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Lokalsport
Gib den "Neandertalern" keine Chance

Lokalsport: Gib den "Neandertalern" keine Chance
Mit viel Fantasie wird der Sandsack zum Täter und dementsprechend mit Stockschlägen traktiert. Trainer Achim Wagener (links) beobachtet die Schlagtechnik und gibt die nötige Korrektur. Neben der körperlichen Auseinandersetzung gab es auch viel Nachdenkenswertes. FOTO: Thomas Binn
Geldern. Im Selbstverteidigungs-Kursus "Frauen-Power - keine Angst vor Karneval" wurde viel gekämpft und geredet. Achim Wagener und seine Trainerinnen brachten den Teilnehmerinnen bei, wie "frau" sich Respekt verschaffen kann. Von Bianca Mokwa

"Frauen-Power - keine Angst vor Karneval", so ist der Kursus deklariert, an dem ich teilnehmen soll. Ich hätte schon stutzig werden sollen, als in der Beschreibung "Schreibsachen mitbringen" stand. Am Abend werden mir die Muskeln brennen und der Kopf rauchen. Selbstverteidigung, das musste ich lernen, ist alles andere als "hau drauf".

Warum überhaupt Selbtverteidigung? "Weil es da draußen noch ein paar Neandertaler gibt", lautet einer der Einstiegssätze von Trainer Achim Wagener. Es geht auch gar nicht um Karneval, die Angst nach den schlimmen Vorfällen in der Silvesternacht in Köln. "Gewalttaten gegen Frauen hat es immer schon gegeben", stellt Wagener klar. Es geht vor allem um Respekt. Und sich diesen als Frau auch zu erhalten. Mit drei weiteren Frauen und zwei Mädchen im Teenager-Alter nehme ich an einem Tisch Platz.

Trainer Achim Wagener verteilt zunächst Informationsmappen. Unterstützt wird er von seinen Co-Trainerinnen Britta Peters und Meike Tersteegen. Beide erfahrene Kampfsportlerinnen. Eines macht Wagener gleich zu Beginn deutlich: "Wenn ihr euch verteidigen wollt, hat das nichts mit Kampfsport zu tun. Beim Kampfsport gibt es Regeln, gekämpft wird in gleichen Gewichtsklassen, das ist eine ganz sportliche Sache." Bei der Selbstverteidigung, da geht es vor allem um zweierlei: Schnelligkeit und Effizienz.

Bevor es an die Sandsäcke geht, wird erst einmal gelesen. Zehn Seiten zum Thema Notwehr sind in den Kursunterlagen abgedruckt. Credo: Notwehr ist erlaubt. Wichtigste Prämisse: Gehirn einschalten, ein Gefühl für eine Situation bekommen. Wagener gibt praktische Beispiele. Das Auto steht auf einem unbeleuchteten Parkplatz am Restaurant. "Fragt doch einfach den Kellner, ob er euch zum Auto begleitet." Von der Disco raus zum Auto. "Dann geht nicht alleine, sondern mit zwei, drei Leuten."

Dann kommt Bewegung in die Sache. Je zwei Frauen bilden ein Team. Eine erhält einen Ball. Dieser soll nicht aus der Hand gegeben werden, egal was passiert. In der Fantasie wird der Ball zur Handtasche. Eine Minute Zeit. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich raufen. Ich stelle mir eine echte Bedrohung vor. Alles ist erlaubt, außer kratzen und beißen. Den Ball gebe ich nicht her, auch wenn ich zunächst das Gefühl habe, keine Chance zu haben. Nach 45 Sekunden gibt meine "Gegnerin" auf. Sie hat keine Kraft mehr. "Ihr gebt nicht auf", wird unser Trainer später sagen.

Das funktioniert tatsächlich. In einer realen Gefahrenlage wird mein Gegner größer und stärker sein. Aber ich bin erstaunt, welche Kräfte in mir schlummern. Wagener klärt über die acht körperlichen Waffen auf. Zwei Fäuste, zwei Füße, zwei Ellenbogen, zwei Knie. Alle werden am Sandsack und am Gegenüber geprobt.

Am nächsten Tag werden sich zwei Jungs zur Verfügung stellen, im Komplettschutz. Am Beispiel eines Skeletts zeigt Wagener die Stellen, die schmerzen, wenn sie getroffen werden. Am nächsten Tag dürfen "Waffen" mitgebracht werden, die offiziell nicht als solche deklariert sind. Dazu gehören der Schlüsselbund, die Kreditkarte und der gute, alte Regenschirm. "Ich glaube, das viele Frauen bewaffnet sind, es aber gar nicht wissen", sagt der Trainer. Mit entsprechender Technik werden aus Alltagsgegenständen Verteidigungswaffen. Der Kursus ist ein Rundumschlag. Gestik, Mimik, Körperhaltung müssen klar sein, selbstbewusst.

"Alles was ihr macht ist richtig, ihr seid perfekt, wie ihr seid", gibt Wagener uns Frauen mit auf den Weg. "Keine Rückschritte", sagt Wagener. "Unsere Kultur ist soweit, Frauen stehen auf der gleichen Stufe wie Männer. Sie müssten eher hofiert werden." Es geht plötzlich gar nicht mehr um die Taten der Silvesternacht in Köln. "Gewalt gegen Frauen fängt klein an, mit frauenfeindlichen Sätzen", erklärt der Trainer. Es geht um Respekt.

Quelle: RP
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