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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Englischer Ingenieur sorgt für Schwung

Duisburg. "Informationsreisen" brachten Know-how nach Ruhrort. Nicholas Oliver Harvey (1801 -1861) war ein Industriepionier. Von Harald Küst

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der Aufstieg vieler Duisburger Unternehmen erst durch Ideen und Erfindungen aus England möglich war. Die technologische Lücke zwischen den Ländern wurde durch "Informationsreisen" geschlossen. Der englische Ingenieur Nicholas Oliver Harvey spielte dabei eine entscheidende Rolle. Was man heute den Chinesen vorwirft, war vor 200 Jahren bei uns Gang und Gäbe: Ideenklau. Technologisch lagen die deutschen Betriebe weit hinter der Entwicklung der englischen zurück. Mit der Erfindung der Dampfmaschine stieg deren Produktion rasant an und England galt unbestritten als der Weltmarktführer. Die Lücke sollte durch Industriespionage geschlossen werden. Eine unfeine Umschreibung für Technologietransfer. Unternehmer und Ingenieure pilgerten nach England, um sich mit dem neuesten Stand der Maschinenbautechnik vertraut zu machen.

In Ruhrort dominierten vor 200 Jahren noch der Holzschiffbau und die Treidelschifffahrt. Franz Haniel erkannte frühzeitig die Chancen, die sich mit der Dampfschifffahrt auftaten. 1822 hatte er im Ruhrorter Hafen einen Schiffsanlegeplatz erworben, den später die Firma JHH (Jacobi, Haniel, Huyssen) als Schiffswerft nutzen sollte. Anlage und Leitung der Werft übernahm der JHH-Direktor Wilhelm Lueg. Man schaute sich im Ausland nach Ingenieuren um und warb 1828 erfolgreich den Engländer Harvey an. Headhunting nennt man das heute. Harvey verfügte bereits über mehrjährige Erfahrungen in renommierten englischen und holländischen Schiffsbauunternehmen. Der Wechsel zur Konkurrenz wurde mit Argusaugen und Missfallen verfolgt. "Harvey kam zu uns ganz ohne unser Zuthun - wir nahmen diesen an und so folgten mehrere" , lautete Haniels knappe Antwort auf den Vorwurf der Abwerbung.

Im Sommer 1929 unternahmen Wilhelm Lueg, Leiter der JHH - aus der die Gutehoffnungshütte hervorging - und der damals 28 jährige Nicholas Oliver Harvey eine "Informationsreise" nach England. Harvey wurde dem Ruf eines exzellenten Ingenieurs schnell gerecht. Die Früchte seiner "Informationsreise" schlugen sich alsbald in Verbesserungen und Erweiterung des Hüttenwerkes und einer Maschinenfabrik mit einer Werft im Ruhrorter Hafen nieder. Die Argumente zum Ausbau des Hafens überzeugten auch die Behörden, so dass der preußische Staat die Genehmigung zügig erteilte. Unter Leitung Harveys errichtete die Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen (JHH) am 15. April 1829 im neuen Ruhrorter Inselhafen eine Halle für den Bau von Dampfschiffen sowie eine Werkstatt für den Dampfkesselbau. Die Fachkräfte ließ man aus England kommen, die für ihre speziellen Fachkenntnisse hoch bezahlt werden mussten. Ihr Jahresgehalt betrug fast 900 Taler - fast ein Direktorengehalt. Die gute Bezahlung rentierte sich. In nur neun Monaten gelang es, in Ruhrort eine Dampfschifffahrtswerft aufzubauen. Eine Rekordzeit. Im Jahr 1830 konnte man den Stapellauf der "Stadt Mainz" feiern, des ersten auf einer deutschen Werft erbauten Raddampfers. Am 19. Oktober 1830 erfolgte die Übergabe an die Preußisch-Rheinische Dampfschifffahrt Gesellschaft (PRDG). Die Presse berichtete begeistert über den "vortrefflichen Gang des Schiffes, der äußerst reichen und eleganten Bauart und der herrlichen Inneneinrichtung". Die Aufholjagd der Ruhrorter Schiffbauindustrie hatte begonnen. 1838 kam die komplett aus Eisen gefertigte "Graf von Paris", 1845 der Schlepper "Die Ruhr" hinzu. Es war aber nicht nur Ideenklau und Industriespionage, die deutsche Unternehmen wettbewerbsfähig machten. Risikobereite Investoren, strategische Ausrichtung, Marktgespür und Wettbewerb führten viel später dazu, dass die deutschen Produkte besser waren als das britische Original. Heute zeichnen sich vergleichbare Entwicklungen im globalen Vergleich ab. Selbstzufriedenheit führt zu Trägheit - Wir sollten die dynamische Entwicklung in China und Ostasien also nicht unterschätzen.

Nicholas Oliver Harvey (1801 - 1861) war englischer Industriepionier. Nicht nur Industriespionage sondern eine kluge Heiratspolitik war zur damaligen Zeit ein Teil der Unternehmensstrategie. Im Jahr 1830 heiratete Harvey Clementine Jacobi, eine Tochter des früheren JHH-Firmen-Mitinhabers. Nach deren Tod vermählte er sich 1848 mit Julie Lueg, der Tochter von Wilhelm Lueg, der ihn 1829 auf der "Informationsreise" nach England begleitet hatte. Harveys Schwiegermutter war im Übrigen eine Nichte von Franz und Gerhard Haniel. Beide Haniel-Brüder waren wiederum Geschäftspartner Jacobis, die zusammen mit ihrem Freund Heinrich Arnold Huyssen" die Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen (JHH) besaßen, aus der später - wie bereits beschrieben - die Gutehoffnungshütte (GHH) hervorging.

Quelle: RP
 
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