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Kolumne Auf Ein Wort
Mahlzeit statt Gemetzel

Kolumne Auf Ein Wort: Mahlzeit statt Gemetzel
FOTO: Gabriel, Werner (wga)
Düsseldorf. "Bevor sie sich kennenlernen, schießen sie sich tot. Ich find das so bekloppt", singt Udo Lindenberg im Lied "Wozu sind Kriege da". Wie es anders gehen kann, erzählt eine Geschichte im 2. Königebuch der Bibel: Die Syrer belagern eine Stadt in Israel.

Als sie durch eine List in einen Hinterhalt geraten, gibt der israelische König seinen Soldaten den Befehl zum tödlichen Angriff. Der Prophet Elisa schaltet sich ein. "Lass es gut sein", rät er seinem König, "sie sind doch jetzt wie Gefangene, und Gefangene würdest Du nicht töten, das verbietet die Kriegsmoral. Gib ihnen zu essen und zu trinken, und warte, was passiert".

Ein überraschender Vorschlag. Der König lässt sich darauf ein. Brot und Wein, Trauben und Lammkeulen werden herbeigebracht für die feindlichen Soldaten und für die eigenen. Die Schwerter bleiben stecken. Erstmal zusammen essen, trinken, reden, dann vergeht die Lust aufs Kämpfen und aufs Töten. Mahlzeit statt Gemetzel. Zu schön, zu naiv, um wahr zu sein? Im Jahr 1968 sind die in Prag einmarschierenden russischen Soldaten mit Rosen empfangen worden. Statt Kampfhandlungen gab es Begegnung und Gespräche auf den Straßen zwischen Freund und Feind. Zehn Jahre später, 1978, in Camp David: J. Carter, A. Sadat und M. Begin haben damals viel zusammen gesessen und gegessen, sich dabei kennengelernt und in die Augen geschaut. Auch wenn das Friedensabkommen von Camp David Vergangenheit ist: Dass sich Politiker als Menschen begegnen, bei gemeinsamen Mahlzeiten mit persönlichen Gesprächen, davon wird auch in Zukunft einiges abhängen. Wir kennen's ja auch aus unserem persönlichen Bereich in der Familie, der Nachbarschaft, unter Arbeitskollegen: Erhitzte Gemüter kühlen merklich ab beim gemeinsamen Essen. Man lernt sich kennen, hört einander zu, tauscht Argumente aus - in Ruhe und auf Augenhöhe, jedenfalls anders und besser als in der Hitze des Wortgefechts im Hausflur, über den Gartenzaun oder durch die heruntergelassene Autoscheibe.

Wenn Menschen sich zum Essen an einen Tisch setzen, passiert mehr, als auf den Tellern sichtbar ist, mehr als das viel beschworene "leibliche Wohl". Sie kommen und finden zusammen - auch Menschen, die einander fremd sind, wie kürzlich in Eller, als Flüchtlinge aus der Asylunterkunft am Straußenkreuz Gäste aus der Nachbarschaft zu einem Fest eingeladen und für sie gekocht haben. Statt übereinander herzuziehen oder gar aufeinander loszugehen, lernen sich alle Beteiligten kennen.

AUTOR DIETMAR SILBERSIEPE IST PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE ELLER.

Quelle: RP
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