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Loveparade-Katastrophe: Interview mit Sören Link
"Eine doppelte Katastrophe"

Loveparade-Katastrophe: Interview mit Sören Link
Oberbürgermeister Sören Link im Gespräch mit RP-Redakteurin Sandra Kaiser. FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Vor knapp fünf Jahren, am 24. Juli 2010, geschah in Duisburg das Unfassbare. 21 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Die Loveparade werde immer mit dem Namen Duisburg verbunden sein, sagt Oberbürgermeister Sören Link.

Wo waren Sie am 24. Juli 2010 und wie erfuhren Sie von dem Unglück?

Sören Link Ich erinnere mich sehr genau. Ich war in Irland mit einem Freund. Es war ein wunderschöner Tag in einer traumhaften Landschaft - bis zu dem Moment, als ich eine SMS bekam mit der Nachricht, dass es bei der Loveparade Verletzte gegeben habe, möglicherweise sogar Tote. Anschließend rief mein damaliger Büroleiter an und berichtete von mehreren Toten. Wir sind dann relativ schnell zurückgefahren zum Hotel und haben dort die Nachrichten verfolgt.

Was war Ihr erster Gedanke?

Link Ich war traurig und aufgewühlt. Als Allererstes habe ich mich gefragt: Wen kenne ich, wer wollte dahin gehen? Ich bin meine ganzen Kontakte durchgegangen und war dann zumindest persönlich beruhigt, als klar wurde, dass die, die ich direkt kannte, nicht betroffen waren. Der nächste Gedanke war: Welche Tragödie! Das ganze Ausmaß wurde ja erst nach und nach deutlich. Ich hatte, wie viele andere, lange gehofft, dass die Rettungskräfte, die ja so zahlreich vor Ort waren, noch mehr Menschen retten können. Als dann aber klar war, wir reden über 21 Tote und zig Verletzte, wurde mir so richtig bewusst, dass das nicht nur für die direkt Betroffenen, sondern auch für die Stadt Duisburg eine große Katastrophe ist.

Wie hat die Stadt diese Katastrophe Ihrer Meinung nach aufgearbeitet?

Link Zunächst sehr schlecht, und das war für mich die zweite Katastrophe: die Pressekonferenz am Tag danach. Die habe ich im Hotel gesehen und mit mir ganz viele andere Urlauber aus aller Herren Länder. Ich erinnere mich noch an dieses fassungslose Schweigen danach. Die Pressekonferenz hat mich wirklich beschämt. Da war mir klar: Da passiert neben der eigentlichen Katastrophe etwas, was für unsere Stadt fatal ist. Auch in der Zeit danach hat eine Aufarbeitung eigentlich nicht stattgefunden. Das war eine Phase der Verdrängung und Leugnung der damaligen Stadtspitze. Die Verantwortung haben aber zum Glück andere übernommen: Netzwerke, Initiativen, Ehrenamtliche. Ich erinnere mich an diesen Trauermarsch. Das war etwas ganz Bewegendes und auch ein Stück weit individuelle Aufarbeitung. Und ich erinnere mich an die Abwahlinitiative, die ja auch damit begründet wurde: Wenn die Stadt keine Verantwortung übernehmen will, müssen wir das eben für sie machen.

Und da kamen Sie ins Spiel, wurden schließlich Oberbürgermeister. Was haben Sie getan, um die Katastrophe aufzuarbeiten?

Link Ich habe seit 2012 als Oberbürgermeister im Grunde von Beginn an gesagt, dass die Übernahme von Verantwortung und die Aufarbeitung des Geschehenen immer Teil meiner Amtszeit sein wird. Von Anfang an habe ich großen Wert darauf gelegt, dass sich sichtbar und spürbar etwas ändert. Ich habe mich entschuldigt im Namen der Stadt für das, was passiert ist. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir eine würdige Gedenkstätte bekommen. Und ich habe Kontakt zu Angehörigen und Betroffenen aufgenommen und mit ihnen gesprochen.

Besteht dieser Kontakt noch?

Link Ja, er fand regelmäßig statt und tut dies auch heute noch, auch abseits der öffentlichen Gedenkveranstaltungen. Sehr schnell hat sich aus der Kontaktaufnahme eine persönliche Bindung ergeben, die bis heute hält und die auch sehr wichtig für mich ist. Ich habe den Eindruck, dass sich dadurch vieles entspannt hat. Ein normales Verhältnis zwischen Betroffenen und der Stadt kann und wird es wahrscheinlich so nie wieder geben. Hier haben schließlich Menschen ihre Kinder, Geschwister, Freunde und Angehörige verloren. Aber es ist ein vertrauensvolles Miteinander entstanden. Insofern ist an Aufarbeitung in der Stadt eine ganze Menge passiert.

Wie wichtig ist es, dass es zu einem Prozess kommt und der auch zu Ende geführt wird?

Link Ich weiß nicht, ob bei diesen Dimensionen am Ende die eine Wahrheit stehen kann, hinter der sich alle versammeln können und bei der alle sagen können: Ok, jetzt ist es geklärt, jetzt wissen wir, wie es war. Ich weiß nicht, ob das gelingen kann. Ich würde es mir und den Angehörigen aber sehr wünschen. Und ich glaube, sie brauchen das auch. Sie brauchen eine gerichtliche Klärung, um mit diesem schrecklichen Kapitel abschließen zu können. Und auch meine Mitarbeiter, die auf der Anklagebank sitzen werden, brauchen das. Für sie ist die momentane Situation eine große Belastung, ein Damoklesschwert, das über ihnen schwebt. Einige stecken das gut weg, einige schlechter. Auch für sie würde ich mir wünschen, dass so schnell wie möglich gerichtlich festgestellt wird, was war und was nicht war.

Wie groß ist der Imageschaden für Duisburg? Wird das Unglück der Stadt ewig anhaften? Oder ist davon heute vielleicht gar nicht mehr so viel zu spüren?

Link Es ist leider so: Die Katastrophe und auch die Bilder danach haben sich in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Es ist das Gleiche, wenn Sie an Ramstein denken. Da kommt Ihnen sofort die furchtbare Flugzeugkatastrophe in den Sinn. Ähnlich ist es bei Eschede und dem Zugunglück. Die Loveparade wird wahrscheinlich immer mit dem Namen Duisburg verbunden sein. Aber es ist besser geworden. Lange Zeit wollte niemand etwas mit dem städtischen Führungspersonal zu tun haben. Jetzt nehme ich wahr, dass Duisburg wieder ein gerngesehener und gefragter Gesprächspartner ist und dass auch wieder andere Themen in den Vordergrund rücken. Das ist gut so.

Was hat die Stadt aus der Katastrophe gelernt?

Link Bei der Genehmigung von Großveranstaltungen beispielsweise schauen wir sehr genau hin. Keiner möchte, dass Duisburg zur partyfreien Zone wird. Aber da, wo man sich entscheiden muss, wird im Zweifel immer für die Sicherheit entschieden. Das ist nicht immer populär. Aber das muss man richtig kommunizieren. Dann haben die Leute auch Verständnis dafür.

Und was haben Sie persönlich aus der Loveparade-Katastrophe gelernt?

Link Für mich ergibt sich daraus eine besondere Verpflichtung. Ich habe gelernt, dass es sehr wichtig ist, Mitarbeitern glaubhaft das Gefühl zu geben, dass man als Chef für seine eigenen Fehler und auch für Fehler der Mitarbeiter einsteht.

SANDRA KAISER STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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