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Interview
"Düsseldorf hat die Industrie vernachlässigt"

Experten: So muss NRW auf den digitalen Wandel reagieren
Experten: So muss NRW auf den digitalen Wandel reagieren FOTO: Rolf Vennenbernd
Düsseldorf. Wolfgang Eder, Chef des Stahlkonzerns Voestalpine, zu dem die Böhlerwerke gehören, sagt, Düsseldorf habe zu sehr auf Mode und Werbung gesetzt. Dabei galt die Landeshauptstadt mal als das Zentrum der europäischen Stahlindustrie.

Sie haben mit den Böhler-Werken ein riesiges altes Industrie-Areal in einer der teuersten Wohngegenden von NRW. Warum verkaufen Sie es nicht, etwa zum Bau von Wohnungen?

Eder So etwas wäre aus unserer Sicht zu kurzfristig gedacht. Es gibt keinen Grund, unsere Düsseldorfer Liegenschaft ohne Not zu verkaufen. Wir sehen das Böhler-Areal als industrielle Reserve. Wer weiß heute schon, was in den nächsten Jahren an Industrieflächen gebraucht wird. Und es ist schwer, solche Flächen neu zu schaffen, ganz besonders in Europa. Außerdem ist die Lage in großer Nähe zu Autobahnen, Wasserstraßen und dem Ruhrgebiet unschlagbar.

Aber zurzeit wird das Gelände nur in Teilen genutzt, etwa für den Treff Düsseldorf IN. Was planen Sie in naher Zukunft mit den Böhler-Werken?

Bahnbrechende Produkte aus NRW FOTO: AP, AP

Eder Wir errichten in Düsseldorf ein neues Forschungszentrum für innovative Metallverarbeitung. Es entsteht hier über die nächsten Jahre ein Entwicklungscenter für das "Drucken" von dreidimensionalen Teilen aus Metall. Geplant ist die Eröffnung mit zunächst acht bis zehn Arbeitsplätzen im kommenden Jahr. Für den Standort Düsseldorf haben wir uns unter anderem wegen des guten Forschungsumfelds entschieden. Die Böhler-Werke werden damit Standort einer neuen konzernweiten Forschungseinrichtung sein.

Welche Rolle wird Düsseldorf im Konzern Voestalpine einnehmen?

Eder Wir werden die Kompetenzen unseres Konzerns auf diesem Gebiet in Düsseldorf bündeln. Die Fertigung metallischer Produkte im 3D-Verfahren ist weitaus komplexer als beim Kunststoff. Der große Anreiz dazu ist, komplexe Formen aus Metall im 3D-Verfahren ohne Materialverlust fertigen zu können. Ausgangsmaterial ist Metallpulver in entsprechender Legierung. Als größte Abnehmer von so gefertigten Produkten sehen wir die deutsche Automobil- und Automobilzulieferindustrie und den Maschinenbau.

Düsseldorf: Die Top 11 der meistbesuchten Geschäfte FOTO: dpa, arn fpt htf

Aber Düsseldorf erlebt einen Rückzug der Industrie. ThyssenKrupp ist fortgegangen, der Anlagenbauer SMS Group hat den Umzug nur aus Kostengründen verschoben. Ist die Stadt, früher Schreibtisch des Ruhrgebiets, heute industriefeindlich?

Eder In Europa ist seit Jahren generell eine zunehmende emotionale Abkehr der Menschen von Industrie und industrieller Erzeugung zu beobachten. Irgendwie fehlt dahinter aber die Logik, denn einerseits nutzen sie die Produkte industrieller Erzeugung intensiver denn je, denken Sie nur etwa an Handys, Flugzeuge, Hochgeschwindigkeitsbahnen, schwindelerregende Brückenkonstruktionen und Hochhäuser oder Autos. Andererseits wollen die Menschen die Produktion am liebsten im wahrsten Sinn des Wortes in die Wüste schicken. Industrie braucht wieder mehr Akzeptanz, muss dazu aber auch selbst viel aktiver werden, viel stärker ihren Nutzen für die Menschen darstellen - auch in Düsseldorf. Sehr unterstützenswert finde ich deshalb die ansässige Gesellschaftsinitiative Zukunft durch Industrie, die sich in der Region dieser Herausforderung bereits annimmt.

Sie stehen seit Jahrzehnten an der Spitze von Voestalpine. Reisen Sie oft nach Düsseldorf? Wie hat sich die Stadt verändert.

Eder Düsseldorf hat sich schon stark verändert. Ich erinnere mich noch gut daran, dass es vor Jahren von unserem Hauptsitz im österreichischen Linz drei tägliche Direktflüge nach Düsseldorf gab. Ich war häufig in der NRW-Hauptstadt. Düsseldorf war einfach so etwas wie das Zentrum der europäischen Stahlindustrie. Dort saßen große Player, Mannesmann und Thyssen etwa. Doch die Stadt hat meines Erachtens in den vergangenen Jahren ihre Zukunft verstärkt abseits der Industrie gesehen, vielleicht auch ein bisschen zu sehr auf sich schnell wandelnden Zeitgeist wie Mode und Werbung gesetzt. Bei aller Konjunkturabhängigkeit auch der Industrie ist sie immer noch ein vergleichsweise verlässlicher und stabiler Partner der Menschen, vielleicht wäre hier eine gewisse Rückbesinnung vor Ort durchaus sinnvoll.

Herr Eder, erst wurden Sie zum beliebtesten Manager der letzten zwei Jahrzehnte in Österreich gewählt und jetzt die Wiederwahl zum Weltstahlpräsidenten. Man könnte sagen, Sie haben einen Lauf...

Eder Ich würde das alles nicht überbewerten, schon gar nicht persönlich. Die Managerwahl sehe ich als Auszeichnung für die Arbeit des gesamten Vorstands und natürlich auch der Belegschaft. Wir verstehen uns als Team, das sich gemeinsam einer Strategie weg vom reinen Stahlhersteller hin zum Technologiekonzern verschrieben hat, und die setzen wir seit mehr als zehn Jahren mit Konsequenz um...

...und die Wiederwahl?

Eder Natürlich freut man sich über das Vertrauen der Kollegen gerade in schwierigen Zeiten. Die Branche steht vor enormen Herausforderungen nicht zuletzt hier in Europa. Da heißt es, alle Kräfte zu mobilisieren, um die Stahlindustrie am Standort halten und im internationalen Wettbewerb bestehen lassen zu können, wobei sich die Herausforderungen auch in den meisten übrigen Regionen der Welt kaum weniger dramatisch darstellen.

Klingt nach dem üblichen Lamento eines Verbandschefs...

Eder Ganz und gar nicht. Ich spreche nur die unbequemen Wahrheiten aus. Wenn wir in Europa auf dem aktuellen Kurs einer unabgestimmten und unplanbaren Klima- und Energiepolitik bleiben, die mit extrem hohen Zusatzkosten für die gesamte energieintensive Industrie verbunden ist, wird sich die klassische Stahlproduktion in Europa mangels globaler Konkurrenzfähigkeit einfach nicht mehr rechnen. Das hat nichts mit Lamento, sondern nur mit Fakten zu tun.

Scheint weit hergeholt, wenn man sich Ihre Gewinne anschaut...

Eder ...die wir überwiegend außerhalb des klassischen Stahlgeschäftes erwirtschaften, auf das nur noch rund 30 Prozent des Konzernumsatzes entfallen. Werden die jüngsten Vorschläge der EU-Kommission für den CO2-Zertifikatehandel Realität, müssen wir ab 2020 mit 200 Millionen Euro Mehrkosten jährlich rechnen. Das ist mehr als wir mit unserer Stahl-Division aktuell unterm Strich verdienen. Ein solches Geschäft lohnt sich dann nicht mehr.

Heißt das, Sie wandern ab?

Eder Das heißt zunächst einmal, dass wir den politischen Entscheidern in Europa klarmachen müssen, was für den Kontinent, insbesondere für Deutschland und Österreich als am höchsten industrialisierte Länder Europas, auf dem Spiel steht. Wir reden hier nicht nur über rund 360.000 Arbeitsplätze in der europäischen Stahlindustrie, die in Gefahr sind, sondern über ganze Wertschöpfungsketten und das damit verbundene technologische Wissen, das verloren gehen könnte.

Jetzt dramatisieren Sie!

Eder Nichts liegt mir ferner. Es sind einfach die Fakten alarmierend. Eine aktuelle Studie zeigt sehr deutlich, dass die energieintensive Industrie in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht einmal mehr die Abschreibungen investiert hat, während gleichzeitig viele Milliarden Euro im Ausland investiert wurden. Dabei besteht ein enger Zusammenhang mit den Energiekosten. Wir de-industrialisieren also, obwohl durch die Finanz- und Wirtschaftskrise sehr deutlich wurde, wie wichtig ein starkes industrielles Rückgrat für die Wirtschaft insgesamt, langfristig noch mehr aber für Wohlstand und sozialen Frieden ist.

Was würden Sie den Politikern raten?

Eder Ich würde ihnen raten, sich der Realität zu stellen und sich nicht in Illusionen und Wunschdenken zu verlieren. Klimaschutz ist ein globales Thema - verdeutlicht dadurch, dass auf Europa nur rund zehn Prozent der weltweiten Emissionen entfallen! Es wird nur funktionieren, wenn wir weltweit einheitliche und verbindliche Standards haben. Ein europäischer oder ein deutscher Alleingang bringt dem Klima nichts, solange durch eine Produktionsverlagerung ins weniger regulierte Ausland die gleiche Menge Stahl mit mehr CO2-Emissionen bei gleichzeitig weniger Kosten erzeugt werden kann. Der wirtschaftliche Schaden und der Verlust der Arbeitsplätze hingegen wären für Europa fatal.

THORSTEN BREITKOPF FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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