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Düsseldorf
So viel Immendorff steckt im Affen

Jörg Immendorff -Lebensstationen
Jörg Immendorff -Lebensstationen FOTO: RP, W. Gabriel
Düsseldorf. Der vor acht Jahren gestorbene Maler hat seine Affenskulpturen offenbar nicht eigenhändig modelliert. Das ist kein Grund zur Aufregung. Andere arbeiten ebenso. Von B. Müller

Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass ein Künstler alles selber macht. Schließlich ist er ein Genie, und Originalität gilt ihm als oberstes Gebot. Diese Vorstellung ist schön, romantisch, doch mit der Wirklichkeit hat sie wenig gemein. Deshalb wird man sich jetzt auch nicht sonderlich darüber wundern, dass der vor acht Jahren gestorbene Düsseldorfer Maler und Bildhauer Jörg Immendorff an seine berühmten Affenskulpturen nicht selbst Hand angelegt hat.

Stimmen zum Tod Immendorffs FOTO: AP

Wie sollte er auch? Denn in seinen letzten Lebensjahren war er an der Nervenkrankheit ALS erkrankt, da gehorchten ihm die Hände nicht mehr. Offen gestand er ein, dass er sein Porträt des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder vollständig mit Hilfe eines Computers und mehrerer Assistenten hatte malen lassen.

Das "Handelsblatt" meldet nun, dass auch die berühmten Bronzeaffen keine Handarbeit von Immendorff seien. Der Künstler habe lediglich Zeichnungen als Vorlage geliefert: das Büchlein "15 Affen für Ida", das er für seine Tochter gezeichnet hatte. Immendorffs Schwiegervater Georgi Danowsky habe danach die Gipsmodelle modelliert. Der Rechtsvertreter von Immendorffs Witwe Oda Jaune bestätigte dem Bericht zufolge, der Schwiegervater habe die detaillierten Anweisungen des Künstlers umgesetzt; damit sei Immendorff alleiniger Schöpfer der Affen.

Jörg Immendorff - ein Leben für die Kunst FOTO: AP

Doch wie viele sind es? Und sind tatsächlich alle in unterschiedlichen Größen hergestellten Affenfiguren mit Zustimmung des Künstlers entstanden?

Welche Rolle dabei Galerien in Zürich und München spielen, ist zurzeit kaum durchschaubar. Deshalb vermag auch niemand zu sagen, ob die Schätzpreise für jene fünf überlebensgroßen Bronzeaffen, die das Auktionshaus Van Ham am 30. September versteigern wird, akzeptabel sind. Sie reichen von 25.000 bis 30.000 Euro.

Das Problem liegt in diesem Fall in einer womöglich unkontrollierten Massenherstellung, nicht aber darin, dass Immendorff sich der Hilfe eines nach seinen Anweisungen arbeitenden Assistenten versicherte. Das machen auch Jeff Koons, Damien Hirst und Katharina Fritsch. Unter den jungen Künstlern von heute finden sich zudem etliche, die statt eines Ateliers lediglich einen Schreibtisch und einen Raum benötigen, in dem sie ihre von fremder Hand gefertigten Werke optisch erproben.

"Eigentlich arbeite ich nur mit Computer und iPhone", sagte uns kürzlich eine junge Künstlerin, die soeben ihr Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie abgeschlossen hat.

Immendorff allerdings verstand sich nicht wie die meisten Künstler von heute als Konzept-Künstler, sondern als Künstler im traditionellen Sinne. Nebenher ging es ihm stets darum, mit Verkäufen seine hohen Lebenshaltungskosten zu decken.

Man denke nur an den unsäglichen Streit um die sogenannten Werkstattkopien zurück. Die ließ Immendorff für jene anfertigen, die nicht über seinen Galeristen Kunst erwerben wollten, sondern unmittelbar im Atelier. Dafür bekamen die Interessenten, wie man heute weiß, keinen Immendorff wie im offiziellen Handel, sondern eine Ware besonderer Art. Es waren vor allem Bekannte aus dem Rheinland, die bei ihm klingelten und fragten, ob sie nicht "so ein Bild wie ,Café de Flore'" bekommen könnten.

Immendorff ließ dann von seinen Mitarbeitern eine kleinere, fürs Wohnzimmer geeignete Version des Wunschbilds fertigen, legte letzte Hand an und signierte das gute Stück. Auf diese Weise kostete das "Café de Flore" statt 150.000 nur 20.000 Euro.

So ging es bei den Alten Meistern nicht zu. Künstler wie Rembrandt und die Mitarbeiter ihrer Werkstatt wirkten Hand in Hand, und es zählte nicht, wer was beigetragen hatte, sondern wichtig war allein die Qualität des Bildes. Bis heute grübeln Kunstwissenschaftler darüber, was von wem stammen könnte, und man fragt sich, ob das den Aufwand wert ist.

Das Rembrandt Research Project verringerte die Zahl der als authentisch geltenden Werke Rembrandts auf rund 350. Zu den prominentesten Abschreibungen zählt das Porträt "Der Mann mit dem Goldhelm" in der Berliner Gemäldegalerie. Forscher mutmaßen, dass es von dem aus Augsburg stammenden Maler Johann Ulrich Mayr, der zeitweise in Rembrandts Werkstatt arbeitete, angefertigt wurde, da der Helm aus einer Augsburger Waffenschmiede stammt. Daneben hält sich die Hypothese, dass der Urheber dieses Porträts nicht in der Werkstatt, sondern im weiteren Umkreis Rembrandts zu suchen sei.

Unabhängig von der Qualität eines Bildes führt die Aberkennung einer Zuschreibung immer zu einer Minderung des Wertes. Auch Govert Flinck, Jan Lievens und Aert de Gelder haben Herausragendes geleistet, doch wir Nachgeborenen neigen dazu, uns stets nur auf die bekannten Namen zu stürzen und allein sie hoch zu schätzen. Es geht doch nichts über einen Rembrandt - oder einen Immendorff der Güteklasse A.

Quelle: RP
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