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Erkrath
Wenn Retter selbst in Seenot geraten

Erkrath: Wenn Retter selbst in Seenot geraten
In Begleitung eines Tankers konnte die in Seenot geratenen Iuventa weiter fahren und die aufgenommenen Bootsflüchtlinge an ein weiteres Rettungsschiff übergeben. FOTO: Jugend Rettet
Erkrath. Dramatische Szenen am Osterwochenende auf dem Mittelmeer, als tausende Menschen nahezu gleichzeitig über den Seeweg nach Europa gelangen wollten. So viele, dass die Rettungsschiffe an ihre Kapazitätsgrenzen stießen und das Schiff selbst in Seenot geriet. In den sozialen Medien schlägt ihnen jetzt vielfach Hass und Kritik entgegen. Von Nicole Marschall

Während die meisten von uns also friedlich das Osterwochenende genossen, zählte die italienische Küstenwache etwa 7000 Menschen, die in nur zwei Tagen im Einsatzgebiet eingetroffen waren und zum Teil in überfüllten Holz- und Schlauchbooten versuchten, das Mittelmeer zu überqueren. Am Ostersonntag sollen sich rund 3000 Menschen gleichzeitig in Seenot befunden haben, berichtet die Crew der Iuventa, die am Samstag schon 800 gerettete Personen an ein Marineschiff übergeben hatte.

Während der Bergung weiterer Flüchtlinge am Sonntagmorgen spitzte sich die Situation zu, als sich ein weiteres Holzboot mit über 700 Menschen an Bord der Iuventa näherte: "Ich habe durch ein Ausweichmanöver eine Kollision oder das Längsseitskommen abwenden können. Allerdings sprangen durch die fehlende Distanz zu unserem Schiff und ausbrechende Panik knapp 50 Personen ins Wasser und kletterten an Deck. Durch diesen Umstand kam es zu einer plötzlichen Überfüllung an Bord, die unsere Kapazitäten sprengte", berichtet Kapitän Kai Kaltegärtner: "Alle anderen Einheiten waren zu diesem Zeitpunkt ebenfalls überfüllt und in der direkten Umgebung befanden sich mehrere Hundert Menschen in Lebensgefahr, um die wir uns durch unsere eigene Überfüllung nicht mehr kümmern konnten. Die angeforderte Unterstützung, um die Menschen zu übergeben, blieb über zwölf Stunden hinweg aus. Durch das zunehmend schlechtere Wetter wurden die Personen an Deck und in den Schlauchbooten und Rettungsinseln um uns herum zusätzlich konkret gefährdet. Aufgrund dieser Entwicklungen habe ich die Entscheidung gefällt, Hilfe mit einem Mayday anzufordern."

Erst nachts stellte das MRCC Rom (Maritime Rescue Coordination Center Rom) der Iuventa einen Tanker zur Seite, in dessen Wind- und Wellenschatten das Rettungsschiff mit geringer Geschwindigkeit weiterfahren konnte, um die Geretteten sicher an ein Schiff von "Save the Children" übergeben zu können. Auch die Crew ist inzwischen wieder sicher an Land im Heimathafen von Malta. 2147 Menschen hat "Jugend rettet" als private Organisation innerhalb von drei Tagen mit Rettungsmitteln versorgt. Seit seiner Gründung fordert der Verein ein Seenotrettungsprogramm der EU; die alleinige Konzentration auf die Beseitigung der Schleppernetzwerke helfe nicht den Menschen, die in diesem Moment vor Krieg und Gewalt fliehen. "Flüchtlinge dürfen nicht zu Sündenböcken gemacht werden", unterstreicht auch Anna Bartz, Erkrather und Bonner Botschafterin von "Jugend rettet", die nach den Ereignissen vom Osterwochenende feststellen musste, dass den freiwilligen Hilfsorganisationen nun auch noch - insbesondere in den sozialen Medien - vielfach Hass und Kritik statt Unterstützung entgegenschlägt. Auch Drohungen habe es schon gegeben. "Ich habe den Eindruck, dass dabei vielfach die Sorge um die eigene wirtschaftliche Zukunft mit eine Rolle spielt", sagt sie: "Menschen fliehen vor Krieg, Verfolgung oder auch nur, weil sie in ihren Herkunftsländern keine Perspektiven mehr sehen."

Kriminelle nutzten diese Notlage aus und verfrachteten die Menschen auf Boote, die nicht seetüchtig genug sind, um europäisches Festland zu erreichen. Doch dies sei für diese Banden zweitrangig, wenn sie erst einmal kassiert hätten. Von daher spiele es für sie auch keine Rolle, ob Boote von Hilfsorganisationen die Flüchtlinge aus Seenot bergen können.

"Die Kritik, dass wir mit unserer Arbeit Menschenschmugglern in die Hände spielen und Fluchtbewegungen praktisch provozieren, ist daher unhaltbar." Die Bootsflüchtlinge ertrinken zu lassen, in der Hoffnung, dass ihr Tod für andere als Abschreckung dient, sei zynisch und aus humanitärer Sicht untragbar, so Bartz.

Quelle: RP
 
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