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Eller
Zwischen Vorurteilen und Toleranz

Eller: Zwischen Vorurteilen und Toleranz
Manuela und Rigoletto Mettbach in ihrer Wohnung mit den Enkelkindern (v.l.) Pacino, Valencia und Pacina FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Eller. Seit 2013 gibt es eine Kooperation zwischen Sinti aus Düsseldorf und der Sozialarbeitern Angelika Ritter. Von Nicole Kampe

Ein kleiner brauner Wohnwagen steht auf der Kommode im Wohnzimmer, die roten Fensterläden sind geöffnet, hinter dem Glas hängen hübsche Gardinen. Es ist ein Modell, in einem solchen Wohnwagen lebte Rigoletto Mettbach, als er ein Kind war. Als er acht war, zog er aus Duisburg weg, seine Familie fand ein neues Zuhause in Eller, ganz in der Nähe, wo Mettbach heute noch lebt. Eller - das ist alles, was der 67-Jährige preisgibt, mehr als noch vor ein paar Jahren. Er selbst hat keine Probleme damit, wenn die Menschen wissen, wo die Sinti-Siedlung liegt, "andere hier aber schon", sagt der 67-Jährige. Aus Angst vor Schaulustigen und Anfeindungen, die es noch heute gibt gegen die anerkannte Minderheit, deren Mitglieder noch heute von Menschen als "dreckige Zigeuner" beschimpft werden.

Lange haben sich die Sinti versteckt, "fast 600 Jahre mussten wir Ausgrenzung und Diskriminierung erdulden", sagt Rigoletto Mettbach, der für die meisten nur Rigo heißt. Die Nationalsozialisten versuchten die Sinti im Zweiten Weltkrieg völlig zu vernichten, Jahrzehnte wurde der Völkermord an den Sinti verleugnet. "Es gab eine Zeit, in der die Sinti die Reifen ihrer Wohnwagen gar nicht abmontierten, um schnell verschwinden zu können", sagt Mettbach.

Das ist heute anders. Viele Sinti sind sesshaft geworden, sie leben in Siedlungen, nicht nur in Eller. Und sie suchen den Dialog, sie kämpfen für Toleranz und Respekt, sie haben das Projekt "600 Jahre Vorurteile - Warum?" umgesetzt, bis Ende des Jahres gibt es dazu Veranstaltungen: Workshops, Seminare, Erzähl-Cafés in verschiedenen Stadtteilen in Düsseldorf und Köln. Vorurteile gibt es viele: "Alle klauen, überall sind Kinder und diese Wäscheleinen", sagt Rigoletto Mettbach. Geleitet hat das Projekt Angelika Ritter, Sozialarbeiterin und keine Sinti, "aber sie gehört schon zur Familie", sagt Manuela Mettbach, die Frau von Rigoletto Mettbach, der Vorsitzender der Sinti-Union in Düsseldorf ist. Vor einigen Wochen feierten die Sinti das "Django Reinhardt Festival" im Weltkunstzimmer, ein internationales Jazz-Fest, das von der Awo Integrationsagentur, der Landeshauptstadt und dem Land NRW gefördert wurde.

Musik spielt bei den Sinti eine große Rolle, Rigo Mettbach selbst ist Musiker, verdiente so sein Geld, sah die Welt. Sein Urgroßvater war Geiger, seine Mutter Sängerin und Tänzerin, die Opern liebte und ihren Sohn nach einem Stück von Giuseppe Verdi benannte. Seine Eltern überlebten beide das Konzentrationslager, die Bindung war immer eng. Das ist sie bei fast allen Sinti-Familien, am liebsten hätte Manuela Mettbach alle ihre Kinder und Enkel und Urenkel an einem Ort. "Der Platz reicht nicht", sagt sie. Manche wohnen in Düren, andere in Bremerhaven. Neun Kinder hat Rigoletto Mettbach, 31 Enkel, 29 Urenkel. Wie sie alle heißen, da muss er seine Frau fragen, sicher aber ist der 67-Jährige, dass seine Kinder, Enkel und Urenkel die Kultur leben und die Sprache sprechen. "Der Zusammenhalt ist bei uns ganz wichtig, die Alten genießen großen Respekt, niemand wird in ein Heim abgeschoben", sagt Rigoletto Mettbach. Und die Sprache, die wird mündlich überliefert, eine Schriftsprache gibt es nicht - weil in den früheren Zeiten die Angst groß war, man könnte den Sinti auch das nehmen. Heute legen sie Wert auf Bildung, gute Bildung, Schule und Ausbildung. "Das war früher anders. Unsere Eltern waren oft unterwegs, konnten uns nicht helfen."

Viel Unterstützung haben die Sinti bekommen in den letzten Jahren, eine Gedenkfeier für deportierte Sinti hat es gegeben, Bezirkspolitiker wollen eine Stele am Höherweg aufstellen. "Wir sind offener geworden", sagt Mettbach. Weil die Jüngeren es ihm leicht machen, "weil die Vorurteile weniger werden".

Quelle: RP
 
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