FOTO: Jürgen Laaser
Ralf Derichs Wahlplakat hängt kopfüber, der Scheitel zeigt gen Straßenpflaster. Wer die Schrift auf dem Bild lesen will, muss sich den Hals verrenken. Der SPD-Politiker tritt im Kreis Heinsberg an. In 60 Jahren haben die Sozialdemokraten hier nur einmal gewonnen. Von Kirsten Bialdiga, Wegberg

Das ist kein Versehen, das ist Aberglaube: Genau hier, an diesem Laternenpfahl vor der Sankt-Peter-und-Paul-Kirche in Wegberg, hing vor drei Jahren zur Bürgermeisterwahl das Plakat des Genossen Michael Stock. Auch verkehrt herum. Ihm brachte das Glück: Stock wurde 2014 in Wegberg tatsächlich zum ersten roten Bürgermeister überhaupt seit dem Kriegsende gewählt. Auf ein ähnliches Wunder hofft Derichs bei der Landtagswahl.

Das sind die Direktkandidaten im Wahlkreis 10 FOTO: Laurence Chaperon

Es wäre allerdings sehr erstaunlich, wenn dem 55-Jährigen im Kreis Heinsberg als Direktkandidat der Einzug in den Landtag gelänge. Hier gewinnt fast immer die CDU. Bis auf ein einziges Mal, aber das war 1985, wie er sich bestens erinnert.

Doch Derichs gibt sich kämpferisch: "Die Aufholjagd hat begonnen, bei der letzten Landtagswahl lag der Erststimmenabstand zur CDU nur noch bei fünf Prozentpunkten." Auch hier auf dem Lande seien die Wähler-Milieus in Bewegung gekommen. Es gebe immer weniger Bauern, die traditionelle CDU-Wählerschaft schrumpfe.

Es gibt kaum einen Pfahl, den die CDU nicht belegt

Leider gilt das genauso für die Wähler der SPD. Seit die Zeche "Sophia Jacoba" vor 20 Jahren im benachbarten Hückelhoven schloss, sind auch den Sozialdemokraten sichere Wähler verloren gegangen. Jetzt hofft Derichs auch auf jene Unzufriedenen, die in schlecht bezahlten Jobs im Handel und der Logistik untergekommen sind. Oder auf jene, deren Arbeitsplätze durch das bevorstehende Ende des Braunkohletagebaus bedroht sind: "Ich setze mich dafür ein, unseren Kreis zu einem Zentrum für die Entwicklung regenerativer Energien zu machen", verspricht er.

Thomas Schnelles Plakate hängen schon. Richtig herum. Zwischen Wegberg und Hückelhoven gibt es kaum einen Pfahl, den die CDU nicht belegt. Und zwar nur mit Schnelle. Spitzenkandidat Armin Laschet fehlt. Es habe eine Panne bei der Bestellung gegeben, räumt der CDU-Kreisvorsitzende Bernd Krückel ein, zu wenige Ständer.

Sofort spekulierten die Genossen, der CDU-Kreisverband habe Laschet mit Absicht nicht plakatieren wollen. Hier in der sozialdemokratischen Diaspora gilt es, jedes Zeichen der Schwäche beim politischen Gegner zu nutzen.

Die Sache mit dem Mops

Auch Derichs hat sein spezielles Plakat-Problem. Spitzenkandidatin Hannelore Kraft hat damit nichts zu tun, im Gegenteil, von ihr erhofft sich Derichs einen Schub. Aber dieses Plakat mit der Frau am Heim-Computer und dem Hündchen auf dem Schoß, noch dazu ein Mops, darunter die Aufschrift "#NRWIR schaffen Arbeit", das sei gar nicht gut angekommen bei der örtlichen SPD. Vor allem bei den Frauen nicht. Das sei dem Ernst des Themas, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nicht angemessen, habe es geheißen. Und: "Kann man sich vorstellen, dass ein Mann mit einem solchen Hündchen auf dem Schoß bei der Arbeit gezeigt wird?"

Das sind die Wahlkreise

Ein paar Kilometer weiter, in der SPD-Zentrale in Hückelhoven, haben sie gerade andere Probleme. In dem Raum mit den weiß getünchten Backsteinwänden haben sich an diesem Samstagmorgen die Jusos um einen langen Holztisch versammelt, den übermächtigen Gegner gleichfalls fest im Blick. "Die Junge Union hat im letzten Wahlkampf Kondome vor Schulen verteilt, und zwar vor allem an Migranten – wer so etwas tut, den müssen wir stoppen", ruft einer in die Runde, der an der RWTH Aachen studiert.

Was die jungen Christdemokraten allerdings bestreiten. Nur mit einer Religionslehrerin habe es bei der Aktion Ärger gegeben, erinnert sich Robert Kohnen von der Jungen Union in Übach-Palenberg.

Wähler zu verprellen, kann Derichs nicht leisten

Für Derichs ist in diesem Moment wichtiger, dass sich auch die Jusos für ihn einsetzen. Die Stimmen der Erstwähler braucht er. Mit wohlwollendem Lächeln folgt er ihren Diskussionen: Disco-Wahlkampf wollen sie machen und Boden-Zeitungen in der Fußgängerzone auslegen. Bloß nicht diese klassischen Info-Stände mit Sonnenschirm und SPD-Kugelschreibern: "Die sind denen vielleicht sogar peinlich", meint eine Jungsozialistin.

Wenig später, im malerischen Wassenberg, trifft Kandidat Derichs auf eine Gruppe, der anscheinend nicht mehr so viel peinlich ist. Viele der älteren Damen und Herren tragen weiße Baseball-Kappen auf dem Kopf mit dem Wappen des Bundesadlers, nur einer mag seine Helmut-Schmidt-Mütze nicht eintauschen. Ein gutes Dutzend ist der Einladung der SPD zu einer Stadtführung gefolgt.

Derichs hört aufmerksam zu, tippt aber doch das eine oder andere in sein Smartphone und murmelt: "Man glaubt ja gar nicht, was es für Anfragen gibt." Welche das sind, will er lieber nicht sagen. Wähler zu verprellen kann er sich nicht leisten. Der Stadtführer zückt unbeirrt eine vollgeschriebene Karteikarte nach der nächsten. Inzwischen ist er ungefähr im 19. Jahrhundert angelangt. Seit jener Zeit habe Wassenberg Federn gelassen, sagt er. Kreisstadt wurde am Ende Heinsberg.

Derichs schaut von seinem Smartphone hoch. Historische Wendepunkte interessieren ihn.

 
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