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Issum
Am Ende steht das große Ziel: Freiheit

Issum: Am Ende steht das große Ziel: Freiheit
FOTO: Seybert, Gerhard (seyb)
Issum. Zu Fuß, mit dem Auto und per Boot floh Kaire drei Monate und 22 Tage aus Eritrea. Gelandet ist er in Issum. Genauer gesagt in einer Flüchtlingsunterkunft. Spurensuche einer gefährlichen Reise und leise Wünsche für die Zukunft. Von Bianca Mokwa

Drei Monate und 22 Tage - Kaire zählt die Monate und Tage seitdem er von zu Hause weg ist. Issum ist seine neue Heimat, besser gesagt die Flüchtlingsunterkunft am Rande des Gewerbegebiets. Seine ursprüngliche Heimat ist Eritrea. Wer sich mit ihm unterhalten möchte, sollte Saho sprechen. "Wir haben neun Sprachen", erklärt sein Landsmann und Übersetzer David. Er ist seit zwei Jahren und drei Monaten in Issum, spricht Deutsch und hat gerade seine Sprachprüfung abgelegt. Er spricht die Nationalsprache Eritreas, Tigrinya, das reicht, um die Geschichte von Kaire zu übersetzen. Sein Weg ist einer, der oft in Fernsehbildern gezeigt wird. Die nicht ungefährliche Fahrt übers Meer war Teil davon.

Seine Reiseroute in Kurzform. Von Eritrea nach Äthiopien, Kaire schaut auf seine Beine, die Flucht begann zu Fuß. Es folgten der Weg durch Sudan und Libyen - mit dem Auto. Von dort ging es per Schiff nach Europa. Dieses "Schiff" war eher ein Boot, klein, eigentlich zu klein für die 130 Passagiere. "Im Meer haben uns Soldaten geholfen", sagt Kaire. Von der italienischen Küste ging es nach Mailand, mit dem Zug weiter nach München. Fingerabdrücke wurden genommen und der 21-Jährige kam in ein kleines Dorf in Bayern. Dann ging es nach Frankfurt und zur großen Sammelstelle nach Gießen. Das nächste war ein Ort in der Nähe von Issum oder Geldern. Wo, das war, weiß Kaire nicht genau. Es war eine Station von vielen, bis er in Issum landete.

Auf die Frage, warum er eine so lange Reise auf sich genommen hat, lächelt der Übersetzer, als wolle er sagen, so eine Frage, könne auch nur jemand stellen, der in Deutschland, in Freiheit, geboren wurde. "Weil unser Präsident ein Diktator ist. Mit nur 18 Jahre musst du Soldat werden." Männer und Frauen? "Alle, alle, Männer und Frauen", sagt David. Die Alternative ist Gefängnis. Eine Schule hat Kaire nie besucht. Seine Eltern haben Landwirtschaft, Felder, Ziegen und Rinder. Ob er sich von seinen Eltern verabschiedet hat? "Nein", sagt sein Übersetzer. Kaire schaut auf den Boden. Vielleicht war die Frage auch einfach dumm. Hätten es die Eltern gewusst, hätte sie das in Schwierigkeiten bringen können. Mittlerweile hat Kaire mit seinen Eltern telefoniert. Sie wissen, dass er in Deutschland ist. "Jetzt ist alles gut", hatten sie gesagt. Was ist denn anders in Issum, als in seiner alten Heimat? "In Issum kann ich einfach frei gehen, Spaß haben", sagt Kaire. "In Eritrea ist kein Spaß. Das ist einfach so. Wenn du über 18 bist, kannst du nicht einfach auf die Straße gehen", erklärt David. "Militär, sonst Gefängnis." Diejenigen, die beim Militär sind, sichern auch die Grenzen ab, so eine, über die auch Kaire geflüchtet ist. "Er hatte Glück", sagt David, der Übersetzer, immer wieder über das Schicksal von Kaire. Viele Leute möchten von Eritrea in den Sudan, aber da ist ja die Grenze mit den Soldaten. Sein neues Leben hat begonnen vor drei Monaten und 22 Tagen. Einmal in der Woche bekommt Kaire Deutschunterricht. Das Familienzentrum Kiss in Issum finanziert ihm außerdem einen Sprachkursus beim Internationalen Bund. Regina Kampmann vom Familienzentrum hofft auf eine Patenfamilie für den jungen Mann aus Eritrea, damit er Deutsch im Alltag einüben kann. Sie hofft noch ein bisschen mehr. "Er hatte keinen Koffer und nichts", sagt sie über sein Ankommen in Issum. "Eine Familie, die ihn wie einen Sohn behandelt", wäre das höchste der Gefühle. Sie macht sich keine Illusionen. "Wir können nicht die ganze Welt retten, aber wir gucken für euch", sagt sie an Kaire und David gewandt. Wenn Kaire sich etwas wünschen könnte, was wäre das? Sein Übersetzer nickt bedächtig. "Oh, das ist Zukunft", sagt er und übersetzt seinem jungen Landsmann. "Wenn mein Europass kommt, möchte ich eine Ausbildung machen", sagt Kaire. Mechaniker würde er gerne werden. Seine Stimme wird leise. Heiraten würde er gerne auch, später mal, und drei Kinder bekommen. Wünsche, für die Freiheit nötig ist.

Quelle: RP
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