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Düsseldorf
Aus Einzelteilen eine ganze Welt

Düsseldorf. In der Laborausstellung von Wiebke Siem im K20 dürfen die Besucher aus Gegenständen eigene Skulpturen erschaffen. Von Thomas Hag

Sie wirkt auf den ersten Blick wie ein Ersatzteillager, diese Installation, die Bildhauerin Wiebke Siem eigens für den Laborraum des K20 geschaffen hat. Hier findet sich fast alles, was an Gegenständen aus Holz gebraucht werden kann: Schalen, Waschbretter, riesige Löffel, die Händen gleichen, Bügel, Stiefelleisten, die wie Prothesen wirken und dem Ort etwas Sinistres geben. Säuberlich aufgereiht liegen sie auf dem Boden, aber sie warten nur darauf, benutzt zu werden. Denn die Laborreihe in der Kunstsammlung NRW ist ausdrücklich zur Mitwirkung gedacht.

Das heißt in Siems Fall, dass der Besucher aus den vorgegebenen Stücken eine eigene Skulptur schaffen kann; die gefundenen und gesammelten Gegenstände werden in eine neue Bestimmung überführt. Die ersten Besucher machten bereits regen Gebrauch davon und befestigten die Ersatzstücke mittels Ösen an Torsi, die von der Decke hängen.

Die Künstlerin, die in Berlin arbeitet und 2014 den renommierten Kaiserring in Goslar bekam, hat die Stücke zusammengestellt und vorgegeben. Dann zieht sie sich aus dem künstlerischen Prozess zurück und überlässt es anderen, etwas Neues daraus zu machen, das unheimlich, surreal oder auch komisch sein kann. Das ist, wie auch bei anderen Arbeiten Wiebke Siems, eine weibliche Kunst, die sich auch auf Materialien wie Stoffe oder Marionetten bezieht, ohne Gender-Kunst zu sein. Museumsdirektorin Marion Ackermann lobt neben dem Werk auch die Fähigkeit Wiebke Siems zum Vortrag - und wenn man sie sieht und hört, kann man sich vorstellen, wie sie die Studierenden und alle anderen fesseln kann.

Rasche Auffassungsgabe und wache Präsenz zeichnen sie aus - ein Kontrast zu den unbelebten Gegenständen um sie herum. Im Gespräch zieht sie einen weiten Kreis, erinnert auch an den Künstler Edward Kienholz, der in nachhaltigen Ausstellungen in Düsseldorf vor vielen Jahren gefundene Dinge zum Leben erweckte - auch wenn Kienholz wie in "Das transportable Kriegerdenkmal" oft den Weg vom Lebenden zum Unbelebten, Hohlen zurückging. Gemeinsam mit Kienholz hat Siem die Lust am Interieur und Lust daran, den Ausstellungsraum in eine neue, fremde Welt zu verwandeln, in der nichts mehr so ist, wie es scheint.

Auch Siem fasziniert der Gegensatz von Unbelebtem und Belebtem. Ihre Dinge sind der Geschichte beraubt, alle Farben und Gebrauchsspuren sind abgeschliffen, wie eben erst fertiggestellt wirken sie fast, auch wenn sie aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Zum Leben erwachen sie erst dann, wenn der Besucher sie neu organisiert und etwas Neues, etwas Anderes aus ihnen macht. Vielleicht lautet der Titel der Installation auch deshalb "Der Traum der Dinge", denn wovon träumen Dinge, wenn nicht vom Leben. In diesem mechanischen Theater, man denkt auch an das "Triadische Ballett", befindet man sich in einem Fundus, aus dem man sich bedienen kann. Siem beschäftigt sich schon lange mit den Dingen, baut sie wie altes Mobiliar auf, stellt sie wie in einem Geschäft oder Laden in Vitrinen aus.

Hier also tauchen sie als Bausatz auf, ein subtiler Humor schwingt mit, denn die "neuen Kunstwerke" wirken oft wie eine Mischung aus Frankenstein und Pinocchio. Hier klingen Mythen an, Träume und Albträume, hier treffen sich Nostalgie und Erfindergeist. Der Besucher, der vorbei an den ausgestellten Surrealisten und Dadaisten, ein passender Zufall, in das Labor im zweiten Obergeschoss des K20 kommt, kann hier seinem Spieltrieb frönen, die Dinge laden ein, bereiten Vergnügen und erzählen einem fast beiläufig auch eine Geschichte. Das hat auch etwas Kindliches, die Lust an der Phantasie und am Fabulieren.

Quelle: RP
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