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Gerresheim
Wer war Gerrich?

Gerresheim. Buchautor Peter Stegt begibt sich in das frühe Mittelalter auf die Spuren des Gründers von Gerresheim. Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich das Image der Symbolfigur des Stifts vom Heiligen zum tapferen Germanen. Von Marc Ingel

Peter Stegt betreut das Pfarrarchiv der katholischen Kirchengemeinde St. Margareta in Gerresheim. Das hat dem Historiker sehr dabei geholfen, sich dem Menschen Gerrich anzunähern, hatte er doch Zugang zu Quellenmaterial, das anderen verborgen bleibt. Wer Gerrich war? Niemand anderes als der Gründer Gerresheims. Und da die letzte (nicht fehlerfreie) historische Beschäftigung mit dieser Person in das Jahr 1873 zurückreichte, hielt Stegt die Zeit für gekommen, Gerrich und die Entstehung Gerresheims in seinem Buch in ein neues Licht zu rücken.

Gerrich (lateinisiert Gerricus) war Franke. Unter den Merowingern entwickelte sich das Rheinland zu einem christlich geprägten Lebensraum. "Und zur weiteren Sicherung des christlichen Einflussbereichs mussten Klöster und Stifte gegründet werden, die quasi als Stützpunkte dienten", erklärt Stegt. Die Gründung des Stifts Gerresheim im Jahr 870 wurde von Erzbischof Willibert von Köln, der seine Machtposition festigen wollte, vorangetrieben. Das alles war durchaus im Sinne von Gerrich, der das Stift nicht zuletzt zur Versorgung seiner Tochter Regenberga vorsah. Zudem konnte er den Zehnten einbehalten, was sich trotz Ausgaben für Priester und Gottesdienste im Portemonnaie sehr positiv bemerkbar machte.

Gerrich war ein Adeliger im Rang eines Grafen mit Landbesitz. Der erstreckte sich - abgesehen vom Herrenhof - zwar nur auf einige Unterhöfe in der Gegend, aber immerhin. "Gerrich unterhielt auch ein funktionierendes Netzwerk zu anderen Stiften und Klöstern im fränkischen Rheinland - politisch, wirtschaftlich, außerdem verbesserte die jeweilige Fürbitte das eigene Seelenheil", erläutert Stegt.

Natürlich ist die Quellenlage bei einem fränkischen Adeligen des 9. Jahrhunderts dünn, daher hat Stegt, Lehrer am Kaiserswerther Suitbertus-Gymnasium, der sich veränderenden Rezeption im Verlauf der Jahrhunderte ein eigenes Kapitel gewidmet. "Als Verfechter des Christentums wurde Gerrich zunächst als Seliger verehrt, ab Ende des 19. Jahrhunderts legte man den Fokus des Interesses eher auf seine weltliche Funktion als Herzog, plötzlich wurde er sogar als Kämpfer für das Germanentum verklärt", wundert sich Stegt.

Auch als Gerresheim zur Stadt wurde (vor 1388) besann sich die Bürgerschaft wieder auf Gerrich, musste man doch auf die Ursprünge der Siedlung, die Wurzeln verweisen. Im Stift wurde - was für ein Zufall - just zu diesem Zeitpunkt eine neue Abschrift des Totenbuches angefertigt, die in der Nachbetrachtung viele Fragen offen lässt. Das gilt auch für eine Quelle des 15. Jahrhunderts, in der der Gründer Gerresheims als seliger Herzog bezeichnet wurde. "Man suchte seit dem 13. Jahrhundert nach einer Symbolfigur, mit der man sich identifizieren konnte, und dies zur Rechtfertigung des eigenen Status'", erklärt Stegt, der lesen musste, wie Gerrich in der Wahrnehmung später sogar zu einem Märtyrer hochsterilisiert wurde.

Damit nicht genug: Nach 1890 geriet der Christ und Herzog endgültig in Vergessenheit, stattdessen wurde in der Erinnerung dem adeligen Ritter gehuldigt, dem "tapfer kämpfenden Germanen". Im Zuge der 700-Jahr-Feier 1936 spielten Laiendarsteller die Geschichte Gerresheims als lauter wackere Germanen nach, dabei ist natürlich auch von Gerrich die Rede: Er sei der erste Siedler gewesen, "der mit Kraft und Sicherheit den zähen Eschespeer auf der Jagd und im Kampfe zu führen wusste", heißt es in der Festschrift.

"Die Verklärung seiner Person wurde im Verlauf der Jahrhunderte immer wilder", hat Stegt bei seiner Recherche erfahren. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Unfug mit den Legenden ein Ende. Zwar fand er als Gründer des Ortes Eingang in die Geschichtsbücher, mangels wirklich belegbarer Fakten war diese Episode aber stets schnell abgehandelt. Dennoch bleibt Gerricus, so wie die Gerresheimer ihn namentlich besser kennen, die Identifikationsfigur des Stadtteils. Nicht zuletzt steht die Tumba (Hochgrab) in der Basilika St. Margareta, in der Gerrichs Überreste ruhen, für die immer noch gegebene Nähe der Gerresheimer zu ihrem Gründungsvater.

Quelle: RP
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