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Düsseldorf
Oberbilk - eine Liebesaffäre

Düsseldorf: Oberbilk - eine Liebesaffäre
Ach, Oberbilk! Alexandra Wehrmann ist in den Stadtteil verliebt, obwohl er einen eher schlechten Ruf hat. Oder gerade deswegen? Am Sonntag veranstaltet sie eine Führung. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Drogen? Dreck? Armut? Mit "Still loving Oberbilk" lenkt Alexandra Wehrmann den Blick auf einen total missverstandenen Stadtteil. Von Torsten Thissen

Auf dem Lessingplatz ist wieder Randale. Niemand weiß warum, und am allerwenigsten wohl der Krakeeler selbst, aber es hat irgendwas mit "dem Hund" und "der Tüte" zu tun. Und wahrscheinlich mit dem Bier und dem Schnaps; was der Mann halt getrunken hat. Alexandra Wehrmann wohnt hier, "eher bürgerlich", wie sie sagt, im schönsten Altbau am Platz, die Mieten seien auch nicht mehr so niedrig. Wenn man ihr böse will, könnte man sagen, sie ist die Vorhut einer Armee von Turnschuh- und Bartträgern, von Galeriebesitzern und Menschen, die es schick finden, 16 Euro für schnödes gehacktes Rindfleisch auszugeben, Leute wie sie stehen üblicherweise am Anfang von Gentrifizierung.

Wehrmann weiß das wohl, und dennoch hat sie die Hoffnung, dass es in Oberbilk anders kommt, dass dieser Stadtteil so bleibt, wie er ist. Wehrmann liebt Oberbilk. Um im Bild zu bleiben: Sie hat eine heftige Affäre mit Oberbilk, diesem Bad Guy unter Düsseldorfs Stadtteilen. Es sind ja immer die bösen Jungs, die die netten Mädchen abbekommen.

Unter dem Motto "Still loving Oberbilk" führt Alexandra Wehrmann Düsseldorfer morgen durch die liebenswerten Ecken des Stadtteils, der in letzter Zeit ein wenig in Verruf geraten ist, wie sie meint. Zu Unrecht natürlich. Die Führung ist schon ausgebucht, das Interesse ist riesig, besonders bei den Oberbilkern selbst, sagt Wehrmann. "Es gibt ein großes Interesse an Oberbilk."

Lage, Lage, Lage, würden Immobilienmakler wohl sagen. Die Vorteile sind aber auch zu offensichtlich: Man ist schnell am Bahnhof und in der Innenstadt, es gibt schönen Altbau-Wohnraum, die Mieten sind vergleichsweise niedrig und es gibt Raum für Ideen, das heißt, auch die Ladenlokale sind für relativ kleines Geld zu mieten. Ach, man sollte die Vorzüge Oberbilks vielleicht gar nicht aufzählen. Das lockt nur neue Leute an.

Wehrmann verschließt nicht die Augen vor den Problemen, sie weiß um die nordafrikanischen Jugendlichen, die nicht damit klarkommen, wenn Frauen im Sommer Kleider tragen, sie weiß auch um die verglichen mit anderen Stadtteilen höhere Armutsrate, aber: "Für mich ist Oberbilk einer der wenig wirklich urbanen Stadtteile von Düsseldorf. Und vor allem bietet Oberbilk Platz für außergewöhnliche Menschen", sagt sie.

Lars Schütt zum Beispiel, Pfarrer der Christuskirche. Er öffnet die Kirche für Kultur und segnet im Garten die Maulwürfe. Oder Ökkes Yildirim, der an der Flügelstraße eine Melange aus Tante-Emma-Laden, Café und Künstlertreff hat. Der Gitarren in die Bäume hängt, Bilder im Büdchen verkauft und sich zu Karneval als Adolf Hitler verkleidet.

Früher hat sie an der Eller Straße gewohnt. Da gab es den Alkoholiker im Haus und einen Hausmeister, der nebenbei Rosen in der Altstadt verkauft hat. Sie mag dieses Milieu. Vielleicht, weil sie in einer sehr, sehr homogenen Umgebung aufgewachsen ist. Der Vater war bei der Bundeswehr, die Familie lebte in einer Bundeswehrsiedlung. Da geht es geordnet zu. Oberbilk sei eben der Gegensatz. Noch früher war der Gegensatz - man ahnt es - Flingern. Als Wehrmann noch in Flingern lebte, gab es dort Junkies und Proleten. Heute ist es ein Konsum-Stadtteil, mit Retro-Läden und Jeans aus handgeschöpften Bio-Baumwollfasern. "In Oberbilk kann ich gar nicht so konsumieren", sagt sie. Es ist ein Stadtteil zum Leben, nicht zum Einkaufen. Sie hegt keinen Groll, es ist eher so, wie das so ist, wenn man sich getrennt hat: Im besten Fall freut man sich, dass es dem anderen gut geht.

Quelle: RP
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