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Serie Düsseldorfer Geschichte(n)
Die älteste Boy-Group der Stadt

Serie Düsseldorfer Geschichte(n): Die älteste Boy-Group der Stadt
Die Band im Jahr 1973: Damals war Düsseldorf noch eine Jazz-Metropole. Das hat sich inzwischen geändert. FOTO: Picasa
Düsseldorf. Seit 50 Jahren stehen Jolly Jazz auf der Bühne. Sie spielten mit Udo Lindenberg und in New Orleans. Und sie werden niemals aufhören. Von Ute Rasch

Es war ein turbulentes Jahr: Die Studenten machten Rabatz wie überall im Land und blockierten mit ihren Demos die Innenstadt. Die deutschen Tennisstars gewannen im Rochusclub den Davis-Pokal gegen Südafrika. Und der Rat beschloss ein starkes Bauprogramm: U-Bahn, neues Messegelände, Erweiterung des Rheinstadions, Erneuerung der Oberkasseler Brücke. Jenseits all dieser Schlagzeilen gründeten ein paar Düsseldorfer im Sommer 1968 eine Band, nichts Besonderes eigentlich. Nur: Es gibt sie immer noch. Das "Jolly Jazz Orchestra" steht, mit leicht personeller Veränderung, seit nunmehr einem halben Jahrhundert auf der Bühne. Musik muss ein Jungbrunnen mit Langzeitwirkung sein: Tusch!

Ein Samstagabend in der Altstadt. Es ist kalt. Auf der Bolker Straße kommt reichlich Hochprozentiges gegen Minustemperaturen zum Einsatz. Um die Ecke "Em Pöötzke", Deutschlands älteste Jazz-Kneipe, trinken ein paar Herren in fortgeschrittenen Jahren - alle in schwarzer Hose, weißem Hemd, schwarzer Weste - das erste Bier des Abends. Die Kneipe füllt sich, es ist kurz vor 21 Uhr. Die Herren trinken das Bier aus und springen leichtfüßig aufs Podest, als habe keiner von ihnen das Wort Arthrose je gehört. Von der Wand schaut ihnen Louis Amstrong milde lächelnd zu, der ist hier so was wie ein Hausheiliger. Mit den ersten Tönen kommt Bewegung in den Laden, Gesichter lächeln, Knie wippen, Hände klatschen. Und New Orleans ist plötzlich nicht mehr so fern.

Sie spielen, was sie schon immer gespielt haben: traditionellen Jazz, Dixieland. Manchmal auch "C'est ci bon" oder "Freunde der Nacht". Musik, die in gewissen Jazzkreisen Gesichter provoziert, als habe einem der Zahnarzt gerade sehr weh getan. "Es gibt tiefe Gräben zwischen dem modernen und dem traditionellen Jazz", weiß auch Freddy Schauwecker. Der Mann ist Gründer und Chef des "Jolly Jazz Orchestras", ein wandelndes Jazz-Lexikon mit Posaune, Autor von Jazz-Büchern und -Magazinen und vor allem ein heiterer, unermüdlicher Botschafter seiner Musik: "Sie soll vor allem Freude transportieren, Leichtigkeit, Lebenslust." Wie in New Orleans.

Oder an einem frostigen Samstagabend in der Altstadt. Wenn die Band komplett spielt, stehen da fast 500 Jahre auf der Bühne. Angestaubt hört sich ihre Musik deshalb noch lange nicht an, wenn sie sich bei "Sweet Georgia Brown" oder "Blue Moon" von Frank Sinatra ins Zeug legen. Das Publikum ist gemischt: Der treue Fan-Club von Düsseldorfs ältester Boy-Group ist immer dabei, außerdem Stammgäste vom "Pöötzke" und erstaunlich viele Junge, die sich darüber wundern, dass die Männer auf der Bühne ohne Noten spielen. "Die Jungen entdecken den traditionellen Jazz wieder", wissen die Musiker - und freuen sich über das generationenübergreifende Fingerschnippen. Inzwischen werden die ersten Runden für die "Jungs" spendiert, die Stimmung steigt. Und dann ist Pause und Freddy Schauwecker hat Zeit, von den Anfängen zu erzählen.

"Populär wurde der Jazz in Deutschland in den 1950-er Jahren, das fing mit Chris Barber an. Damals teilten sich die Musik-Freaks in zwei Gruppen, die einen liebten Elvis, die anderen den Jazz." Freddy Schauwecker spielte in jenen Jahren Posaune im Kirchenchor. "Aber ich wollte unbedingt diese Musik mit dem besonderen Lebensgefühl spielen." Das tat er dann zum ersten Mal im "Jazz Cap" auf der Flinger Straße. Bis 22 Uhr war er der Mann an der Garderobe, danach durfte er auf die Bühne. "Das war eine ziemlich frostige Angelegenheit." Was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Denn Freddy Schauwecker war noch nicht volljährig, wenn Polizeikontrollen waren, musste er sich im Kühlkeller verstecken. "Ich kam immer völlig durchgefroren zurück."

Am späteren Abend traf er oft einen Freund, der gerade im Breidenbacher Hof eine Ausbildung zum Hotelfachmann absolvierte und zog mit ihm durch die Kneipen, in denen noch Life-Musik gespielt wurde: Udo Lindenberg hieß der Freund. "Der Kontakt hält bis heute", so Schauwecker. Immer noch hat er Udos Telefonnummer gespeichert, aber die zeigt er nicht her - man ist ja diskret. Jahrzehnte später im Jahr 2014 bescherte diese Freundschaft dem "Jolly Jazz Orchestra" einen seiner spektakulärsten Auftritte. "Udo hat uns zu seinen Auftritten in der Esprit-Arena eingeladen, drei Abende vor ausverkauftem Haus mit 110.000 Zuschauern." Als Lindenberg seinen Song "Alles klar auf der Andrea Doria" sang, marschierten die Jolly-Jungs passend zur Zeile "bei Onkel Pö spielt 'ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland" auf die Bühne. "Ein unvergesslicher Moment."

Zurück zum Sommer 1968, als Freddy Schauwecker die Band gründete, die zunächst im Keller einer Bäckerei an der Ludenberger Straße probte. Berufsmusiker war keiner, Enthusiasten alle. Einer war im Alltag Richter, ein anderer Unternehmer, und Schauwecker verdiente als Marketing-Manager bei einem großen Unternehmen sein Geld. Aber die Wochenenden gehörten der Musik, bald zählten sie zu den Stamm-Bands des legendären "Dr. Jazz", das ebenfalls 1968 eröffnet worden war, und gastierten auf allen Festivals, die in der Szene einen Namen haben, "wie in Brüssel vor 7000 Zuschauern". Als die sieben Düsseldorfer 1977 in der damaligen Ruhrlandhalle in Bochum spielten, teilten sie die Garderobe mit Silvio Francesco, Bruder der berühmten Catarina Valente. "Der hätte am liebsten mit seiner Klarinette bei uns mitgespielt, gefragt waren aber nur seine Songs aus der Schlagerparade."

Ihre Musik hat der Band schon oft Flügel verliehen. Zum 25. Geburtstag 1993 reiste sie 3000 Meilen zu den Wurzeln des Dixieland-Jazz: nach New Orleans. Nach 19 Auftritten an zehn Tagen feierte die Presse die Boys aus Übersee als "hottest und funniest jazz band in Germany". Das ging runter wie ein guter Bourbon. Überhaupt hat diese Stadt, in der tausende Musiker die Tradition des Jazz lebendig halten, in der Trübsal angeblich mit einem Trompetenstoß vertrieben wird, "total beflügelnd auf uns gewirkt". Was die Botschafter des guten Tons dort spielten, ist noch heute zu hören - die Livemitschnitte von diesen Abenden wurden später auf vier CDs konserviert.

Zum 35. Jubiläum ging die Band wieder auf Reisen, flog über Madrid und Lissabon auf die Azoreninsel Terceira zu einem internationalen Musikfestival. "Dort spielten 100 Musikgruppen aus aller Welt, wir waren die einzige aus Deutschland. Außer den Scorpions. Die traten im Stadion auf und wir auf der Bühne davor." Auch die Glückwünsche zum 40. Geburtstag waren vielsprachig, da spielte das "Jolly Jazz Orchestra" beim City-Fest in Vervier in Belgien. Und der 50. im kommenden Sommer? Da geben sie ein Heimspiel während der Jazz-Rallye an einem ihrer liebsten Orte: vor dem "Uerige" in der Düsseldorfer Altstadt. Und dazu wird dann ihre neue CD erscheinen: "Die ersten 50 Jahre".

Und wie geht's dann weiter? "Es ist schade, dass es in der einstigen Jazz-Metropole Düsseldorf heute nur noch wenige Auftritts-Möglichkeiten gibt." Denkt er jetzt, wo die meisten Bandmitglieder die 70 überschritten haben, manchmal ans Aufhören? Freddy Schauwecker schaut einen Moment, als habe man einen wirklich schlechten Witz gemacht. Dann lächelt er verschmitzt. Auch eine Antwort.

Quelle: RP
 
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