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Gerresheim
Bürgermeister überlässt Gräfin den Schlüssel

Gerresheim: Bürgermeister überlässt Gräfin den Schlüssel
Mit Gräfin von Quad Eva Hlouschek an der Spitze stürmen die Möhne das Gerresheimer Rathaus. Bezirksbürgermeister und Gro-Ko(ch) Karsten Kunert sowie die Bürgerwehr machen gute Miene zum bösen Spiel. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Gerresheim. Das Rathaus in Gerresheim war gestern schnell gestürmt, der Widerstand der Bürgerwehr hatte eher symbolischen Charakter. Von Marc Ingel

Alle Jahre wieder dieses Schauspiel am Neusser Tor in Gerresheim: An der U-Bahn-Haltestelle versammeln sich die Teenager, um gemeinsam in die Altstadt zu fahren. Es wird kräftig vorgeglüht, das Glasverbot interessiert hier niemanden, das Pflaster ist voll mit Scherben und den kleinen, scheinbar unkaputtbaren Schnapsfläschchen. Die Bässe wummern. Der Hähnchen-Verkäufer auf dem Markt hat gutzutun, eine feste Grundlage kann bekanntlich nicht schaden. Der Blick der Jugendlichen schweift ungläubig zur Seite.

Dort, etwa 20 Meter weiter, trotzen vor dem Rathaus vorwiegend ältere Semester, bunt verkleidet und bestens gelaunt, der Kälte. Es gilt, das Allerheiligste im Stadtteil zu erobern. Doch der Sturm auf das Rathaus ist in diesem Jahr ein laues Lüftchen. Das liegt nicht an den Möhnen, eher am mauen männlichen Widerstand. Gut möglich, dass der erstmalige (seit 1964) Auftritt der Gräfin von Quad ("Guck mal, ist die das wirklich?", wird andächtig getuschelt) für ein Erlahmen der Verteidigungspflichten der geforderten Bürgerwehr sorgt. Jedenfalls hat Hausherr Karsten Kunert den Rathausschlüssel schon vorab freiwillig ausgehändigt.

Ganz so früh will der SPD-Bezirksbürgermeister dann aber doch nicht klein beigeben, hat sich Kunert doch für diesen Vormittag aktualitätsbezogen als GroKo(ch) verkleidet. Mit jeder Faser seines Fleisches wolle er das Rathaus verteidigen, verkündet er vollmundig, doch Gräfin Eva Hlouschek hält dagegen: "Frauen regieren die Welt!" Und schon ist im Donner der Konfetti-Kanonen auch der letzte Rest an Gegenwehr dahin. "Das war ja mal wieder eine ganz schwache Leistung", veralbert die Obermöhne Ricarda Dünnwald die allzu braven Burschen der Bürgerwehr hinter dem Bezirksbürgermeister. Und dann kann sich Dünnwald noch einen persönlichen Seitenhieb nicht verkneifen: "Brauchtum ist etwas Großartiges, das wir uns auch von Nachbarn nicht nehmen lassen sollten."

Graf von Quad Rolf Müller hält sich bewusst im Hintergrund, er weiß, dass dieser Tag nicht der seine ist, seine Idee, die alte Tradition wieder aufleben zu lassen, aber offenbar Früchte trägt: "Diesen kleinen Hype müssen wir jetzt auch ausnutzen", sagt der Optiker mit Blick auf die Zukunft, denn er will nicht zum letzten Mal den Grafen verkörpert haben.

Im Rathaus brechen nun alle Dämme. Auch Kunert hat seine (alljährlich wiederkehrende) Schlappe längst überwunden und feiert ausgelassen zur Karnevals-Mucke von Marco Schmitz, der seinen Sitz im Landtag gegen das DJ-Pult eingetauscht hat. Das Rathaus ist jedenfalls so voll wie seit Jahren nicht mehr. Vielleicht, weil die Altstadt ein wenig an Reiz verloren hat. Womöglich, weil dort die ganzen Jugendlichen feiern und eben trinken. "Das hat doch nichts mehr mit Karneval zu tun", sagt eine Möhne und erntet heftiges Kopfnicken von ihren Freundinnen.

Quelle: RP
 
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