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Duisburg
Mehr Nachsichtigkeit und Gelassenheit

Duisburg. Die Buchholzerin Maria Esser, die ein Jahr lang in Kolumbien im Freiwilligendienst gearbeitet hat, kehrt nun nach Deutschland zurück. Von Maria Esser

Ein Jahr lang war Maria Esser (19) in Kolumbien und hat für die RP mehrfach darüber berichtet, was sie dort erlebt und wie es ihr geht. Hier ist nun ihr Abschlussbericht:

"Der Endspurt kommt immer näher und die Zeit rennt. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass ich im Rahmen meiner Vorbereitungen auf Kolumbien ein Praktikum in einer Don Bosco Einrichtung in Essen gemacht habe. Es kommt mir so vor, als sei die Zeit wie im Flug vergangen. Ein Jahr lang habe ich gewagt, über den Tellerrand zu schauen. Und es hat sich gelohnt. Unwissen ist zu Wissen geworden und Unsicherheit zu Sicherheit. Ich kann mich in einer ganz anderen Umgebung guten Gewissens aufhalten, kenne dort Menschen und verbinde Südamerika mit mehr als nur einem Kontinent, der weit weg von Deutschland liegt.

Ich verbinde vor allem Kolumbien mit vielen Gesichtern, Erlebnissen und Anekdoten, die ich für immer in Erinnerung haben werde. Die Zeit hier war prägend, und gerade meine Arbeit in dem Patio, der Straßenkinder-Einrichtung, in der ich gearbeitet habe, hat dafür gesorgt, dass mein Jahr hier einmalig geworden ist. Ein "weltwärts"-Freiwilligendienst bedeutet mehr als ein Jahr "Work and Travel" in einem tropischen Land mit traumhaften Stränden, Gebirgszügen und dem Regenwald. Ein Volontariat bedeutet auch nicht die Welt zu verbessern und aus einem Schwellen- oder Entwicklungsland ein "Deutschland 2.0" zu zaubern. Vielmehr bedeutet ein Freiwilligendienst zu begleiten und da zu sein, sich Herausforderungen zu stellen und diese zu meistern. Aus der Sicht einiger früherer Mitschüler ist ein Jahr im Ausland mit einem solchen Schwerpunkt Verschwendung. Natürlich ist ein Freiwilligendienst auch eine Typfrage. Für mich persönlich kann ich aber das Resümee ziehen: Es war eine wunderbare Entscheidung. Meine Arbeit bestimmt meinen Tagesablauf und von den dort lebenden Jungen habe ich viel lernen können. Zum Beispiel wie man mit möglichst wenig Aufwand effektiv einen Stapel Spielkarten mischt und wie man mit einem Schnürsenkel ein Flugzeug knotet. Voller Stolz nannte mir ein Junge das Motto, das sein Leben ausmacht: "Kinder sind wie Edelsteine, die unbeachtet auf der Straße liegen. Wenn man sie aufhebt und poliert, fangen sie an zu glänzen."

Dieser Satz geht auf Johannes Bosco, den Gründer des Salesianerordens zurück. Und dieser Satz wird konkret, wenn man weiß, was der Junge im Patio erlebt hat. Er hat die Chance genutzt, um lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Dieser Satz ist auch zu meinem Motto für meine Zeit in Kolumbien geworden. Mit meinen Worten gesagt hieße es: Miteinander Momente teilen und zusammen erleben, ein Geben und Nehmen. Nicht nur die offensichtlichen Dinge wie das Lernen der Sprache, sondern auch so etwas wie einen erweiterten Blick für Nachhaltigkeit und Fairness habe ich durch meinen Schritt über den Tellerrand bekommen. Gewisse Dinge, die wir Deutschen manchmal tun oder lassen, auch Dinge, die die Politik veranlasst, erscheinen mir unnötig, überflüssig, übertrieben, zu viel des Guten. Andere Sachen wie zum Beispiel zusammen etwas zu essen, Spaß zu haben, oder einfach mal den Moment zu genießen, sind doch viel wichtiger als die Krümmung einer Banane.

Und obwohl es so etwas wie Slums in Kolumbien nicht gibt, gibt es Armutsviertel, in denen Menschen unter ärmlichsten Bedingungen leben. So etwas mit eigenen Augen und nicht nur im Fernsehen gesehen zu haben, ist eine ganz neue Erfahrung. Ich denke nicht, dass man sagen könnte, dass ein Frewilliges Soziales Jahr einen komplett in der Persönlichkeit, genauso wenig wie man mit einem solchen Dienst nicht die Welt verändert. Was wichtig ist, sind die kleinen Dinge, die aber auch ihren Wert haben und unglaublich wichtig sind.

Für mich kann ich sagen: Ich habe Weitblick, Nachsichtigkeit und Gelassenheit erlernt, bin insgesamt reicher an prägenden Erfahrungen und reifer in Einstellungsfragen geworden. Den Kindern aus dem Projekt konnte ich eine Freude mit kleinen Aktivitäten machen, konnte viele schöne und auch schwierige Momente mit anderen Menschen teilen. Das hat andere und mich froh gemacht. Und darauf kommt es an."

Quelle: RP
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