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Heerdt
Ein Schutzengel für Dirk

Heerdt. Luna Kolvenbach ist eine Helferin für den Obdachlosen geworden. Sie hat sogar ein neues Zelt organisiert, als seins zerstört wurde. Von Nicole Kampe

Minus zwei Grad zeigt das Thermometer im Auto an diesem Morgen, die Scheiben sind gefroren, Blätter und Wiesen mit Frost überzogen. Es ist so kalt, dass sich die Finger nach ein paar Sekunden dunkelrot färben und die Nasenspitze eiskalt wird. Noch niedriger ist die Temperatur in der Nacht gewesen, minus fünf, minus sechs, vielleicht minus sieben Grad. "Der Winter ist hart", sagt Dirk, der seit vergangenem August obdachlos ist. Irgendwo in Heerdt hat er ein Zelt aufgestellt, in dem er schläft, in dem er lebt. Davor hat er einen kleinen Mülleimer postiert, sein Rucksack ist schon gepackt für die nächsten Stunden, die er auf der anderen Rheinseite verbringen wird.

Vor ein paar Tagen, als er zurückgekehrt ist von seiner Tour, war sein Schlafplatz plötzlich verwüstet, das Zelt mit einem Messer oder spitzen Gegenstand aufgeschlitzt, sein Hab und Gut ausgeräumt und rundherum verstreut. Heute weiß Dirk, dass es Kinder aus der Nachbarschaft gewesen sein müssen, eine Tüte hat er bekommen mit einer Decke und einem Entschuldigungsbrief darin, "Zigaretten und Bier haben sie noch reingepackt", sagt er. Von seinem Erlebnis erzählt Dirk sofort Luna Kolvenbach. Die wohnt um die Ecke, kommt fast jeden Tag vorbei an seinem Zelt, wenn sie mit Hund Minou unterwegs oder auf dem Weg zur Arbeit ist.

"Irgendwann habe ich mal Hallo gesagt", erinnert sich die 27-Jährige. Seitdem ist Kolvenbach eine Art Schutzengel für Dirk, bringt ihm morgens einen Kaffee oder einen Tee, manchmal gibt es Batterien, wenn er welche braucht, für die Taschenlampe zum Beispiel. Wütend ist Luna Kolvenbach dann auch gewesen, als sie vom zerstörten Zelt erfuhr. Im sozialen Netzwerk Facebook machte sie ihrem Ärger Luft, schrieb: "Bis jetzt hat Dirk keinen gestört, und auf einmal wird das Bisschen, das der Mensch besitzt, mutwillig zerstört. Wer tut sowas?", fragte sich die Heerdterin, die zu dem Zeitpunkt schon ein paar Sachen zusammengesammelt und später versucht hat, gemeinsam mit Dirk das Zelt zu kleben. "Erstmal ist nichts passiert bei Facebook, und dann wurde ich belehrt", sagt Kolvenbach, schließlich sei es nicht erlaubt, draußen zu kampieren. Plötzlich klingelte es an ihrer Tür, ein junger Mann brachte ein neues Zelt und dazu zwei Iso-Matten. So ist es dann weitergangen, den ganzen Tag lang, "ich musste sogar Sachen wieder zurückbringen", erzählt die 27-Jährige, die ganz begeistert ist von den vielen Helfern und dem Engagement der Menschen aus dem Viertel.

Auch Dirk kann es noch nicht richtig fassen, wie nett viele Mitmenschen sein können, "das habe ich auch schon anders erlebt", sagt der 40-Jährige, der mit 18 vom neuen Freund der Mutter vor die Tür gesetzt wurde und deshalb schon einmal auf der Straße lebte. Irgendwann ging es bergauf, Konditor hat Dirk gelernt, "es ist aber schwer geworden in dem Bereich", sagt Dirk, der heute allein übernachtet an dem Ort in Heerdt, den er nicht genauer sagen will aus Angst vor Anfeindungen und weil es nicht erlaubt ist. Allein ist er deshalb, "weil auch die Erfahrungen mit anderen Obdachlosen schlecht gewesen sind". Nicht nur Luna Kolvenbach hilft Dirk, abends kommen zwei Frauen, die ihm eine Thermoskanne mit Tee bringen und eine Wärmflasche. Bevor er am Morgen geht, legt er die Sachen auf ein Tablett, am Abend bekommt er sie wieder. Aufgefüllt.

Spätestens um 10 Uhr ist der 40-Jährige dann auf der anderen Rheinseite, in der Altstadt, zuerst geht er ins Shelters, dort gibt es Frühstück, eine Dusche, er kann sein Handy aufladen. Danach ist er in der Armenküche, eine tolle Sozialarbeiterin soll es dort geben, manchmal kommt ein Arzt. Den hat der 40-Jährige gebraucht, sein Husten ist schlimm geworden bei der Kälte, eine Lungenentzündung könnte es sein. Das ganze Geld für das Antibiotikum, das ihm der Doktor verschrieben hat, hat Dirk nicht sofort griffbereit, auch wenn er jeden Nachmittag am S-Bahnhof in Bilk steht und Fiftyfifty-Zeitungen verkauft. Zum Glück gibt es Luna Kolvenbach, die gleich wieder einen Aufruf startet und von Dirks schlechtem Gesundheitszustand berichtet. Die ersten Menschen haben schon einen Umschlag vorbeigebracht.

Quelle: RP
 
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