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Benrath
Lesung: Bettina Tietjen schreibt über dementen Vater

Benrath. Demenz ist nicht nur zum Heulen, findet Moderatorin Bettina Tietjen. Sie las aus ihrem sehr persönlichen Buch "Unter Tränen gelacht" Von Simona Meier

Bettina Tietjen betritt die Buchhandlung Dietsch und es ist gleich, als ob sich gute Freundinnen einfach so zum Quatschen treffen. Die beliebte Moderatorin hat ein unterhaltsames Buch zu einem schwierigen Thema geschrieben: der fortschreitenden Demenz ihres Vaters, der mittlerweile gestorben ist. "Unter Tränen gelacht" heißt das Werk und es handelt vom ersten "Tüdeln" bis zur totalen Orientierungslosigkeit.

Die Lesung ist ausverkauft, doch schnell entsteht eine sehr persönliche Nähe zwischen Publikum und der Autorin Tietjen. "Ich komme aus Wuppertal und meine Schwester und meine Nichte sind heute Abend auch hier", sagt sie. Mit Düsseldorf sei sie eng verbunden und mit ihrem Vater auch öfter mit dem Schiff nach Zons gefahren, als dieser schon erkrankt war "Das hatte er dann aber zuhause in Wuppertal schon wieder vergessen", erklärt sie den Zuhörern lächelnd.

Mit strahlender Offenheit gewährt sie Einblick in das Familienleben. Unweigerlich muss das Publikum lachen, als Bettina Tietjen erzählt, wie es dazu kam, dass ihr Vater von Wuppertal nach Hamburg in ein Pflegeheim zieht. Eine Nachricht auf ihrer Mailbox verändert alles: "Guten Abend, Frau Tietjen, hier spricht die Polizei Wuppertal. Wir befinden uns im Haus Ihres Vaters. Es gab einen Zwischenfall. Wir bitten dringend um Rückruf", liest die Moderatorin vor. Dann erzählt sie launig von der lettischen Betreuerin, die volltrunken mit Filmriss im Wohnzimmer lag,

Im Wechsel liest Bettina Tietjen Passagen aus ihrem Buch oder erzählt einfach: Der Einzug ins Heim, ihr schlechtes Gewissen, eine Tanztee-Veranstaltung und der Tatsache, das ihr Vater ständig Schimpfwörter benutzte, die ihm früher nie über die Lippen kamen. "Es ist immer eine Frage der Perspektive", stellt sie fest und erklärt, wie es gelang, die guten Seiten der Veränderungen zu sehen. Ein schleichender Prozess mit kleinen Veränderungen, die zunächst der Schwester auffielen. "Meine Schwester, die gleich nebenan wohnte, hat zum Beispiel seine Brille im Tiefkühlschrank gefunden oder ihr ist aufgefallen, dass er zehn- bis fünfzehn Mal am Tag zum Geldautomaten gefahren ist und immer den gleichen kleinen Betrag abgehoben hat", sagt Tietjen.

Liebevoll hat sie gemeinsam mit der Schwester Erinnerungen rekonstruiert, manch kleine Anekdote hatte sie für sich aufgeschrieben. "Ich möchte Menschen Mut machen, an der Diagnose Demenz nicht zu verzweifeln, sondern sie als einen anderen Bewusstseinszustand zu akzeptieren", sagt sie.

Ihrem Vater sei sie in den letzten zwei Jahren seines Lebens sehr nahe gekommen. "Am Ende bin ich mit ihm durch die Innenstadt gelaufen, wir haben laut gesungen, er hat Gedichte rezitiert und ich fand es herrlich."

Quelle: RP
 
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