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Marathon
Der Lauf in ein neues Leben

Seit 15 Jahren sitzt Christoph H. im Gefängnis. Dort ist er zu einem exzellenten Marathonläufer geworden. Der Sport hilft dem 42-Jährigen, seine zweite Chance wahrzunehmen. Von Markus Haegert

Christoph H. blickt sportlich auf ein starkes Jahr zurück: Beim Marathon um den Essener Baldeneysee erzielte er in 3:15 Stunden eine neue persönliche Bestzeit; in Troisdorf absolvierte er seinen ersten Ultra-Marathon, als er in sechs Stunden 66 Kilometer Strecke zurücklegte. Der 42-Jährige absolviert für solche Leistungen auch ein volles Trainingsprogramm: 80 bis 100 Laufkilometer spult er in der Woche herunter, betreibt zum Ausgleich noch Fitness und Meditation.

Christoph H. sieht man seine sportliche Leidenschaft an: Die Haut ist sonnengegerbt vom stundenlangen Außentraining, und die Statur wirkt zwar ausgemergelt, aber immens zäh. Dieser Mann ist der typische Langstreckenläufer – oder auch nicht. Christoph H. sitzt ein in der JVA Pont. Er ist verurteilt zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Warum, das möchte er nicht öffentlich machen. Es ist auch das Laufen, das ihm den Weg ebnet in ein Leben nach dem Knast. "Ich habe eine zweite Chance", sagt H.

Einmal am Tag entflieht Christoph H. den acht Quadratmetern von Zelle 001 im Hafthaus C. Dann zieht er seinen Sportdress an, schnürt die Laufschuhe und geht in den Innenhof. Von 16 Uhr an blendet er alles um sich herum aus und läuft. Eine Stunde lang, zehn bis zwölf Kilometer weit, aber immer im Kreis. Nur rund 165 Meter misst eine Runde, hat er für sich ausgerechnet. Eine halbe Stunde läuft er links herum, danach dreht er und läuft rechts herum. Oft wird er von vier bis fünf anderen laufbegeisterten Häftlingen begleitet. "Aber ich nehme in der Zeit links und rechts von mir nichts wahr."

Vor dreieinhalb Jahren wurde Christoph H. von Schwerte nach Geldern verlegt. Der gelernte Altenpfleger hatte gerade seinen Realschul-Abschluss nachgeholt und konnte nun eine neue Ausbildung zum Offset-Drucker beginnen. Zu seinem Arbeitsalltag in der JVA gehört das Lauftraining. Damit hatte er als 20-Jähriger in seiner Heimatstadt Gronau "just for fun" begonnen, aber nach dem Gang ins Gefängnis erst einmal fallen gelassen. "In den ersten Jahren hatte ich ganz andere Sachen im Kopf", sagt er. In Schwerte schloss er sich nach einiger Zeit wieder einer Laufgruppe an – und fand auch in Geldern Gleichgesinnte.

Seit etwa einem Jahr gilt Christoph H. für die Justiz als "lockerungsgeeignet", das heißt, er darf einmal in der Woche für einige Stunden die JVA verlassen. "H. ist ein Gefangener, der viel Eigeninitiative zeigt, um sich in die Gesellschaft zu integrieren", sagt Abteilungsleiterin Angelika Grefer. Sie bekommt für jeden einzelnen Ausgang einen Antrag auf ihren Schreibtisch und muss ihn unterschreiben. Die vorübergehende Freiheit nutzt Christoph H. zum Training. Er läuft mal 20, mal 30 Kilometer – immer in Begleitung eines JVA-Bediensteten. Die Unterschiede verschwinden mit jedem Schritt, sagt der 42-Jährige: "Beim Laufen gibt es keinen Gefangenen und keinen Beamten."

Seine persönliche Sternstunde erlebte der Westfale vor einem Jahr: Da durfte er erstmals an öffentlichen Wettkämpfen teilnehmen. Erst in Emmerich beim Adventslauf, kurz danach beim Silvesterlauf in Pfalzdorf. "Die tolle Stimmung war der Grund für mich zu sagen: Das will ich machen." Seitdem trainiert er noch intensiver.

Jürgen Metternich ist Sozialarbeiter in der JVA Pont, Peter Wasser Industriemeister in der Druckerei der JVA. Beide sind in der Langlaufgemeinschaft (LLG) Kevelaer aktiv. Und hatten die Idee, Christoph H. zum Vereinstraining mitzunehmen. Zweimal lief H. in der Gruppe mit, beim dritten Mal ging er auf die Laufkollegen zu und gab seinen ungewöhnlichen Lebenslauf preis. "Ich will im persönlichen Umgang mit offenen Karten spielen", hat er sich als Maxime gesetzt, "wenn sich dann jemand von mir distanzieren will, akzeptiere ich das." Vorgekommen sei das aber noch nicht.

Im Gegenteil, Christoph H. trainiert seit einigen Monaten einmal in der Woche mit den LLG-Kollegen – und fährt gemeinsam mit ihnen zu Wettkämpfen. Peter Wasser, der Vorsitzender des Vereins ist, sagt: "Christophs Hintergrund ist überhaupt kein Thema. Er wohnt eben in Geldern am Möhlendyck, und die anderen Läufer haben andere Adressen."

Der "Knacki" unter den "Marathonis" fordert höchstens den einen oder anderen derben Spruch von seinem Laufkollegen heraus. "Das ist doch nur ein Zeichen, dass die Leute locker damit umgehen", so H. Ganz gewöhnlich ist diese unverkrampfte Auseinandersetzung nicht. Dessen ist sich Christoph H. bewusst: "Mir wird ein unglaubliches Vertrauen entgegengebracht. Das ist das erste Mal, dass ich das so erlebe."

Davon will er etwas zurückgeben: H. leitet die Fitnessgruppe in der JVA, will im Frühjahr einen Halbmarathon auf dem Gefängnis gelände organisieren. Er arbeitet ehrenamtlich an jedem zweiten Wochenende am Gelderner Wasserturm als Hausmeister – und er ist Mitglied in einem Kirchenchor. "Es läuft optimal für mich, seit ich in Geldern bin", sagt H. mit einem offenen Lächeln.

Mitte kommenden Jahres steht eine erneute Veränderung für Christoph H. an: Ihm ist der Wechsel in den offenen Vollzug in Aussicht gestellt worden, um die Chance zu haben, bis 2012 ganz aus der Haft entlassen zu werden. Dafür müsste er nach Euskirchen, wo er auch schon einen Arbeitgeber gefunden hat, der ihn im Wissen um die Vita beschäftigen möchte. Einen Freundeskreis hat er in Geldern aufgebaut. Darum sagt er: "Dem Verein werde ich auf jeden Fall treu bleiben."

Quelle: RP
 
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