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Serie Welche Kultur braucht Düsseldorf?
"Kultur ist kein Luxus"

Serie Welche Kultur braucht Düsseldorf?: "Kultur ist kein Luxus"
Christoph Meyer bemängelt, dass sich die Stadt Düsseldorf um Sport und Politik bemüht, aber wenig um Kultur. FOTO: Michael Lübke
Düsseldorf. Christoph Meyer, der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, kritisiert in einem Gastbeitrag die Kulturpolitik der Stadt. Von Christoph Meyer

Kann man die Frage, welche Kultur Düsseldorf "braucht", so stellen? Oder impliziert sie nicht bereits, dass es auch Kultur geben könnte, die man "nicht braucht", die man weglassen könnte? Und impliziert sie nicht eine Stadt Düsseldorf, die einen "Bedarf" an Kultur ermittelt, je nach Kassen- und Gemütslage?

Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat in einer Rede schon 1991 gesagt, es sei "grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist 'Subventionen' nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen. Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert."

Ich zitiere dies, weil es den Kern immer wieder geführter Debatten um Stellenwert und Kosten von Kultur trifft. Die Formulierung des geistigen Bodens leitet über zum lateinischen Ursprung des Wortes aus der Agrarwirtschaft, wo "cultura" die Pflege des Ackers und das Urbarmachen des Bodens bedeutete, so dass darauf etwas wachsen und gedeihen kann.

Wenn wir wollen, dass unsere Stadt sich entwickelt, dass sie im wahrsten Sinne wächst und gedeiht, dann brauchen wir Kultur, genau wie wir Wirtschaft, Handel, Verkehr, Infrastruktur, Sport, Bildung und alle anderen Bestandteile einer modernen städtischen Gesellschaft brauchen. Nur so kann sie eine funktionierende, lebendige, innovative Großstadt sein, die in die Zukunft orientiert ist und über ihre Grenzen hinaus ausstrahlt. Eine Stadt, die lebenswert ist und noch lebenswerter sein möchte, muss allen Bürgern und potenziellen Neubürgern ein breites Spektrum bieten. Dazu muss man nicht einmal die inzwischen durch zahlreiche Studien belegte Erkenntnis von "Kultur als Standortfaktor" bemühen.

Die Geschichte zeigt hinlänglich, wie gefährlich es ist, und sei es nur als "Denkansatz", Kultur als potenziell entbehrlichen Bestandteil einer Gesellschaft zur Disposition zu stellen und so der "Nicht-Kultur" Tür und Tor zu öffnen. Denn so entsteht die destruktive Tendenz (der die Politik gelegentlich erliegt, weil die Argumentation vermeintlich eine einfache ist), Dinge gegeneinander aufzurechnen, die sich nicht aufrechnen lassen: Schulen gegen Theater, Schwimmbäder gegen Museen. Sehr schnell gerät man so in die trüben Gewässer unsäglicher, populistischer Schlammschlachten wie unlängst in Bonn, wo Eltern ihre Kinder mit Plakattexten auf die Straße schickten, wie "Mama, ich will nicht in die Oper, ich will ins Schwimmbad".

Gerade Kunst und Kultur schauen inhaltlich und geografisch über den Tellerrand, und sie operieren in anderen Dimensionen als das kurzlebige Tagesgeschäft. Dafür brauchen sie die Rückendeckung und die aktive Verantwortung von Stadt, Land und Staat. Die Kulturschaffenden sind sich bewusst, dass sie auch und in weiter zunehmendem Maße beauftragt sind, sich um Unterstützung durch Wirtschaft und private Sponsoren zu kümmern. Dies ist längst aktiver Bestandteil der Arbeit aller Kulturinstitute. Aber: Je stolzer eine Stadt auf ihre Kultur ist, öffentlich hinter und zu ihr steht, sie fördert und mit ihr wirbt, desto leichter ist es umgekehrt auch für die Kultur, Partner in der Wirtschaft zu finden.

Düsseldorf ist es gelungen, mit dem Grand Départ ein Sportereignis in die Stadt zu holen. Düsseldorf überlegt immer wieder, sich gemeinsam mit dem Ruhrgebiet um die Olympischen Spiele zu bewerben - wie wäre es, wenn Düsseldorf auch einmal danach strebte, auf der langen Liste der europäischen Kulturhauptstädte zu erscheinen?

Düsseldorf hat eine unglaublich lebendige, vielschichtige und reichhaltige Kunst- und Kulturszene, die in vielen Bereichen ihresgleichen sucht!

Deshalb kann die Frage nicht lauten, welche Kultur Düsseldorf "braucht", sondern muss heißen: Welchen Wert misst die Stadt ihrer Kultur bei? Wie nutzt Düsseldorf seine Kultur als Strahleffekt regional, national und international? Welche Visionen hat Düsseldorf für die Zukunft seiner Stadt und seiner Kultur?

Quelle: RP
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