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Serie Düsseldorfer Geschichten
Die noch immer kämpferische Ex-Nonne

Serie Düsseldorfer Geschichten: Die noch immer kämpferische Ex-Nonne
Bei der Einweihung des Weiterbildungszentrums kam Barbara Gladysch 1986 als Bertha von Suttner. Dass man sie dort nicht reden ließ, sorgte für einen Eklat. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Wer sie erstmals sieht, könnte sie für eine liebe Dame reiferen Alters halten - klein, zierlich, weißer Pagenkopf, ein offenes, sympathisches Gesicht mit Lachfalten, sanfte Stimme. Das trifft auch alles zu, aber es ist nur ein Teil dieser Frau, deren Name - Barbara Gladysch - einer Menge Leute ein Begriff ist. Von Hans Onkelbach

Unter anderem, weil sie in den frühen 1980ern im Umfeld der Grünen aktiv war, als diese - seinerzeit noch sehr bunte - Truppe erstmals Farbe, Sonnenblumen, selbstgestrickte Pullover und neue Ideen ins Rathaus brachte. Da hatte Frau Gladysch schon einige Jahre des Gegen-den-Strom-Schwimmens hinter sich. Legendär ihr Auftritt als Bertha von Suttner verkleidet neben einem sichtlich irritierten Oberbürgermeister Josef Kürten (CDU). Alte Fotos zeigen, wie wenig der bekennende Katholik Kürten mit dieser Person anfangen konnte.

Dabei war sie ihm näher, als er ahnte. Vor allem, weil sie überzeugte Christin war (und ist) - allerdings ohne Bindung an eine Konfession. Sie verlässt die katholische Kirche schon in jungen Jahren, und dass beim Verlassen des Amtsgerichts (wo man in diesen Zeiten den Austritt besiegelte) gerade die Glocken einer Kirche in der Altstadt läuten, sieht sie - augenzwinkernd - als Zustimmung der höchsten Instanz.

Kein bisschen leise: In ihrem Haus in Unterrath arbeitet die morgen 75-Jährige noch immer täglich an den Themen, die sie bewegen - unter anderem für den Runden Tisch der Stadt zu Flüchtlingsfragen. FOTO: Endermann, Andreas (end)

Diese Frau und die Kirche - das ist immer schon ein schwer wiegende Beziehungskiste. Das Abitur machte sie - na, wo wohl: Als Tochter des berühmten Düsseldorfer Juristen Guntram Schneider paukt sie bei den Ursulinen, und kann die Namen der strengen Schwestern, die dort unterrichteten, heute noch lückenlos herunterbeten. Bei einem Aufenthalt in Paris lernt sie sozial engagierte Nonnen einer nicht-kirchlichen Gruppe kennen und sieht dort ihren weiteren Weg. Also geht sie zu einem Säkularinstitut Ecclesia. Sie legt drei Gelübde ab - Jungfräulichkeit, Gehorsam, Armut - und sagt von sich "Ich war eine brave Nonne!" Das war in den frühen 1960er Jahren, und die junge Barbara muss lernen, wie unterschiedlich Dinge, auch das Bravsein, beurteilt werden können. Denn der Orden ist anderer Ansicht als sie. Inzwischen versteht sie das, versichert aber, immerhin jungfräulich und arm gewesen zu sein. Dem Orden hat das damals nicht gereicht, er wirft sie raus. Der Grund: wiederholter Ungehorsam.

Ehemann Robert (ausgerechnet ein Agnostiker, mit dem sie seit 48 Jahren verheiratet ist und zwei Söhne hat), wird das begrüßt haben, als sie sich kurz danach kennenlernten. Dem Vater der Braut passt der junge Mann (Handwerker, kein Abitur) anfangs zwar gar nicht, aber der Tochter ist das völlig egal. Die junge Frau studiert zuerst Jura in Münster, schließlich Pädagogik und Psychologie, wird Lehrerin für lerngestörte Kinder - weil deren Anderssein sie fasziniert.

Schon bald engagiert sie sich noch stärker in der Friedensbewegung, gründet schließlich die Gruppe "Mütter für den Frieden", weil sie die besondere Rolle der Frauen bei der Frage nach Krieg oder Frieden erkennt: Es sind deren Ehemänner und Söhne, um die es geht, deren Leben bedroht ist. "Das Heldenproduzieren leid" ist einer der Sprüche der Gruppe. Als in den 90er Jahren Russland seinen früheren und nun abtrünnigen Vasallenstaat Tschetschenien angreift und viele junge Russen dort einen grausamen Tod sterben, wollen russische Mütter das nicht mehr hinnehmen. Sie lehnen sich auf, protestieren vor dem Kreml, erhalten sogar Rederecht in der Duma. Bald schon hören sie von einer wortgewaltigen Deutschen mit den selben Gedanken - und bitten sie um Hilfe.

Die "Friedensmutter" bei einer Demo in den frühen 90ern. FOTO: Endermann, Andreas (end)

So kommt Barbara Gladysch nicht nur ans Rednerpult der Duma - unter Putin, sagt sie, sei das nicht mehr möglich -, sondern auch zwei Dutzend Mal nach Tschetschenien. Sie erlebt den verheerenden Krieg hautnah, lernt die Opfer kennen, ist von den traumatisierten, verwaisten Kindern zutiefst berührt. Sie hilft, wo sie kann, und erreicht vor allem Öffentlichkeit: Der Krieg wird, auch durch sie, in Deutschland beobachtet und verurteilt. Heute wagt sie die Reise nicht mehr - die Russland nahe Regierung hat sie zur unerwünschten Person erklärt. Bis dahin hatte sie keine Angst, sagt sie - vertrauend auf ein Bündnis mit Gott, an den sie fest glaubt: Er habe ihr eine Aufgabe gegeben, also werde er sie auch beschützen, sagt sie. Er hielt sich an die Abmachung, was den daheim bangenden Herrn Gladysch womöglich manchmal ins Grübeln brachte.

Mit den "Müttern für den Frieden" kümmert sie sich Anfang der 90er um Kriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien, kurz zuvor hat sie die Hilfsorganisation "Kinder von Tschernobyl" gegründet - tätig für jene oft schwer kranken Kinder aus dem Gebiet der Reaktorkatastrophe in der Ukraine. Sie ist hartnäckig, gibt nicht auf, manche nennen sie, bis in die Gegenwart, eine Nervensäge. Mehrere Auszeichnungen werden ihr verliehen, sie wird gar mit ihrer Gruppe für den Friedensnobelpreis ins Gespräch gebracht. Die SPD-Oberbürgermeisterin Marlies Smeets sorgt dafür, dass sie den Ehrenring Düsseldorfs erhält. Den wird sie später zurückgeben, als ein OB namens Joachim Erwin - anders als seine Vorgänger - ablehnt, zum Tibet-Gedenktag die Fahne dieses von China annektierten Gebietes vor dem Rathaus hissen zu lassen. (Einen Tag später weht sie übrigens doch dort - Barbara Gladysch hat sie nachts mit zwei Helfern heimlich ans Jan-Wellem-Standbild gehängt).

Nun, 2015, hat das Thema Flüchtlinge sie wieder eingeholt - beim Runden Tisch der Stadt zu Flüchtlingsfragen ist sie dabei, in schweren Fällen schreibt sie Gutachten, hilft bei juristischen Streitigkeiten. Was sie bewegt, ist unter dem Dach ihres bescheidenen Häuschens in Unterrath unübersehbar: Ordner mit Aufschriften wie "IS-Staat", Pegida oder Dügida zeigen, wie sie sich auf dem Laufenden hält, dass die aktuelle Lage sie mehr denn je beschäftigt. Fassungslos hört sie ausländerfeindliche Parolen, erlebt den Hass und leidet sichtlich, weil sie nicht versteht, was sich da in den letzten Jahren bei manchen Menschen verändert hat.

Und wie geht sie damit um, wenn sie bei ihren Schutzbefohlenen auf mangelnden Willen zur Integration oder fehlende Akzeptanz hiesiger Regeln stößt? Sie schildert ein Beispiel, und sie nennt den Mann aus Afghanistan Mustafa. Mit seiner Mutter sitzt er bei ihr, bittet um Hilfe. Aber er sieht sie nicht an, weigert sich, ihr die Hand zu geben, weil sie eine Frau ist. Als er noch betont, die Scharia und nicht das Grundgesetz sei für ihn bindend und er halte deutsche Frauen für Schlampen, ist das Gespräch zu Ende: Toleranz für Unbelehrbare ist ihr Ding nicht. Mustafa hat seine Chance gehabt und verspielt - wenig später wird der Mann ausgewiesen. Nein, sagt sie, das sei nicht akzeptabel, da gebe es bei aller Hilfsbereitschaft keine Kompromisse. Wenn sie das erzählt, blitzen die Augen - und erneut wird klar, dass man diese Frau nicht unterschätzen sollte.

Am Sonntag wird sie 75. Mit Altersmilde ist so oder so nicht zu rechnen.

Quelle: RP
 
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