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Kolumne Heimatreport
Ganz oben - und unten

Kolumne Heimatreport: Ganz oben - und unten
Dort wo der Schwarzbach in den Rhein fließt, befindet sich der tiefste Punkt Düsseldorfs. FOTO: andreas bretz
Düsseldorf. Am Eingang zum vorletzten Haus in einer Reihe von Häusern unmittelbar am Rhein war ein Schild angebracht. "Piccolo Paradiso" stand drauf, kleines Paradies. Das Haus daneben, das letzte in der Reihe, schien mir um einiges größer, fast schon ein Anwesen, aber überhaupt nicht protzig, sondern eher einfach - ein großes Paradies mit riesigem Garten, der zum Rhein abfiel.

Die Sonne schien, es war warm. Der Weg, der zu der Häuserreihe führte, war schmal und ruhig, das einzige Geräusch, das ich hörte, war das Zwitschern der Vögel. Ich folgte dem Weg und ging auf das Nachbarhaus zu, als dort eine Frau heraustrat, in einen Kleinwagen stieg und den Motor anließ. Ich ging hin, bat darum, dass sie das Fenster herunterließ, und als sie mich durchs geöffnete Fenster ansah, fragte ich: "Was muss man tun, um hier wohnen zu können? Das ist ja sowas von schön hier." Sie, lachend: "Erben. Oder kaufen." Ich: "Aber solche Häuser verkauft man doch nicht, wenn man sie einmal besitzt, oder?" Sie: "Nein. Eigentlich kann man sie nur erben. Wir genießen es sehr, hier zu leben." Ich: "Wie hoch steigt denn der Rhein bei Hochwasser?" Sie: "Das kann schon mal bedrohlich aussehen. Aber im Haus war er noch nie." Ich: "Der Preis der Schönheit, was?" Sie: "Ja, irgendeinen Haken muss es ja haben, wenn man hier wohnt." Ich: "Darf ich Ihnen meine Karte dalassen, für den Fall, dass Sie niemanden zum Vererben finden?" Sie lachte, dann fuhr sie los.

Irgendetwas ist schiefgelaufen, dass ich in Köln lebe. Eigentlich gehöre ich nach Wittlaer, in den Stadtteil mit, wie ich gelesen habe, dem höchsten Durchschnittseinkommen Düsseldorfs (angeblich um die 100.000 Euro pro Jahr). Auch befindet sich in Wittlaer der tiefste Punkt der Stadt, nämlich dort, wo der Schwarzbach in den Rhein mündet. Diesen Punkt wollte ich erkunden. Einmal in Düsseldorf ganz unten sein. Und zugleich, Stichwort Kohle, ganz oben. Alles auf einmal haben. Und sein. In Wittlaer. Davon wollte ich eine Ahnung bekommen.

Vor hundert Jahren habe ich französische Literatur studiert, vor allem die Dichter des 19. Jahrhunderts. Am liebsten die symbolistischen. Also die, für die die Welt eine Ansammlung von Symbolen ist, von Zeichen, die zu uns sprechen. Ich erwähne das, weil ich meine Erkundung in der Kalkstraße startete, und das erste, was ich sah, war - hinter der Mauer gegenüber von meinem Parkplatz - eine große FC-Bayern-Fahne. Sie wehte mich förmlich an. (Ich bin Bayern-Fan seit 1900, dem Gründungsjahr des Vereins). Daneben: ein schönes altes Haus mit heruntergezogenem Dach, das original so aussah wie meine Lieblingsbäckerei auf meiner Lieblingsinsel (Spiekeroog). Ich ging weiter und landete in der Bockumer Straße (mein Vater ist in Bockum-Hövel geboren). So könnte ich eine Weile fortfahren.

Oh, und diese Ruhe. Und diese Großbürgerlichkeit, die selbstverständlich wirkte, so als gehörte sie hierhin. Bleiberecht auf Lebenszeit wird automatisch vererbt. Der schöne rote Klinker vieler Häuser - das war nicht dieser glatt verfugte hellrote Stein, wie man ihn im Münsterland findet und der mich immer deprimiert, weil er aussieht, als würde er die Häuser und die Menschen, die darin wohnen, versiegeln. Nein, der Klinker in Wittlaer war alt, das Rot dunkel und nuancenreich, und die Fugen saßen tief, gaben den Fassaden ein Relief. An einer so geklinkerten Mauer hatte das Gut Kaiserhof ein Werbeplakat befestigt. Ich las: "Feine frische Eier aus unseren Hühnerimmobilien". Tatsächlich hätte es mich nicht gewundert, wenn in Wittlaer selbst die Hühner Immobilien besessen hätten. In Wirklichkeit stand dort natürlich etwas anderes: "Hühnermobilen".

Am Rheinuferweg spazierte ich stromaufwärts zum tiefsten Punkt der Stadt. Eine Gruppe von Spaziergängern, drei Generationen, stand am Wegesrand, Blick auf den Rhein, und war in ein Gespräch vertieft. Ich fragte in die Gruppe: "Kennen Sie sich hier aus? Wittlaer grenzt ja an Duisburg. Könnte ich auf diesem Weg theoretisch bis Duisburg laufen?" Der einzige Mann in der Gruppe erwiderte: "Das sind mindestens 15 Kilometer." Er musterte mich und fügte an: "Schaffen würden Sie es auf jeden Fall." - "Na klar", sagte ich und musste an meine Zahnärztin denken, die mir am Vortag bestätigt hatte, dass ich noch jugendlich straff sei. Okay, sie sagte, um genau zu sein: "Ihr Zahnfleisch ist jugendlich straff."

Obwohl ich mich erst eine Stunde in Wittlaer, dessen Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, aufhielt, war ich bereits so entspannt und gestärkt wie nach einer Woche Sommerferien auf Teneriffa. Der tiefste Punkt Düsseldorfs, den ich kurz darauf erreichte, ist ein Ort, um zu bleiben. Man klettert ein paar Meter über große schwarze Steine zum Ufer hinab und landet unter einem Baum, dessen dichte Krone wie ein Sonnenschirm seitlich bis zum Boden geneigt ist und perfekten Schatten spendet. Ein optimales Naturzelt, am liebsten hätte ich mich gleich ausgestreckt und den Rest des Tages gelauscht, wie sich neben dem Baum der Schwarzbach unablässig in den Rhein ergießt, ohne auszutrocknen - das Wunder der Natur. Leider musste ich an dem Tag noch an der Fachhochschule Düsseldorf, die sich umbenannt hat und nun Hochschule Düsseldorf heißt, ein Seminar geben, und kletterte aus meinem Baumzelt heraus. Erstaunlich, wie wenig einsam es am tiefsten Punkt Düsseldorfs war. Etliche Spaziergänger und Radfahrer bevölkerten den Rheinuferweg. Ich hatte vorhin gesagt, ich könnte eine Weile fortfahren mit der Liste von Zeichen, die auf eine geheime Verbindung zwischen Wittlaer und mir hindeuten. Eins davon möchte ich noch erwähnen. Ich kraxelte also zurück auf den Weg, als ein Radler vorbeifuhr. Er trug ein T-Shirt, auf dessen Rücken in großen Buchstaben - als wollten sie mich an meine Pflicht erinnern - "Fachhochschule Düsseldorf" stand. Ich schwöre, dass es so war. Ich wollte dem Mann erst zurufen, dass sie nur noch Hochschule heißt. Aber er war einfach zu schnell.

Quelle: RP
 
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