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Geldern
Lebensgeschichten in Miniaturformat

Geldern: Lebensgeschichten in Miniaturformat
Mit viel Liebe zum Detail haben Willi Tissen und Monika Eggerling die Exponate zusammengetragen. FOTO: Bimo
Geldern. Die Ausstellung im Ponter Haus der Vereine steht kurz bevor, das 380 Seiten starke Buch ist veröffentlicht. Aus mehr als 8000 Totenzetteln formten Willi Tissen und seine Cousine Monika Eggerling ein Nachschlagewerk. Von Bianca Mokwa

Mit "Gänsehaut" beschreibt Monika Eggerling das Gefühl, das sie immer wieder bei ihrer Arbeit beschleicht. Gemeinsam mit ihrem Cousin Willi Tissen arbeitet sie an einer Bestandsaufnahme von Totenzetteln. Ein Teil davon wird zum Volkstrauertag in Pont ausgestellt, mehr als 8000 sind zu einem Buch zusammengefasst.

Einen Vorabdruck des 380-Seiten-Werkes hält Eggerling in ihren Händen. Darin ist zum Beispiel der Totenzettel von drei Brüdern abgedruckt, die alle innerhalb weniger Wochen während des Zweiten Weltkriegs aus dem Leben gerissen wurden. "Die Personen sind einem fremd, aber trotzdem geht einem das Schicksal nah", sagt Eggerling. Das Buch ist eine wahre Fundgrube für Ahnenforscher und diejenigen, die tiefer in die Heimatgeschichte eintauchen wollen. Die mehr als 8000 Totenzettel sind in einer Tabelle nach Namen geordnet. Sie stammen aus dem Altkreis Geldern und Umgebung und den nahen Niederlanden.

Die Totenzettel sind auch ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, ein Spiegel der damaligen Gesellschaft. "Früher starben die Frauen im Kindbett, erst die Frauen, Tage später das Kind", interpretiert Eggerling die Totenzettel aus der Vergangenheit. Wer genau hinschaut und sich nicht vom Wort "Totenzettel" abschrecken lässt, der erlebt spannende Einzelschicksale und entdeckt sogar manches Hoffnungsvolle. Eggerling weist auf ein solches Schriftstück hin. Es ist der Totenzettel einer Frau, die versteckt wurde, weil sie von den Nationalsozialisten als "unwertes Leben" deklariert wurde. "Die Frau hat noch 45 Jahre im Kloster gelebt und ist tatsächlich noch sehr alt geworden", erzählt Eggerling diese Lebensgeschichte zu Ende.

Für die Ausstellung in Pont werden sich die Exponate natürlich vor allem um lokale Persönlichkeiten drehen. Ergänzend werden Fotos von Häusern hinzugefügt oder von alten Rechnungen aus örtlichen Betrieben, um die Geschichte abzurunden. "Wir finden auch den Bogen zu den erfreulichen Dingen", verspricht Eggerling und zeigt das Foto einer Ponter Doppelhochzeit. Außerdem habe sie ein Original-Brautkleid aus dem Jahr 1903 aufgetrieben. "Es hat die Zeit überdauert", sagt Eggerling. Es stammt aus Familienbesitz. Geheiratet wurde damals in Schwarz. Das Brautkleid trug man damals auch als Festtagskleid, und später kam es auch als Trauerkleid zum Einsatz.

Die Totenzettel, deren Ausstellung am Volkstrauertag in Pont zu sehen sein wird, geben viel aus der Vergangenheit der Verstorbenen preis. FOTO: Eggerling

Trauer, da ist man schnell wieder bei den Totenzetteln. Die Kultur der Totenzettel habe sich verändert, sind sich die Autoren des Buches einig. Eggerling zeigt ein echtes Schmuckstück aus dem Jahr 1813, den Totenzettel von Petrus van der Schüren. "Der war von 1783 bis 1813 Priester in Aldekerk und maßgeblich am Umbau der Kirche beteiligt", geben die Autoren ihr Hintergrundwissen preis.

"Handgeschöpftes Papier", weist Tissen auf eine Besonderheit des Totenzettels hin. Totenschädel sind als Zeichen der Vergänglichkeit aufgedruckt, auf der anderen Seite ist ein Lamm mit Banner abgebildet, ein Hinweis auf Jesus Christus, den Gottessohn als Lamm Gottes. "Weniger christliche Symbole, weniger Informationen", fassen die Autoren die Veränderung bei den heutigen Totenzetteln zusammen. Die modernen sind meist bunter, haben oft Fotos der Höfe dabei, wenn es sich um einen Sterbefall in der Landwirtschaft handelt. Und auch bei den modernen Totenzetteln gibt es Geschichten, die berühren. Eggerling erinnert sich an eine Frau, die kurz vor dem Tod durch eine Krankheit, eine Kreuzfahrt machte. Das Bild eines Sonnenuntergangs auf dem Schiff ziert ihren Totenzettel. Wieder so ein Gänsehautmoment.

Und nicht nur für die Ahnen- und Geschichtsforscher sind diese kleinen Zettel wichtig. "Auch für die Trauergäste", sagt Eggerling. "Denn die können sich das Leben des Verstorbenen noch einmal vor Augen führen." Wie so ein individueller Abschiedsgruß aussehen kann, davon können sich die Besucher der Ausstellung ein erstes Bild machen. Ergänzt wird die Ausstellung anlässlich des Volkstrauertags durch Kriegsliteratur von Gerhard Tissen.

Quelle: RP
 
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