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Interview mit dem Gastrokritiker Jürgen Dollase
"Meine Platten entstanden unter LSD-Einfluss"

Jürgen Dollase: "Meine Platten entstanden unter LSD-Einfluss"
Jürgen Dollase: „Guru mit der feinen Zunge.“ FOTO: Raupold/RCA
Mönchengladbach. In einem TV-Porträt wurde er neulich als "Guru mit der feinen Zunge" bezeichnet. Jürgen Dollase ist Deutschlands berühmtester Gastrokritiker. Der 67-Jährige aus Mönchengladbach schreibt Restaurantkritiken für die "FAZ" und gibt Bücher über Esskultur und die Kunst des Genießens heraus. Bevor Dollase zum Feinschmecker wurde, war er indes Rocker. Ein Gespräch. Von Philipp Holstein

Er gehörte der Gruppe Wallenstein an, die sehr freie Musik zwischen Jazz, Krautrock und Improvisation produzierte. Berühmt ist das LP-Cover zu "Mother Universe", das Dollases Großmutter zeigt. Dollase wird am Freitag, 30. Oktober, mit dem früheren Band-Kollegen Harald Grosskopf sowie Michael Rother von Kraftwerk und Neu! bei der "Electricity Conference" über die alten Zeiten diskutieren.

Wie nennt man denn nun die Musik von Wallenstein: Krautrock passt nicht so recht, oder? Sie selbst haben sie als Artrock bezeichnet.

Dollase Habe ich nicht. Das ist doch alles von anderen gekommen, irgendwann später. Auf unserem dritten Album nannten wir uns uns "The Symphonic Rock Orchestra", das ist die einzige Bezeichnung, die wir unserer Musik selbst gegeben haben.

Ist das nicht überhaupt ein Problem: die Zuschreibungen von Nachgeborenen? Es gibt da in Bezug auf die Musik der 70er eine Mythenbildung, die viele ihrer Kollegen von einst nach Kräften unterstützen.

Dollase Als ich 1983 aufgehört habe mit der Musik, habe ich mich um nichts mehr gekümmert. Ganz im Gegensatz zu den Kollegen, die an ihrem Ruhm heftig arbeiten und alles dokumentieren. Für mich war Schluss und Feierabend, was allerdings dazu geführt hat, dass die letzten Wallenstein-Alben, die bei der EMI entstanden, gar nicht mehr am Markt sind. Da ist noch viel zu heben, glaube ich.

Es heißt, Sie hätten in den 70er Jahren Techno vorbereitet.

Dollase Das hat mir Harald Grosskopf auch erzählt. Er war bei dem DJ Sven Väth zu Gast und ist sehr erstaunt gewesen, wie wir heute rezipiert werden.

Wie erklären Sie sich die Renaissance dieser Zeit und Ihrer Musik?

Dollase Das liegt vielleicht daran, dass wir auf den psychedelischen Session-Alben einen durchgehenden Beat hatten. Ob er nun im Techno-Sinne sehr hart war? Eigentlich nicht. Aber der Beat war da, und darüber entspann sich ein ziemliches Chaos. Das waren Improvisationen, die irgendwo anfingen, die zwar ab und zu thematische Aspekte hatten, aber nie irgendwelche Songstrukturen. Es entwickelte sich einfach etwas Freies, manchmal Atonales.

Klingt gut.

Dollase Das war für den Kopf, der unter Drogen steht, sogar sehr gut.

Sie haben unter Drogen Musik gemacht für Hörer, die unter Drogen standen?

Dollase Das war Musik, die unter Drogen entstand und die unter Drogen am besten zu hören gewesen ist. Musik, die für denjenigen, der nicht unter Drogen steht, vielleicht nicht ganz so überzeugend wirkt. Aber unter Drogeneinfluss entwickelte sie eine enorme Wucht und Räumlichkeit.

Haben Sie hauptsächlich LSD genommen?

Dollase (lacht) Weiß ich nicht mehr.

Glaube ich Ihnen nicht.

Dollase Ich war zu diesem Zeitpunkt in einer Phase des LSD-Konsums, in der es keine Halluzinationen mehr gab. Man lag nicht rum mit offenem Mund und staunte über alles Mögliche. Man war längst in einem Zustand, in dem man das als energetischen Zufluss nutzte. Ich würde es ein psychedelisches Wachbewusstsein nennen.

Haben Sie Ihre Musik trotzdem bewusst gemacht?

Dollase Ja, schon. Aber die Sachen sind später zusammengeschnitten worden, editiert. Sie haben dabei das eine oder andere konkrete Element herausgeschliffen. Ich erinnere mich, dass ich mal eine Fassung der Nationalhymne auf dem Mellotron produzierte, die ich selbst fantastisch fand. Sie klang so ungefähr wie "Star Spangled Banner" von Jimi Hendrix. Aber sie ist bisher nirgendwo erschienen.

Aber Sie nehmen die Renaissance dieser Musik wahr, oder?

Dollase Kriege ich nicht mit, nein.

Interessiert sie das gar nicht?

Dollase Nicht wirklich.

Haben Sie noch Kontakt zu Kollegen von damals?

Dollase Nicht wirklich.

Hatten Sie damals überhaupt Kontakt zu Kraftwerk, Neu! und solchen Leuten?

Dollase Nicht wirklich.

Sie haben viel Abstand zu jener Zeit.

Dollase Sehen Sie, ein Merkmal dieser Zeit war ja, dass sich viel Musiker für die allergrößten hielten und belehrungsresistent waren. Dazu gehörte ich in gewisser Weise auch. Wenn ich aber heute sehe, wie ich meine kulinarische Arbeit mache, wie eng ich in Kontakt zu den Köchen stehe, dann denke ich: Mein Gott, hätte ich damals einen Produzenten gehabt, der mich in den Arsch getreten hätte und gesagt hätte, du hast Talent, aber das muss ordentlich sortiert und kanalisiert werden.

Hören Sie noch viel Musik?

Dollase Ich höre gar keine Musik mehr. Und wenn ich doch mal ein Stück höre, schleppe ich das tagelang mit mir rum und kriege es nicht aus dem Kopf. Das ist wohl ein Flashback in die Musikerzeit.

Wann haben Sie zuletzt Ihre eigenen Alben gehört?

Dollase Das weiß ich nicht. Das letzte, was ich gehört habe, ist ein Album, das überhaupt nicht veröffentlicht wurde. Das stammt aus der letzten Phase von Wallenstein. Da habe ich eine Art Manhattan Transfer auf Deutsch gemacht. Das ist ein Hammer! The Radio Four war der Projektname. Vierstimmiger Gesang, sehr virtuos. Völlig irre Geschichte.

"Esst mehr Pilze und hört Wallenstein", stand auf einer Ihrer Platten. Der Satz bringt Ihre Interessen ganz gut auf den Punkt, oder?

Dollase (lacht) Stimmt, das passt.

(hol)
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