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Düsseldorf
Goethe fand so manches "ultra"

Düsseldorf. Das neue Buch von Manfred Osten thematisiert Goethes Verhältnis zum Glück. Von Claus Clemens

Goetheleser wissen das: Ultras kamen in seinen Briefen immer wieder vor. Der Dichter meinte damit aber nicht gewaltbereite Extremisten, sondern machte aus dem lateinischen Präfix für "jenseits von" oder "übertrieben" ein Substantiv. Alles sei jetzt "ultra", schrieb Goethe 1825 in einem Brief, in dem er über die beschleunigte Gesellschaft klagte. "Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen."

Der Kulturwissenschaftler Manfred Osten hat zu Beginn des neuen Jahrtausends in einem Essay die Aktualität Goethes bei dem Thema Beschleunigung nachgewiesen. "Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit" hieß der schmale Band. Jetzt war Osten mit einem weiteren "Ultra"-Thema zu Gast auf Schloss Jägerhof. "Gedenke zu leben! Wage es glücklich zu sein! Oder Goethe und das Glück" ist der Titel des neuen Buchs. Im Gespräch mit Museumsdirektor Christof Wingertszahn wurde deutlich, wie sehr die beiden "Ultras" zusammenhängen. Goethe verstand seine Zeit und die aufkommende Industrialisierung mit der sie begleitenden Beschleunigung als Gegenpol zum Glück. "So wenig nun die Dampfwagen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich: Die Lebhaftigkeit des Handelns, das Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuren Elemente", warnte der 76-Jährige in einem Brief.

Aus Bonn kommend, war Manfred Osten erst mit Verspätung zu Buchvorstellung und Gespräch eingetroffen. Ein Gewitter hatte auch bei der Bahn für Störungen gesorgt. Der Faust-Kenner zitierte Mephisto: "Die Elemente sind mit uns verschworen." Für Osten ist Goethe "ein zum Glück entschlossener Reservist der Verzweiflung". Der Dichter hält Glück für lernbar, wie es im "Wilhelm Meister" heißt: "Der verständige Mensch braucht sich nur zu mäßigen. Dann ist er auch glücklich." Und im Faust sagt der Astrologe: "Wer Gutes will, der sei erst gut." Es geht also um Leistungsglück, dass mit "Fortuna" oder dem Lottogewinn nichts gemein hat. Dieses lernbare Glück findet der Mensch bei Goethe auch durch eine intensive Hinwendung zur Natur.

Dem Glück im Wege stünde seit Goethes Zeiten, so Manfred Osten, die Erregung der Menschen über kleinste Geschehnisse. Diese würde heute potenziert durch die weltweite Kommunikation. "Das neue Ultra ist monströs und führt zur Selbstzerstörung, vielleicht sogar zur Zerstörung des Planeten."

Quelle: RP
 
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