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Oberbilk
Freundschaft seit 100 Jahren

Oberbilk. Im Ersten Weltkrieg haben sich zwei Männer aus Oberbilk und dem Hunsrück kennengelernt. Seitdem sind ihre Familien verbunden. Von Julia Brabeck

Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei Familien, die bereits seit 100 Jahren hält und in der fünften Generation gelebt wird. Seit vielen Jahrzehnten treffen sich regelmäßig die Familienmitglieder aus Oberbilk und dem kleinen Hunsrückdorf Lautzenhausen, feiern zusammen, helfen sich bei Problemen und haben untereinander Patenschaften für die Kinder übernommen. Mit einem großen Fest wurde nun die lange Verbundenheit gefeiert.

Die Umstände, unter denen sich die Begründer der Freundschaft Gerhard Kardung und Wilhelm Michel kennenlernten, waren allerdings schrecklich. Beide waren 1916 als Soldaten im Ersten Weltkrieg bei der Schlacht um Verdun eingesetzt und wurden dort verletzt. "Vor dem Hintergrund, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines deutschen Soldaten bei der Schlacht um Verdun nur 14 Tage betrug, können wir froh sein, dass Wilhelm und Gerhard ,nur' verletzt wurden", sagt Winfried Bauer, der mit Doris Michel, der Urenkelin von Wilhelm, verheiratet ist. Während der Genesung im Lazarett festigte sich die Freundschaft der beiden Männer, was eigentlich verwunderlich ist, denn es gab viel mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. So war Gerhard Kardung in den Offiziersrang aufgestiegen, Wilhelm Michel hingegen war Unteroffizier. Wilhelm ist zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt, Gerhard elf Jahre jünger. Noch größer scheint der Unterschied beim heimatlichen Umfeld. Gerhard ist katholisch, kommt aus der Stadt Düsseldorf und arbeitete bis zu seiner Einberufung in einem Industriebetrieb. Dagegen ist Wilhelm evangelisch, kommt aus dem kleinen Hunsrückdorf Lautzenhausen und ist Landwirt. "Vielleicht waren es aber genau diese Unterschiede, die den einen für den anderen interessant machten", sagt Bauer.

Weil Wilhelm länger im Lazarett bleiben musste, verloren sich die beiden Soldaten aus den Augen. In der Zeitung gab Wilhelm deshalb in der Rubrik "Wo bist du, Kamerad?" Anfang der 1930er Jahre eine Anzeige auf. Diese führte zum Erfolg. Ein reger Briefwechsel folgte und Gerhard machte sich mehrmals mit dem Zug auf, um Wilhelm im Hunsrück zu besuchen. Damals eine lange Fahrt, die über acht Stunden dauerte.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges haben Wilhelm Michel und seiner Frau Lina drei Kindern und Gerhard Kardung mit seiner Frau Franziska sieben Kinder. Die Töchter Irma und Gerda Kardung werden während des Krieges für ein Jahr auf den Hof der Michels geschickt, was die Freundschaft noch einmal festigt, zumal die Eltern während dieser Zeit ihre Kinder immer wieder im Hunsrück besuchen kommen. Die Kardungs wohnten in dieser Zeit in ihrem Werkshaus in Oberbilk am ehemaligen Fußballplatz des Vereins Viktoria. Die Straße heißt heute "Im Liefeld". Dort wurden sie ausgebombt und zogen dann auf die Kölner Straße. Diese Wohnung übernahm später Gerda Kardung mit ihrem Ehemann Herbert Coenen und den Söhnen Ralf und Heinz-Georg (Heiner). Letztere hat von klein auf den herzlichen Kontakt zu den Hunsrückern kennengelernt. "Bis heute fahren wir regelmäßig zum Besuch, feiern Feste zusammen und haben eine innige Verbundenheit. Es ist so, als hätte man eine ganze Familie adoptiert", sagt Coenen. Ihn hat schon immer das Landleben und die beeindruckenden Landschaften fasziniert. Für die Hunsrücker wiederum war es spannend, die Großstadt zu erleben, etwa Karneval zu feiern oder die Altstadt zu besuchen.

Sorgen, dass die Freundschaft nicht bestehen bleiben könnte, brauchen sich die Familien nicht zu machen. Auch die fünfte Generation steht untereinander in Kontakt und feiert gerne zusammen, wie beim großen Jubiläum zum 100.

Quelle: RP
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